EISHOCKEY: Geist statt Geld bei Ambri-Piotta

Ambri-Piotta startet am Freitag (19.45) mit dem Tessiner Derby in Lugano in die Saison. Ambri besinnt sich auf seine Geschichte und ist vom talentiertesten, aber sensibelsten Torhüter der Liga abhängig.

Klaus Zaugg
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Ambri-Hoffnung: Torhüter Benjamin Conz. (Bild: Pius Koller/Freshfocus (Sursee, 12. August 2017))

Ambri-Hoffnung: Torhüter Benjamin Conz. (Bild: Pius Koller/Freshfocus (Sursee, 12. August 2017))

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch

 

Spät, aber nicht zu spät hat Ambri nach 32 Jahren endlich auf den richtigen Weg gefunden. Seit dem Wiederaufstieg von 1985 war alles Sinnen und Trachten darauf gerichtet, besser zu sein als Lugano. Dabei ist über die Jahre die Seele, die wahre Identität verloren gegangen. Beim Versuch, auf Augenhöhe mit Lugano zu bleiben, ist Ambri finanziell und sportlich beinahe untergegangen.

Nun ist fast alles neu, anders, besser. Der Hockeytempel Valascia ist wieder ein Hockey-Wallfahrtsort der Hoffnung und das Zentrum einer eigenständigen Hockeykultur. Nicht nur bei den Sozialromantikern auf den Rängen der Curva Sud, die seit jeher von einer besseren, gerechteren Welt träumen und Che Guevara verehren. Die Valascia wird wieder die letzte Trutzburg der «anderen», der «besseren», der «ehrlichen» Hockeywelt. Ambri als «gallisches Dorf» des Schweizer Hockeys, unbeugsam und unbesiegbar im helvetischen Imperium des Profihockeys.

Unbeugsam mögen in Ambri in heissen Herzen nun alle sein. Aber wie soll Ambri wieder unbesiegbar werden? Oder doch wenigstens so oft unbesiegbar, dass nicht mehr die Schmach der Playouts oder der Liga-Qualifikation erduldet werden muss? Die Mannschaft hat in den letzten Jahren nicht nur viel zu viele Spiele verloren. Immer mehr hat dieses Hockeyunternehmen unter nordamerikanischen Trainern und Sportchefs ohne tiefen Bezug zur ganz besonderen Kultur der Leventina einen Teil seiner Identität eingebüsst. Diesen Kardinalfehler hat Präsident Filippo Lombardi mit dem Engagement der Lokalgrössen Paolo Duca (Sportchef) und Luca Cereda (Trainer) im letzten Moment korrigiert. Erstmals seit dem Wiederaufstieg von 1985 wird Ambris sportliche Abteilung von den Söhnen des Tales geführt. Nie in der Neuzeit ist die Vergangenheit, die eigene Kultur so zelebriert und beschworen worden wie in den letzten Monaten.

Mit dem smarten, ruhigen Luca Cereda an der Bande

Symbolfiguren für dieses neue, alte Ambri-Piotta sind zwei Männer, die einst Helden auf dem Eis waren. Trainer Luca Cereda und Sportchef Paolo Duca. Der smarte, ruhige Luca Cereda gilt als grösstes Trainertalent im Schweizer Hockey. Als Assistent arbeitete er für verschiedene Junioren-Nationalteams. Er war Cheftrainer bei Ambris Elite-Junioren und führte letzte Saison in der NLB das Farmteam Ticino Rockets. Alle, die mit ihm gearbeitet haben, sind voll des Lobes. Sie rühmen seine Detailversessenheit und sein Einfühlungsvermögen, seine Begabung, Talente zu erkennen und zu fördern.

Es gibt für Luca Cereda durchaus Parallelen zwischen der Situation bei den Rockets im Vorjahr und jener nun in Ambri: Wieder führt er die nominell schwächste Mannschaft der Liga. Und wieder wird es von ihm abhängen, ob und wann diese Mannschaft konkurrenzfähig wird. Bei den Rockets begann er letzte Saison mit 15 Niederlagen in Serie und gewann immerhin 6 der letzten 15 Partien – ohne Ausländer. Cereda ist also ein Mann mit Erfahrung in schwierigen Situationen. Aber man kann nicht ganz sicher sein, ob Präsident Filippo Lombardi, seine Verwaltungsratskollegen und die Tessiner Medien in schwierigen Zeiten loyal zu Cereda stehen werden. Die Versuchung, in Zeiten der Krise ins alte Verhaltensmuster zurückzufallen und den Trainer zu kritisieren und schliesslich zu feuern, ist nach wie vor beunruhigend gross. Das Glück von Luca Cereda (35) hängt von einem neuen Spieler ab, der dieses neue Ambri perfekt personifiziert. Torhüter Benjamin Conz (25). Einer der talentiertesten der Liga, einst bei der Junioren-WM (U20) sogar weltweit der Beste seiner Generation. Aber der sensible Jurassier ist bei Got­téron an den Belastungen und Erwartungen eines Grossklubs zerbrochen. Letzte Saison war er statistisch der schwächste Torhüter der Liga. Gottéron hat ihn aus einem laufenden Vertrag heraus nach Ambri transferiert und durch den Kanadier Barry Brust ersetzt.

Goalie Conz passt perfekt zur Stimmung in Ambri

Kann Benjamin Conz Ambri-Piotta helfen? Ist er am Ende gar besser als sein Vorgänger Sandro Zurkirchen? Er passt perfekt zur neuen Ausrichtung «Geist statt Geld». Er hat sein bestes Hockey als Profi in der familiären Atmosphäre der SCL Tigers gespielt und die Emmentaler im Jahr 2011 zu den bisher einzigen NLA-Playoffs gehext. Dort, wo die «Höger» hinter dem Stadion fast so «stotzig» aufragen wie die Berge der Leventina. Wenn Benjamin Conz in Ambri nicht zum zweiten Mal sein Hockey-Glück finden kann – wo dann?

 

Ambri-Piotta

Zuzüge: Hughes (Carleton Place Canadians/CCHL/Torhüter, kanadisch-schweizerischer Doppelbürger, vorerst im Farmteam), Schirjajew (SCL Tigers), Müller (Bern), Zwerger (Everett Silvertips/WHL, kanadisch-schweizerischer Doppelbürger), Conz (Fribourg), Plastino, Taffe (beide Slovan Bratislava/KHL), Kubalik (Ufa/KHL).

Abgänge: Fuchs (Biel), Berger (Rapperswil), Duca (Sportchef), Bastl, Kamber (beide Rücktritt), Mäenpää (JYP/Fi), Zurkirchen (beide Lausanne), Descloux (kann in Absprache mit Servette auf Leihbasis zurückgeholt werden.

Ausländer: Emmerton (Kan), Plastino (Kan/neu), D’Agostini (Kan), Taffe (USA/neu), Kubalik (Tsch/neu – ist vorderhand an den HC Pilsen ausgeliehen).

Trainer: Cereda (neu).

Langnau-Trainer Heinz Ehlers. (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus (Langnau, 14. Januar 2017))

Langnau-Trainer Heinz Ehlers. (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus (Langnau, 14. Januar 2017))