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EISHOCKEY: Drei «Alphatiere» sind ein Novum

Im Herbst 2015 waren sie allesamt arbeitslos. Jetzt führen Cheftrainer Patrick Fischer und seine Assistenten Felix Hollenstein sowie Reto von Arx die Schweizer an die WM in Moskau.
Klaus Zaugg, Moskau
Sie teilen sich im Schweizer Nationalteam die Aufgaben: Bordingenieur Reto von Arx (vorne), Pilot Patrick Fischer (Mitte) und Co-Pilot Felix Hollenstein. (Bild: Freshfocus/Steffen Schmidt)

Sie teilen sich im Schweizer Nationalteam die Aufgaben: Bordingenieur Reto von Arx (vorne), Pilot Patrick Fischer (Mitte) und Co-Pilot Felix Hollenstein. (Bild: Freshfocus/Steffen Schmidt)

Klaus Zaugg, Moskau

Die Arbeitslosigkeit. Ja, die Arbeitslosigkeit verbindet die drei Männer, denen der Verband das Nationalteam anvertraut hat. Patrick Fischer und Felix Hollenstein hatten nach ihrer Entlassung als Cheftrainer in Lugano bzw. Kloten keinen neuen Job gefunden. Und Reto von Arx suchte nach dem Ende seiner Spielerkarriere im letzten Herbst immer noch eine Beschäftigung im Eishockey.

Was ist nun die Berufung dieses Trios an die nationale Bande? Mit etwas Boshaftigkeit lässt sich sagen: eine Erlösung aus der Arbeitslosigkeit. Eine Notlösung. Nach der Entlassung von Glen Hanlon blieb Verbandsdirektor Florian Kohler nichts anders übrig, als aus der Not eine Tugend zu machen, das Programm Swissness auszurufen und die drei arbeitslosen Spielerlegenden zu verpflichten.

Neuer Trend zur Aufgabenteilung

Aber es gibt auch eine andere Sichtweise: Es ist ein Glücksfall für das Schweizer Hockey, dass drei Kultspieler, die mehr als 200 NLA-Spiele und über 10 Titel gewonnen haben, im Herbst 2015 keinen Job hatten. Nur so ist es möglich geworden, ein «Dream-Team» an der Bande der Nationalmannschaft zu haben. Zum ersten Mal in der Geschichte führen gleich drei «Alphatiere» die Schweizer Nationalmannschaft. Zwei «Alphatiere» an der Bande gab es schon. 1992 führten John Slettvoll und Bill Gilligan die Schweiz sensationell in den WM-Halbfinal. Aber ein Jahr später kam es zur Ego-Kernschmelze, und die Schweiz stieg 1993 mit diesen beiden Coaches ab. 1998 erreichte die Schweiz mit Ralph Krueger und Bengt-Ake Gustafsson erneut den WM-Halbfinal. Aber drei «Alphatiere» – das hat es so noch nie gegeben.

Wie funktionieren die drei? Diese helvetische Lösung ist im Grunde eine NHL-Kopie. Die Zeit der grossen Bandengeneräle, die alles selber machen, eine Strategie entwickeln, das Spielsystem einüben, den emotionalen Haushalt in der Kabine in Ordnung halten und dann auch noch das Coaching übernehmen, ist abgelaufen. Charismatische Bandengeneräle wie Ralph Krueger, Kevin Schläpfer, Arno Del Curto, Sean Simpson oder Chris McSorley, die alles unter Kontrolle haben, haben wollen, sind Ausnahmeerscheinungen geworden. Heute gibt es in allen wichtigen Ligen der Welt, auch in der NHL, den Trend zur Aufgabenteilung. Der Cheftrainer entwirft die Strategie, steht den Chronistinnen und Chronisten Red und Antwort (weshalb er im Idealfall ein guter Kommunikator ist), überlässt es aber seinen Assistenten, diese Strategie in Taktik umzugiessen, das Training zu gestalten und auch die Pflege der Spieleregos obliegt seinem Betreuerstab.

Für Erfolg und Scheitern zuständig

Und so funktioniert unser «Trio Grande.» Um zu verstehen, wie die Aufgaben verteilt sind, nehmen wir am besten ein Cockpit eines Flugzeuges – dort sassen jahrelang drei Mann: der Chefpilot, der Co-Pilot und der Bord-Ingenieur. Patrick Fischer ist der Chefpilot. Der 40-Jährige Zuger steuert den Kurs, und er entscheidet, wann es für die Passagiere (die Spieler) Zeit ist, sich anzuschnallen. Er hat bei der Auswahl der Spieler das letzte Wort, er hält die Kabinenreden, und er coacht während des Spiels die Stürmer, ordert beim Schiedsrichter ein Time-out und stellt die Linien um. Die Verbandsführung positioniert ihn zudem recht geschickt als «Hockeygott» in der Öffentlichkeit. In der Schweiz ist ja der Nationaltrainer auch immer der erste Verkäufer des Eishockeys. Ist die Nationalmannschaft erfolgreich, so wird es der Erfolg von Patrick Fischer sein. Aber es wird auch sein Scheitern sein.

Der Job von Fischers Assistenten

Felix Hollenstein ist der Co-Pilot. Vom Naturell fühlt sich der kluge Opportunist sowieso in der Rolle des «zweiten Mannes» viel wohler. Der 51-Jährige kümmert sich um die Trainings (er hat ja in diesem Trio die mit Abstand grösste Erfahrung als Trainer) und coacht die Verteidiger. Ihm obliegt es, dafür zu sorgen, dass die Abwehr standhält.

Reto von Arx ist der Bordingenieur. Der 39-Jährige hat mit der Steuerung des Flugzeuges nichts zu tun. Er hat keine bestimmte Rolle bei der Trainingsgestaltung oder beim Coaching. Seine wichtigste Aufgabe ist die Betreuung der Spieler auf der Bank. Er sorgt dafür, dass sich die Passagiere an Bord (die Spieler auf der Bank) wohl fühlen. Er hat ein feines Gespür dafür, wenn an Bord (in der Kabine) etwas nicht mehr stimmt.

Fischer erklärt die Aufgabenverteilung so: «Fige kümmert sich beim Coaching um die Verteidiger, ich um die Stürmer. Arxi beobachtet, was der Gegner macht und kümmert sich auf der Bank um die Spieler. Er hat einen sehr guten Draht zu allen und kann die Spieler mit wenigen Worten gut beeinflussen. Er ist für die Stimmung auf der Bank und in der Garderobe unglaublich wichtig.»

Diese Aufgabenverteilung kann funktionieren. Fischer, Hollenstein und von Arx waren als Spieler Leitwölfe, und alle drei trugen im Klub oder in der Nationalmannschaft die Captain-Binde. Aber sie sind vom Naturell her so verschieden, dass es keine Ego-Kernschmelze geben wird. Hollenstein und von Arx werden, wenn es gut läuft, ihrem Chef gerne das Scheinwerferlicht überlassen und sind, wenn es nicht läuft, noch so froh, wenn sie nicht den Kopf hinhalten müssen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Verträge nach der WM verlängert werden und dieses Trio nicht wieder arbeitslos wird, steht bei 99,90 Prozent.

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