Eishockey

Die SCL Tigers und die erstaunliche Leichtigkeit des Verlierens

Langnaus Trainer Rikard Franzén verliert meistens. Trotzdem geniesst er höchstes Ansehen und wird den Vertrag bald verlängern.

Klaus Zaugg
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Der schwedische Trainer Rikard Franzén.

Der schwedische Trainer Rikard Franzén.

Bild: Freshfocus

Miserabel. Das ist in einem Wort die sportliche Bilanz der SCL Tigers. Am wenigsten Punkte pro Spiel (0,88), das schwächste Powerplay (9,71Prozent Erfolgsquote) und das schwächste Unterzahlspiel (72,57 Prozent). Die Emmentaler liegen nur nicht auf dem letzten Platz, weil der SC Bern bisher sechs Spiele weniger ausgetragen hat. In diesem Jahrhundert hat sich in Langnau noch nie ein Trainer mit dieser Bilanz im Amt halten können.

Doch Rikard Franzén (52) erfreut sich hoher Wertschätzung. Diese Woche haben die Gespräche mit Sportchef Marc Eichmann zum Thema Vertragsverlängerung begonnen. Wie kann das sein? Der lockere Umgang mit dem Misserfolg hängt sicherlich auch damit zusammen, dass es diese und nächste Saison keinen Absteiger gibt. Da fällt es allen leicht, zu sagen: Wir sind miserabel – ja und? Aber es gibt einen weiteren Grund für die gnädige Beurteilung des Misserfolges. Unter ihrem schwedischen Trainer haben die Langnauer so etwas wie die Leichtigkeit des Seins in Zeiten der Krise entwickelt. Sie verlieren Spiele, aber nie ihre Identität und den Mut. Wahrscheinlich hat es noch nie eine Mannschaft gegeben, die so oft verliert und doch nicht den Eindruck von Verlierern erweckt.

Bei Franzén sind Fehler erlaubt

Franzén war zuvor in Langnau der Assistent des grantigen Cheftrainers Heinz Ehlers. Die klare Ordnung auf dem Eis führt er weiter. Aber der Umgangston ist ein anderer. Franzén setzt konsequent den Auftrag seines Sportchefs um und setzt auf die eigenen Spieler. Keijo Weibel (20) darf auch mal in der ersten Linie stürmen und Patrick Petrini (19) im Powerplay spielen. Ehlers hat keinen Fehler verziehen. Ein Spieler sagte einmal sinngemäss, nach einem Fehler habe man drei perfekte Einsätze hinlegen müssen, um Ehlers wieder gnädig zu stimmen. Aber leider habe man gar keine Chance zu weiteren Einsätzen bekommen.

Unter Franzén sind Fehler erlaubt. Er sagt: «Es geht nicht einfach um Fehler. Es geht darum, welche Fehler einer macht. Es ist ein grosser Unterschied, ob einer als hinterster Mann die Scheibe verliert oder in der gegnerischen Zone einen Trick versucht und hängen bleibt. Fehler gehören zu unserem Spiel. Wer Angst vor Fehlern hat, kann sein Talent nicht mehr umsetzen.» Diese Angst hat Langnaus Trainer seinen Spielern genommen. Inzwischen wird die Einsatzzeit jedes Spielers gemessen. Ob die jungen Spieler eingesetzt werden oder nicht, kann dem Coach bis auf die Sekunde genau vorgerechnet werden. «Es geht nicht nur um Eiszeit», sagt Franzén. «Es geht auch um die Rollenverteilung im Team und um eine noch intensivere Auseinandersetzung mit der Entwicklung der jungen Spieler. Die Ausbildung ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Wie viele Spiele braucht einer, bis er den Durchbruch schafft? Das müssen wir herausfinden und Geduld haben. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Peter Forsberg kam nicht so recht voran. Er war in unserem damaligen B-Nationalteam nur ein Mitläufer und sass frustriert auf der Bank. Da gab ihm der Coach doch eine Chance und er erzielte in seinen drei nächsten Einsätzen drei Tore.» Wenn schon der spätere Weltstar Forsberg nicht gleich auf Anhieb gerockt hat – wie soll das dann ein Junior aus Langnau? Geduld ist ein wichtiger Faktor.

Und so sind die SCL Tigers trotz sechs Niederlagen in den letzten acht Partien ein unangenehmer Gegner. Sie verlieren zwar meistens. Aber sie sind nie passiv. Sie resignieren nie und sie verlieren den Mut nicht. Wird der Gegner nachlässig wie die ZSC Lions am letzten Sonntag, dann wird er bestraft: Die Langnauer holten im Schlussdrittel ein 0:3 auf und siegten nach Penaltys – mit Keijo Weibel und Patrick Petrini in Hauptrollen. Am Dienstag passte Biel nach einer 4:0-Führung besser auf und wird die Langnauer auch am Freitag im «Rückspiel» sicher nicht unterschätzen. Die Leichtigkeit des Seins in der Niederlage ist aber auf Dauer nur möglich, wenn es weiterhin zwischendurch einen Sieg zu feiern gibt – wie eben in Zürich oder wie zuvor am 30.Dezember gegen den SC Bern. So ein Sieg alle zwei Wochen reicht als «Proviant», um durch die Saison zu kommen.