Eishockey
Die ZSC-Lions und der «Mythos Leonardo Genoni»

Zum ersten Mal in der Geschichte war im ersten Spiel in einem Playoff-Final der gegnerische Torhüter besser als Leonardo Genoni.

Klaus Zaugg
Drucken
Das dramatische Ende: 2,2 Sekunden vor Schluss muss sich Leonardo Genoni von ZSC-Stürmer Justin Azevedo (links) bezwingen lassen.

Das dramatische Ende: 2,2 Sekunden vor Schluss muss sich Leonardo Genoni von ZSC-Stürmer Justin Azevedo (links) bezwingen lassen.

Claudio Thoma

Müssen wir uns nach diesem Final von einer liebgewordenen Gewissheit verabschieden? Eishockey ist ein unberechenbares Spiel. Aber es gibt doch ein paar Wahrheiten, die uns die Orientierung erleichtern.

Dazu gehört der «Mythos Genoni»: Wenn Leonardo Genoni den Playoff-Final erreicht, dann gewinnt seine Mannschaft den Titel. Er hat bis heute jeden Playoff-Final gewonnen, den er gespielt hat: 2009, 2011, 2015 mit Davos, 2017 und 2019 mit Bern sowie 2021 mit Zug.

Weil er in jedem dieser Finals der bessere Torhüter war. 2009 und 2011 besser als Klotens Ronnie Rüeger, 2015 besser als Lukas Flüeler (und das will wahrlich etwas heissen, denn Lukas Flüeler hat die Finals von 2012, 2014 und 2018 gewonnen!), 2017 und 2019 besser als Zugs Tobias Stephan und 2021 noch besser als Servettes Daniel Manzato. Und selbst den WM-Final von 2018 hat er gegen Schweden erst im Penalty-Schiessen verloren.

Ein Transfer, der die Hockey-Landkarte verändert hat

Sein Transfer von Bern nach Zug hat sogar die Hockey-Landkarte verändert. Im Sommer 2019 zügelt Leonardo Genoni von Bern nach Zug. Im Sommer 2019 ist der SCB Meister. Seither haben die Berner ohne Leonardo Genoni nicht einmal mehr direkt die Playoffs erreicht und im letzten Frühjahr mit Rang 11 die schlechteste Platzierung seit dem Wiederaufstieg von 1986 eingefahren.

Die Zuger aber sind den Ruf «Untitelbar» zu sein, endlich losgeworden. Mit Leonardo Genoni im Tor haben sie 2021 den ersten Titel seit 1998 geholt und nun den Final erreicht. Es gibt ihn also, den «Mythos Genoni».

Die ZSC Lions haben den ersten Final in Zug 3:2 gewonnen. Eigentlich noch kein Grund zur Beunruhigung. 2009 hatte Kloten den ersten Final gegen Davos 2:1 gewonnen.

2015 siegten die ZSC Lions im ersten Final 5:0. Und 2019 verlor der SCB den ersten Final sogar auf eigenem Eis gegen Zug 1:4. Am Ende holte doch die Mannschaft von Leonardo Genoni den Titel. Wird sich die Geschichte wiederholen? Triumphiert der WM-Silberheld von 2018 mit Zug trotz der Startniederlage?

Die Aufgabe für die ZSC Lions ist doppelt schwierig: Sie müssen auf dem Weg zum Titel nicht nur den Meister besiegen. Sie werden die Saison nur krönen, wenn sie den «Mythos Genoni» überwinden. In erster Linie brauchen sie dafür offensive Titanen. Logisch. Sie sind dazu in der Lage, den Puck ins Netz zu setzen.

Wie kein anderer Gegner der Zuger verfügen die ZSC Lions über solche Titanen: Denis Malgin, Denis Hollenstein, Sven Andrighetto zum Beispiel. Und dazu den Offensiv-Verteidiger Maxim Noreau. Bisher hatten es die Zuger in diesen Playoffs eigentlich erst mit einem ganz grossen Stürmer zu tun: Mit Andres Ambühl vom HC Davos. Nun sind es gegen die ZSC Lions mindestens vier.

Genonis bisher grösstes Finaldrama

Aber das reicht nicht, um den «Mythos Genoni» zu beenden. Dazu sind Stürmer und Offensiv-Verteidiger alleine nicht in der Lage. Es braucht einen Torhüter. Die Frage, die diesen Final entscheiden wird: Ist Jakub Kovar besser als Leonardo Genoni?

Wenn er das ist, werden die ZSC Lions Meister. Sonst nicht. Nach dem ersten Finalspiel müssen wir sagen: Jakub Kovar war besser. Das sagt die Statistik: 91,18 Prozent Fangquote für Leonardo Genoni, 92,00 Prozent für Jakub Kovar. Aber diese Statistik sagt zu wenig aus. Die Differenz ist so gering, dass es sich hier eher um einen Zufallswert handelt.

Etwas anderes ist entscheidend: Jakub Kovar hält den Schuss von Dario Simion, der Zug in der Schlussphase in Unterzahl (!) das 3:2 und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Sieg gebracht hätte. Jakub Kovar hat Zug den Sieg gestohlen. Der «Torraub von Zug». Leonardo Genoni vermochte den Zürchern den Sieg nicht zu stehlen.

Er hat im ersten Final in den letzten 89 Sekunden die zwei Treffer zum 2:2 und zum 2:3 kassiert. Es ist Leonardo Genonis bisher grösstes Finaldrama. Wo war der «Mythos Genoni»? Die ZSC Lions hatten im ersten Finalspiel den besseren Goalie. Wie geht es weiter? Ganz einfach: Sage mir, ob es den «Mythos Genoni» noch gibt und ich sage Dir, ob Zug den Titel verteidigen wird.