EISHOCKEY: Eine Brunner-Premiere zum Vergessen

Die St. Louis Blues vermiesen das NHL- Debüt von Damien Brunner gehörig. Detroit kommt gleich mit 0:6 unter die Räder. An Brunner lag es nicht.

Nicola Berger, St. Louis
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Missglückter Auftakt des Ex-Zugers Damien Brunner (rechts), hier verfolgt von Ian Cole von den St. Louis Blues. (Bild: AP Photo/Jeff Roberson)

Missglückter Auftakt des Ex-Zugers Damien Brunner (rechts), hier verfolgt von Ian Cole von den St. Louis Blues. (Bild: AP Photo/Jeff Roberson)

Detroit ist nicht Zug, aber Damien Brunner (26) hatte an alles gedacht. Es gibt einen strikten Dresscode in der NHL, an Spieltagen und bei offiziellen Auftritten muss ein edler Zwirn getragen werden. Noch in der Schweiz liess sich Brunner deshalb zwei Massanzüge fertigen. Als er sich in der ungewohnten Aufmachung im Spiegel betrachtete, erkannte er sich selbst kaum mehr.

Der «Lausbub» ist erwachsen geworden, so kann man seine Transformation vom Star in der NLA-Provinz zum NHL-Spieler auch deuten. Es ist Freitagnachmittag, 15 Uhr, Brunner befindet sich an Bord des «Red Bird III», des mit allen Schikanen ausgestatteten Privatjets der Detroit Red Wings. Die Flugzeit nach St. Louis beträgt eine Stunde. Zeit, die Brunner braucht, um aus dem Staunen wieder herauszukommen. «Wow!!! Alles First Class!», lässt er per SMS wissen. Den EVZ-Teamcar in Ehren, aber das hier ist eine andere Welt.

Nach der Landung geht es mit dem Bus ab ins «The Westin». Mit der Hotelkette ist Brunner bestens vertraut – in Detroit ist er selber in einem dieser noblen Häuser einquartiert. Die Red Wings hatten Brunner am Donnerstag zwar schon ein eigenes Zuhause in einem noblen Vorort gefunden, nach Rücksprache mit seinem Zuger Lockout-Compagnon Henrik Zetterberg (32) lehnte Brunner jedoch ab: zu weit entfernt von den Teamkollegen. Nun kümmert sich Zetterbergs eigene Maklerin darum, einen Unterschlupf für Brunner zu finden. Er sagt: «Die Zeit drängt nicht.»

Schliesslich gilt die Konzentration dem Eishockey – und nicht der Dekoration des Eigenheims. Es ist jetzt Samstagabend und der Moment, auf den Brunner jahrelang hingearbeitet hat, nur noch Minuten entfernt. Er sagt: «Es gab Zeiten, da hat fast niemand an mich geglaubt – und jetzt bin ich hier. Das Gefühl ist toll.»

Das Scottrade Center als Tollhaus

Die Uhr zeigt 18.29 Lokalzeit an, als er als sechster Red Wing das Eis zum Warm-up betritt. Er wirkt locker, schaut sich aber ein paarmal nach Zetterberg um, als ob er sich an Detroits neuem Captain orientieren möchte. 45 Minuten später gehört Brunner zu den «Starting 5», das ist eine grosse Ehre, weshalb er auf dem Eis ist, als das ganze Stadion die amerikanische Nationalhymne intoniert. Brunner wirkt jetzt nervöser, er weiss nicht so recht, wie er auf das ganze Tamtam reagieren soll.

Die Stimmung im Scottrade Center ist schon zuvor ausgelassen, es knistert auf den Rängen, aber nach der Hymne werden jegliche Dezibelgrenzwerte gesprengt. Pathos und Selbstbeweihräucherung sind feste Bestandteile der US-Sportkultur, aber im traditionell erzkonservativen Mittleren Westen sind die Menschen dafür speziell zu begeistern. Wenn 20 000 aufgepeitschte Menschen «Detroit sucks!» schreien, geht das nicht spurlos an einem vorbei. Zumal es in der NLA nichts Vergleichbares gibt.

Dennoch schwingt sich an diesem Abend ein Spieler zum Helden auf, der hier sein erstes NHL-Spiel bestreitet – er heisst allerdings nicht Brunner. Vielmehr stiehlt ihm Wladimir Tarasenko (21) die Show. Der Russe erzielt zwei Treffer und wird zum besten Spieler gewählt.

