EISHOCKEY: «Ich werde mich nie ändern»

In der Provinz versucht der legendäre Todd Elik seine Trainerkarriere zu lancieren. Ein Besuch in St-Imier.

Interview Nicola Berger und Andreas Ineichen
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Todd Elik vor der Eishalle in St-Imier, wo er seinen ersten Trainerjob hat. (Bild Vanessa Elik)

Todd Elik vor der Eishalle in St-Imier, wo er seinen ersten Trainerjob hat. (Bild Vanessa Elik)

Die Gemeinde St-Imier zählt nur knapp 5000 Einwohner, aber es gibt ein Tourismusbüro. Da kann man sich darüber informieren, wie man der Uhrmacherkunst am besten nachspürt. Das Traditionsunternehmen Longines ist hier ansässig, seit 1932 schon.

Seit August ist das Dorf um eine Attraktion reicher, auch wenn sie im Ort nicht beworben wird: Todd Elik (48). Der Kanadier war um die Jahrtausendwende der aufregendste Individualist im Schweizer Eishockey, berüchtigt und geliebt zugleich, der Fleisch gewordene Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Sagenhafte 1274 Strafminuten sammelte er in 315 NLA-Einsätzen für Lugano, Langnau, Zug und Davos, aber er produzierte eben auch 142 Tore und 316 Assists. Der frühere schwedische Olympiasieger und heutige Langnau-Trainer Bengt-Ake Gustafsson (56) bezeichnete ihn einst als «besten Kanadier in Europa», nachdem die Zusammenarbeit des Duos im Emmental fruchtbar gewesen war.

Das Lob ist darum viel wert, weil der nüchterne Gustafsson nicht zu Übertreibungen neigt. Anders Elik. Er zeigte dem Publikum den Mittelfinger, attackierte mal einen Schiedsrichter, dann Fans – und sorgte immer wieder mit Alkoholeskapaden für Schlagzeilen. Der Ruf des Exzentrikers war bald ruiniert, weil er sich mit jedem anlegte – hinter den Kulissen aber zeigte er auch eine andere Seite: Diverse Materialwarte berichten unabhängig voneinander, dass Elik sich immer wieder erkenntlich gezeigt habe, in Form von ein paar Hunderternoten – und dass es sich neben dem Eis um einen der anständigsten und dankbarsten Personen gehandelt habe.

Auf dem Eis hingegen bekundete Elik oft Mühe, sich zu zügeln. Schon bevor er 1999 nach Europa übersiedelte und in Lugano seinen Feldzug gegen die Ödnis begann, hatten sie ihm in Übersee den Übernamen «Suitcase» (zu Deutsch: Koffer) verpasst. Die Symbolik: Elik packt dauernd die Koffer, weil es niemand lange mit ihm aushält.

Die spezielle Ausstrahlung

Auch in der Schweiz war er eine Art Vagabund, nirgendwo verweilte er länger als zwei Jahre am Stück, und nicht selten riss er beim Abgang sämtliche Brücken ein. Man kann geisseln, dass ihm jegliches diplomatisches Geschick abgeht, aber immerhin hat er sich nie verstellt. Spieler mit der Authentizität und Ausstrahlung Eliks gibt es heute nicht mehr; Unangepasstheit wird verurteilt, von den Trainern, von den Medien, von der Öffentlichkeit.

Nicht nur Elik findet das schade. Er sagt: «Manchmal habe ich den Eindruck, wir leben in einer Welt voller Roboter.» Für Elik muss es schwierig sein, sich in diesem Kosmos zurechtzufinden.

Es ist Donnerstagnachmittag, Elik sitzt in einem charmelosen Café im eher tristen Dorfkern St-Imiers und lädt zum Gespräch. Viele Medienanfragen hat er noch nicht erhalten seit seiner Rückkehr, denn wie das Gros der Klubmanager scheint auch die Journaille Elik vergessen zu haben, diese Lichtgestalt der vergilbenden goldenen Epoche des Hockey-Rock-’n’-Rolls. Elik hat die Optik eines gealterten Rockstars. Er wirkt noch immer drahtig und fit, aber auch abgekämpft. Das mag auch daran liegen, dass er mit seinem Team nicht in die Gänge kommt; von den ersten sieben Partien hat er sechs verloren.

