EISHOCKEY: Die Zauberformel vom Zauberberg

Lugano-Stürmer Damien Brunner (30) verfolgt den Spengler-Cup verletzungsbedingt nur von der Tribüne aus. Das eröffnet Trainer Doug Shedden neue Perspektiven.

Klaus Zaugg/Davos
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Damien Brunner stand gestern in Davos mit Kindern auf dem Eis. (Bild: Melanie Duchene/Keystone (Davos, 28. Dezember 2016))

Damien Brunner stand gestern in Davos mit Kindern auf dem Eis. (Bild: Melanie Duchene/Keystone (Davos, 28. Dezember 2016))

Klaus Zaugg/Davos

sport@luzernerzeitung.ch

Hat Luganos offensiver Schillerfalter Damien Brunner (30) gestern am frühen Abend auf dem Zauberberg die Zauberformel für den Titelgewinn gefunden? Das ist sehr wohl möglich. Die Geschichte geht so: Das Spiel gegen Mountfield ist aus. Lugano hat 4:3 gewonnen und steht beim Spengler-Cup im Halbfinal. Die Helden kommen vom Eis und verschwinden in der Kabine. Die kräftigen Männer wirken auf Schlittschuhen noch riesiger und bedrohlicher. Nur einer fällt optisch aus dem Rahmen. Er steckt nicht in der Hockey-Ausrüstung, trägt einen Kapuzenpulli und gemahnt ein bisschen an einen Hockey-Hip-Hopper. Sein Name: Damien Brunner.

Dieser Spengler-Cup könnte «sein» Turnier sein. Wenn Brunner sein bestes Hockey zelebriert, wenn die Segel seines Selbstvertrauens gestrafft sind, dann ist er der torgefährlichste Schweizer Stürmer. In Kloten kam er einst nicht über die vierte Linie hinaus, in Zug reifte er unter Doug Shedden zum Liga-Topskorer (2012) und setzte sich auch in der NHL vorübergehend durch (135 Spiele/67 Punkte). Aber seit seiner Rückkehr in die Schweiz zum HC Lugano im Dezember 2014 haben wir nie mehr den besten Damien Brunner gesehen.

Verletzungsserie seit seiner Rückkehr

Es ist nicht seine Schuld. Jahrelang tanzte er durch die gegnerischen Verteidigungen, hundertmal ist bei Checks nichts passiert. Doch seit seiner Rückkehr ist es wie verhext. Auf eine entsprechende Frage muss er nachdenken, um alle seine Blessuren in den letzten zwei Jahren aufzuzählen. Zweimal erwischt er eine Gehirnerschütterung. Einmal verdreht er das rechte Knie. Einmal zerrt er sich schwer den Muskel im Oberschenkel – und als alles überstanden scheint, erkrankt er im Sommer 2016 schwer an einem Darminfekt und muss seine Ernährung auf glutenfrei umstellen. Weil es Lugano nicht läuft, kehrt er mit zu wenig Training in den Beinen im Herbst 2016 ins Team zurück, und es erwischt ihn wieder am rechten Knie. Deshalb darf er beim Spengler-Cup in Davos, das der Dichter Thomas Mann als Zauberberg bezeichnet hatte, nicht mitspielen.

Ein gewöhnlicher Spieler wäre nach einer solchen Serie von Missgeschicken wahrscheinlich geknickt, sicherlich entmutigt, auf jeden Fall enttäuscht und gewiss nicht freundlich und guter Laune. Aber Brunner ist kein gewöhnlicher Spieler. Deshalb ist er Liga-Topskorer geworden – und deshalb findet er jetzt die Zauberformel für den Titelgewinn.