Für Brunner war es ein spannender Abend voller Eindrücke, die ihm niemand mehr nehmen kann. Allein: Positiv waren die wenigsten davon. St. Louis trägt eine Musiknote als Emblem, die Franchise nennt sich «Blues» und obwohl die legendäre Rockband Kiss einst von der «Detroit Rock City» sang, sorgen an diesem Samstag bloss die Blues für die Musik.

Mit 0:6 werden die Red Wings abgefertigt, sie geben ein klägliches Bild ab und zerfallen in ihre Einzelteile.

Die Begrüssung von Backes

Brunner kann sich damit trösten, bei den Seinen immerhin zu den besseren Kräften, auch wenn das so schwierig nicht war. In 18:50 Minuten Eiszeit (davon 4:45 im Powerplay) schiesst er drei Mal aufs Tor, kommt auf eine ausgeglichene Bilanz – und hat in der 36. Minute im Powerplay die beste Chance der Gäste. Blues-Keeper Jaroslaw Halak vermag seine wuchtige Direktabnahme jedoch zu entschärfen. Seinen «Willkommen-in-der-Liga»-Moment erlebt Brunner gleich in der Startminute, als er von Blues-Captain David Backes (28) in die Bande gecheckt wurde. Backes ist in der Schweiz dafür bekannt, dass er Fribourgs Julien Sprunger (26) an der WM 2009 eine Hirnerschütterung zufügte. Brunner scheint unbeeindruckt, seiner Formation, der designierten Paradelinie der Red Wings, gelingt jedoch praktisch nichts. Pawel Dazjuk (34) taucht völlig ab, Zetterberg verstolpert etliche Pucks und dürfte seit langem keinen derart schlechten Tag mehr eingefangen haben.

Ein insgesamt kläglicher Auftritt

0:6 heisst es am Ende, es ist die gerechte Strafe für einen kläglichen Auftritt der Red Wings. Die mitgereisten Journalisten aus Detroit suchen verzweifelt nach zumindest einem positiven Aspekt. Also fragen sie Henrik Zetterberg, ob es denn nicht gut gewesen sei, dass Brunner drei Mal aufs Tor geschossen habe. Da muss der Schwede sie jedoch enttäuschen, er fand heute alles schlecht: «Wir haben 0:6 verloren, da wird auch Brunner nicht besonders glücklich sein», sagt er knapp – und verschwindet in die Nacht. Als Nächstes trottet Trainer Mike Babcock (49) in die Kabine. Er guckt grimmig und sagt verärgert: «Wir wurden heute von A bis Z dominiert.» Auch er weiss: Wollen die Red Wings es zum 22. Mal in Serie ins Playoff schaffen, muss in dieser verkürzten Saison sehr rasch eine sehr deutliche Steigerung her.

Es bleibt die Frage: Was nehmen Sie mit von diesem Abend, Damien Brunner? Er überlegt und sagt: «So haben wir uns das nicht vorgestellt.» Und auch: «Die Verteidiger sind gross und stark. Ich konnte nicht viele Chancen kreieren.» Für einen Augenblick wirkt er gedankenverloren und unsicher, dann jedoch drückt sein frohes Gemüt wieder durch. «Wir müssen es in Columbus einfach besser machen», sagt er bestimmt und schlüpft in seinen Anzug. Zweifel kann er jetzt nicht gebrauchen.

NHL. Saisonauftakt: New York Islanders (mit Streit) - New Jersey 1:2. Montreal (mit Diaz/1 Assist, ohne Weber) - Toronto 1:2. Vancouver - Anaheim (mit Hiller/26 Paraden und Sbisa) 3:7. St. Louis - Detroit (mit Brunner) 6:0. Nashville (mit Josi) - Columbus 2:3 n. P. Minnesota - Colorado 4:2. Dallas - Phoenix 4:3. Tampa Bay - Washington 6:3. Florida - Carolina Hurricanes 5:1. Los Angeles - Chicago 2:5. Ottawa - Winnipeg 1:4. Boston - New York Rangers 3:1. Philadelphia - Pittsburgh 1:3.

Die nächsten Spiele. Heute: Columbus - Detroit (1.30 Uhr), New York Islanders - Tampa, Boston - Winnipeg, Nashville - St. Louis, Toronto - Buffalo, Ottawa - Florida, Calgary - Anaheim. – Morgen.Unter anderem: Detroit - Dallas, Montreal - Florida (beide 1.30 Uhr).