Todd Elik, wie kommt es, dass es Sie zu einem Erstligisten verschlagen hat?

Todd Elik: Ich wollte zurück ins Eishockeygeschäft. Und es war nicht so, dass die Teams Schlange standen.

Die Winter hier können garstig sein.

Elik: Da bin ich nicht so schnell zu beeindrucken. Wir leben in Regina, da wird es im Winter teilweise minus 50 Grad kalt. Ich bin abgehärtet.

Sie spielten lange in der NHL. Oft schanzen sich alte Kumpel dort gegenseitig Jobs zu.

Elik: Ich habe nur in Los Angeles angefragt. Dort war keine Stelle offen.

Sie arbeiteten zuletzt in einem Stahlwerk in Schichtarbeit. Das hört sich anstrengend an.

Elik: Richtig. Zwölf Stunden pro Tag. Die Arbeit war hart, aber das hat mir nichts ausgemacht. Die Bezahlung war gut, und ich war gefordert. Ich kann nicht in einem Büro arbeiten. Ich habe es versucht, aber es hat nicht funktioniert.

Sie verkauften Zeitungsannoncen ...

Elik: Ja, es war fürchterlich. Fürchterlich langweilig. Und unangenehm. Es gibt Menschen, die können Schnee an Eskimos verkaufen. Ich kann das nicht.

Warum quälen Sie sich? Nach so vielen Jahren in der NHL und in Europa müssten Sie doch über Erspartes verfügen?

Elik: Das habe ich schon. Aber irgendwie muss man leben, nicht wahr? Es gibt immer Rechnungen zu bezahlen.

Können Sie denn ein guter Eishockey-Coach sein?

Elik: Hoffen wir es.

Bis wann wollen Sie im Profigeschäft sein? Man hört, Sie hätten eine Ausstiegsklausel und könnten bei einem Angebot sofort wechseln?

Elik: Ich gebe mir schon ein, zwei Jahre. Am liebsten würde ich irgendwo als Assistent arbeiten, ich habe noch einiges zu lernen. Das mit der Klausel ist korrekt.

Was, wenn es nicht klappt?

Elik: Dann gehe ich zurück ins Stahlwerk, damit hätte ich kein Problem.

Sie coachen St-Imier, einen Amateurklub mit drei Trainings pro Woche, niemand hat sich an Sie erinnert. Liegt es an Ihrem Ruf?

Elik: Ich denke schon, ich habe Fehler gemacht. Aber es ist, wie es ist, und ich will nicht klagen. Das Eishockey hat mir sehr viel gegeben. Ich geniesse es auch jetzt, wieder in der Schweiz zu sein. Dieses Land war sehr gut zu mir.

Wünschten Sie, manche Dinge anders gemacht zu haben?

Elik: Mich zu verstellen, wäre scheinheilig. Ich werde mich nie ändern.

Tippt man Ihren Namen bei Google ein, erscheint bald Ihr ausgestreckter Mittelfinger auf dem Bildschirm.

Elik: Ich hätte das nie machen dürfen und bereue es. Es war respektlos. Heute ist es für mich eine Katastrophe, es schadet mir. Ich muss mich jetzt doppelt beweisen.

Zumindest in Langnau werden Sie noch immer verehrt.

Elik: Ja, das war die schönste Zeit meiner Karriere.

Wirklich? Sie haben in Los Angeles mit Wayne Gretzky gespielt ...

Elik: Es hört sich vielleicht seltsam an, aber ich war in Europa der bessere Spieler als in der NHL. Und Langnau, das war etwas ganz Spezielles. Die Fans haben mir viel gegeben.

Hat man Sie auf der Strasse erkannt, bei der Rückkehr?

Elik: Ja, das ist verblüffend.

Als Trainer haben Sie bisher wenig Erfolg. Wie kommt das?

Elik: Wir hatten kein Glück. Aber Glück muss man sich erarbeiten, und dafür tun wir zu wenig. Das ist für mich schwierig zu akzeptieren. Ich kann es nicht ausstehen, wenn man nicht 100 Prozent gibt. Und ich hasse Niederlagen.