Luca Fazzini (21), auch ein Schillerfalter, hat gegen Mountfield ein Zaubertor zum 3:1 erzielt. Er ist so gut wie noch nie, und wenn er so weiterspielt, dann wird er im Team den Platz bekommen, der eigentlich Brunner zusteht: die Flügelposition im ersten Sturm. Auch Fazzini ist Flügel, auch er schiesst rechts, auch er hat dieses gewisse «Etwas» im Abschluss. Der neue Brunner? Nein, noch lange nicht. Aber er ist ein Lugano-Junior, und sein Vertrag läuft aus, auch Zugs Sportchef Reto Kläy ist interessiert.

Fazzini könnte Brunners Platz einnehmen

Brunner freut sich über die guten Leistungen seines Konkurrenten. «Schreibt doch eine Geschichte über ihn. Er ist das Thema, nicht ich.» Aber so ist es eben nicht. Zu interessant ist die Frage: Was wird aus Brunner (mit Vertrag bis 2019), wenn er in zwei bis drei Wochen ins Team zurückkehrt und Fazzini seinen Platz eingenommen hat? «Dann spiele ich eben im dritten oder vierten Sturm.» Brunner bloss im dritten Sturm oder gar vierten Sturm? Würde er denn eine solche Rückversetzung akzeptieren? «Ja, das würde ich. Ich muss nicht mehr für meinen persönlichen Ehrgeiz spielen, ich war Liga-Topskorer, ich war in der NHL. Aber ich will den Erfolg für das Team. Wenn der ‹Fazz› weiterhin so gut ist, dann werde ich eben in der dritten Linie spielen – und dann sind wir sehr, sehr gefährlich.»

Das ist sie, die Zauberformel für Lugano: Luca Fazzini im ersten, Damien Brunner im dritten oder vierten Sturm. Lugano hat im letzten Frühjahr den Final gegen Bern verloren, weil Shedden phasenweise nur noch mit zweieinhalb Angriffsreihen stürmen liess. Die besten Spieler viel zu stark zu forcieren, ist nun mal die Ursünde aller kanadischen Bandengeneräle. Aber wenn Shedden einen so guten, so speziellen Brunner im dritten Sturm hat, wird sogar er die Kräfte so verteilen, dass es für die Playoffs und zum Titel reichen kann.

Vorausgesetzt, er ist in den Playoffs noch im Amt.

Davos. Spengler-Cup. Gruppe Torriani: Lugano - Mountfield Kralove 4:3. – Rangliste: 1. Lugano 2/6. 2. Mountfield Hradec Kralove 2/3. 3. Jekaterinburg 2/0. – Lugano direkt in den Halbfinals.

Gruppe Cattini: Dynamo Minsk - Davos 4:5. – Rangliste: 1. Dynamo Minsk 2/3 (11:9). 2. Davos 2/3 (8:8). 3. Team Canada 2/3 (8:10). – Minsk direkt in den Halbfinals.

Das Programm. Pre-Semi-Finals (Viertelfinals). Heute, 15.00: Mountfield Kralove - Team Canada. – 20.15: Davos - Jekaterinburg.

Lugano - Mountfield HK 4:3 (2:1, 2:0, 0:2)

6300 Zuschauer (ausverkauft). – SR Wehrli/Wiegand, Borga/Obwegeser.

Tore: 12. (11:18) Hofmann (Wilson/Ausschluss Knotek) 1:0. 12. (11:53) Simanek (Cerveny) 1:1. 19. Hofmann 2:1. 30. (29:23) Fazzini (Lapierre) 3:1. 31. (30:51) Vesce (Klasen/Strafe angezeigt) 4:1. 44. Dzerins (Ausschluss Picard!) 4:2. 52. Cerveny 4:3.

Strafen: 7-mal 2 Minuten gegen Lugano, 6-mal 2 Minuten gegen Mountfield Kralove.

Lugano: Manzato (52. Merzlikins); Wisniewski, Wilson; Chiesa, Furrer; Ulmer, Heinrich; Hirschi, Sartori; Bürgler, Zackrisson, Hofmann; Walker, Lapierre, Sannitz; Vesce, Martensson, Klasen; Bertaggia, Gardner, Fazzini.