EISHOCKEY: In Bern fehlt die Dramatik

Der Meister Bern steht eine Niederlage vor dem Saisonende – na und? Ein Ausscheiden im Halbfinal würde im Klub keinerlei Folgen haben. Stattdessen hätte der SCB die perfekte Ausrede.

Klaus Zaugg
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Verschwindet der SC Bern (hier Gaëtan Haas) bald von der Playoff-Bildfläche? (Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Bern, 31. März 2018))

Verschwindet der SC Bern (hier Gaëtan Haas) bald von der Playoff-Bildfläche? (Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Bern, 31. März 2018))

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch

Wenn der SC Bern heute gegen die ZSC Lions Spiel und Titel verlieren sollte, dann wird es ein professionelles Scheitern sein. Der für das vierfarbige SCB-Klubmagazin verantwortliche Redaktor hat einen bekannten Sportfotografen für heute Abend nach Bern aufgeboten. Der Auftrag: Alle Spieler, die den SCB Ende Saison verlassen, noch einmal abbilden. Vielleicht ist es ja das letzte Spiel, und es wäre ja wirklich dumm, wenn der SCB heute seine Saison beendet und der Fotograf ist nicht da und die Bilder müssen mühsam zusammengesucht werden.

Oder wird diese Episode überbewertet? Nein. Sie zeigt, dass in Bern das Tagesgeschäft im Schatten eines drohenden Scheiterns seinen gewohnten Lauf nimmt. Beim SCB ist auch die Resignation professionell. Wir können heute aus den Playoffs fliegen. Na und? Die Dramatik fehlt. Ein vorzeitiges Saisonende wird keinerlei Folgen haben und niemanden den Job kosten. Cheftrainer Kari Jalonen ist mit Vertrag bis 2020 so unbestritten im Amt wie der Papst. Die wichtigen Transfers sind schon lange unter Dach und Fach.

Es fehlt nicht viel, aber überall ein wenig

Diese Ruhe, der kein Sturm folgen wird, ist ein Grund für die Schwierigkeiten. «Pain and progress are inseparable», sagen die Nordamerikaner. Schmerz und Fortschritt sind untrennbar. Schmerz gibt es beim SCB seit dem Frühjahr 2016 nicht mehr. Die Berner sind auf dem Weg zu den Meisterschaften von 2016 und 2017 nie richtig gefordert worden, nie mussten sie 2016 und 2017 in einer Serie über sieben Spiele leiden. Doch jetzt brauchen sie sieben Spiele, wenn sie den Final noch erreichen wollen.

Trainer Jalonen hat keine Möglichkeit, seine Jungs mit einem mutigen Personalentscheid aus der Komfortzone zu scheuchen. Manchmal hilft es ja, einen Spieler auf die Tribune zu schicken, und ein Ruck geht durch die Mannschaft. Aber beim SCB gibt es keine Versager, die auf die Tribune gehören. Nur viele kleine Sünder. Torhüter Leonardo Genoni ist etwas weniger gut als sonst. Die Verteidiger Eric Blum oder Ramon Untersander machen ein oder zwei Fehler zu viel. Mark Arcobello versiebt diese oder jene Chance. Thomas Rüfenacht ist nicht mehr ganz so böse wie sonst. Erst in der Summe machen diese Details die Differenz. Es fehlt nicht viel, aber fast überall ein wenig. «Dörf’s es bitzli meh si?», sang einst das Trio Eugser. Für den SCB gilt: «Es mues es bitzli meh si.»

Leitwolf Ebbett wirkt ratlos

Diese Situation mahnt uns an das Scheitern des EV Zug. Wie die Zuger sind auch die Berner gegen die ZSC Lions weder klar unterlegen noch chancenlos. Eine Wende ist theoretisch möglich. Daraus schöpft Andrew Ebbett seine Hoffnung. Der Leitwolf der SCB-Meisterteams von 2016 und 2017 sagte noch im Hallenstadion, unmittelbar nach der dritten Niederlage, es sei nun an den Leadern, die Mannschaft zu schultern und in den Final zu tragen. Und betonte selbstkritisch, dass es auch an ihm sei, Führungsverantwortung zu übernehmen. Er wirkte ein wenig, als könne er gar nicht so richtig fassen, dass die Saison vorzeitig zu Ende sein könnte. Ähnlich ratlos war er schon vor ein paar Wochen nach dem Scheitern mit den Kanadiern im olympischen Halbfinal gegen Deutschland gewesen. Womit wir im Falle eines Falles bei der perfekten Ausrede sind: 13 SCB-Stars verloren Energie und Zuversicht beim olympischen Turnier. Aber nur 6 ZSC-Titanen. Verpasst der SCB den Final und die Titelverteidigung, dann kann SCB-Manager Marc Lüthi sagen, man habe die Titelchancen uneigennützig der olympischen Herausforderung geopfert. Eine schönere Ausrede gibt es nicht.

Playoffs, Halbfinals. Heute, 20.15: SC Bern – ZSC Lions (SRF zwei); Stand 1:3. Biel – Lugano; Stand 2:2. – Playout. Heute, 20.15: Ambri – Kloten; Stand 3:1.