Sie können schlecht Straftrainings verhängen, die Spieler müssen am nächsten Morgen wieder zur Arbeit.

Elik: Richtig, ich darf das nicht vergessen. Ich versuche auch, ruhig zu bleiben. Wenn du immer nur schreist, hört dir irgendwann keiner mehr zu.

Fürchten Sie um Ihren Job?

Elik: Natürlich. Der Druck ist da. Ich bin jeden Tag nervös, und nach Niederlagen schlafe ich schlecht. Ich bin auf der Suche nach Lösungen und Antworten, aber bisher habe ich sie nicht gefunden.

Wie ist es um Ihr Verhältnis zu den Schiedsrichtern bestellt? Beim 1:6 gegen Forward Morges kassierten Sie gleich selber eine Zweiminutenstrafe.

Elik: Ich glaube an das Karma. Ich war in der Vergangenheit nicht immer gut zu den Referees. Und jetzt kommt alles zurück.

Wie sieht es denn mit Ihrem Karma aus?

Elik: Ich glaube, es ist ausgeglichen. Ich bin kein Engel, aber auch kein schlechter Kerl.

Hat sich Ihr Lebensstil mit dem Alter verändert?

Elik: Ich habe zwei Kinder, da hat man viel Verantwortung. Aber ich habe immer noch gerne Spass, wenn Sie das meinen.

Dem Nachtleben sind Sie also weiterhin nicht abgeneigt?

Elik: Bier und Hockey, das gehört zusammen, oder?

So offen sagt das heutzutage kaum ein Eishockeyprofi.

Elik: Ja, die Entwicklung ist ungesund. Es ist heute nicht möglich, so zu leben wie ich damals. Es landet alles auf dem Internet, in den sozialen Medien wirst du zerrissen. Also bewegen sich lieber alle mit dem Strom. Es ist traurig, aber es ist so.

Könnte der Spieler Elik heute denn noch existieren?

Elik: Schwierig, das Spiel hat sich extrem entwickelt. Das Tempo ist viel höher als zu meiner Zeit. Ich denke, von meinem Talent her könnte ich schon mitspielen. Aber mit meiner Spielweise? Ich weiss es nicht. Es gibt kaum noch Spieler, die aus der Reihe tanzen, Originale sind eine aussterbende Spezies. Dass es kaum noch Faustkämpfe gibt, bedaure ich auch.

Würde sich der Trainer Elik einen Spieler Elik wünschen?

Elik: Natürlich, warum nicht?

In der ersten Liga dürfen keine Ausländer eingesetzt werden. Sonst könnten Sie ja als Spielertrainer wirken?

Elik: (lacht) Ich bitte Sie. Meine Zeit als Spieler ist vorbei.

Sie sind als vollamtlicher Coach angestellt. Bei drei Trainings und einem Spiel pro Woche bleibt eine Menge Freizeit. Wie nutzen Sie die?

Elik: Ich will Französisch lernen. Dann ist momentan meine Tochter Vanessa bei mir. Und im Winter will ich Ski fahren, ich liebe es.

Den Eishockeyprofis ist alpiner Wintersport wegen des Verletzungsrisikos verboten. Holen Sie nach, was Sie als Spieler verpasst haben?

Elik: Ich bin auch früher Ski gefahren. Ich habe einen Winter in Davos verbracht. Was denken Sie, was ich da gemacht habe? Allerdings musste ich da vorsichtig sein und manchmal mit einer Maske fahren, damit mich niemand erkennt.

Sie gelten als Rock-’n’-Roll-Liebhaber, der bei manchen Stationen dem Stadion-DJ eingeschärft hat, welche Musik er beim Warm-up spielen soll. Handhaben Sie das in St-Imier gleich?

Elik: Bisher nicht. Aber da wir noch keinen Erfolg hatten, wäre das vielleicht gar nicht so schlecht. Kürzlich war ich bei einem Spiel der Los Angeles Kings, da wurde Techno gespielt. Das hat mich geärgert. Zum Eishockey gehört Rock-’n’-Roll.