EISHOCKEY: Eine fast schon kitschige Story

Der HC Davos entthront die ZSC Lions vor deren eigenem Publikum und holt den Meistertitel. Reto von Arx, ausgerechnet er, erzielt das entscheidende Tor (50.).

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Als die HCD-Spieler ihren 31. Meistertitel feierten, war der Pokal noch heil - später im Garderobengang liess ihn Paul Berri, der legendäre Teamleiter der Davoser, fallen: Das Imitat zersprang in viele Stücke. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Als die HCD-Spieler ihren 31. Meistertitel feierten, war der Pokal noch heil - später im Garderobengang liess ihn Paul Berri, der legendäre Teamleiter der Davoser, fallen: Das Imitat zersprang in viele Stücke. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Klaus Zaugg, Zürich

Es ist beinahe zu schön, um wahr zu sein. Kitschig fast. Und die beste Geschichte, die unser Eishockey seit Einführung der Playoffs (1986) geschrieben hat. Reto von Arx erzielt in seinem vielleicht letzten Spiel für den HC Davos ein Tor für die Ewigkeit. Ein Tor, als hätten es die Hockeygötter für den alten Leitwolf vorbereitet. Als Lohn und Anerkennung für eine grandiose Karriere. Reto von Arx ist 38 Jahre alt. Nicht mehr jung genug, um ein Spiel durch einen Sturmlauf zu entscheiden. Aber schlau genug. Der Puck prallt vom Pfosten zurück und Reto von Arx vor die Füsse. 1:0. Die Uhren bleiben bei 49 Minuten und 4 Sekunden stehen. Er wird hinterher in seiner trockenen Art sagen: «Ich bin froh, dass wir gewonnen haben.»

Dieses 1:0 ist der Treffer, der Trainer Arno Del Curto und Reto von Arx nach 2002, 2005, 2007, 2009 und 2011 den sechsten Titel sichert. Diese Entscheidung beschert uns auch eine Fortsetzung dieser ach so schönen Geschichte. Denn während des Spengler-Cups hat der HCD ja beschlossen und verkündet, Reto von Arx und seinem Bruder Jan keine neuen Verträge mehr zu geben. Gibt es jetzt doch eine Vertragsverlängerung? Oder wechselt er vielleicht gar zu den SCL Tigers? Gestern sagte Reto von Arx, seit 1995 beim HCD: «Jetzt feiern wir den Titel. Dann ist es Zeit, um über die Zukunft zu reden.»

Ist Crawford ein Versager?

Dieser Titel ist wie keiner zuvor ein Triumph für das «System Arno». Diese Spielanlage ist Del Curtos Meisterwerk. Daran arbeitet er seit 1996 Tag für Tag. Nie ist er zufrieden. Immer und immer und immer wieder fordert er noch mehr Präzision, Tempo und Intensität.

Nie mehr seit den Zeiten von Viktor Tichonow, dem Trainer der Sowjets, hat ein Trainer am gleichen Ort seine Ideen während einer so langen Zeitspanne umsetzen können. Tichonow hatte es dabei viel einfacher als Arno Del Curto. Er konnte beim Armeesportklub ZSKA Moskau die besten Spieler des Landes per militärischem Aufgebot in seine Mannschaft holen.

Del Curto muss hingegen jedes Jahr wieder neue Spieler ausbilden und in sein System integrieren. Auf diese Saison verlor er so viele bewährte Spieler (Grossmann, Bürgler, Back, Guggisberg, Rizzi), dass ein fachkundiger Beobachter zum Schluss kommen musste: Für den Titel reicht es 2015 nicht.

Nun hat Del Curto doch ein Team aufgebaut, das die Meisterschaft gewonnen hat. Bereits im Viertelfinal (gegen Zug) und vor allem im Halbfinal (gegen den SC Bern) besiegte der HCD Mannschaften, die nominell gleich gut oder sogar besser besetzt waren.

Ist der grosse NHL-Bandengeneral Marc Crawford also ein Versager, wenn ihm Del Curto nun eine taktische Lektion erteilt und den Playoff-Final gewonnen hat? Zum ersten Mal in der Hockeyweltgeschichte hat ein NHL-Bandengeneral einen Final gegen einen Schweizer Trainer verloren.

Nein, Crawford ist kein Versager. Die ZSC Lions bieten ihrem Trainer zwar die bestmöglichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit. Aber auch dann, wenn alle alles richtig machen, ist es nicht möglich, in Zürich das gleiche Umfeld zu schaffen wie in Davos. Der HCD ist das einzige professionelle Hockeyunternehmen der Welt, das seinen ganzen Betrieb bereits seit dem letzten Jahrhundert (seit 1995) ganz auf seinen Trainer zugeschnitten hat.

Das ist in dieser extremen Form nur in den Bündner Bergen, in diesem «Disneyland des Hockeys», möglich. Und es funktioniert auch nur, weil der Trainer Del Curto heisst. Mit keinem anderen Chef funktioniert dieses System.

ZSC Lions - Davos 0:3 (0:0, 0:0, 0:3)

11 200 Zuschauer (ausverkauft). SR Kurmann/Vinnerborg, Kaderli/Wüst.

Tore: 50. Reto von Arx (Marc Wieser, Schneeberger/Ausschluss Siegenthaler) 0:1. 57. Axelsson (Du Bois) 0:2. 60. (59:55) Paschoud 0:3 (ins leere Tor).

Strafen: 2-mal 2 Minuten gegen die ZSC Lions, 5-mal 2 Minuten gegen Davos.

ZSC Lions: Flüeler; Blindenbacher, Tallinder; Stoffel, Bergeron; Geering, Siegenthaler; Seger; Künzle, Trachsler, Bastl; Keller, Shannon, Nilsson; Bärtschi, Cunti, Schäppi; Baltisberger, Malgin, Wick; Senteler.

Davos: Genoni; Du Bois, Guerra; Forster, Kindschi; Schneeberger, Paschoud; Jan von Arx; Ambühl, Walser, Paulsson; Hofmann, Lindgren, Axelsson; Sciaroni, Reto von Arx, Dino Wieser; Simion, Corvi, Jörg; Marc Wieser.

Bemerkungen: ZSC Lions ohne Smith, Tabacek (überzählige Ausländer), Fritsche und Schnyder. Davos ohne Koistinen und Redenbach (alle verletzt). Pfosten-/Lattenschüsse: 17. Kindschi, 36. Corvi. – ZSC Lions von 57:05 bis 57:42 und von 57:57 bis 59:55 ohne Goalie.