EISHOCKEY: Kanada und der neue Hunger

Die Schweiz enttäuscht in Prag immer wieder aufs Neue. Es geht auch anders: Kanada elektrisiert die Massen – und ist turmhoher Turnierfavorit.

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Die Kanadier begeistern in Prag das Publikum. Auch dank den Angreifern Sidney Crosby (links) und Jason Spezza. (Bild: Freshfocus/Andy Müller)

Die Kanadier begeistern in Prag das Publikum. Auch dank den Angreifern Sidney Crosby (links) und Jason Spezza. (Bild: Freshfocus/Andy Müller)

Nicola Berger, Prag

Am 10. Januar 1910 hat Kanada sein erstes Eishockey-Länderspiel bestritten: In Les Avants, nahe Montreux, bezwangen die Kanadier die Schweiz mit 8:1. Es war der Startschuss zur bis heute andauernden globalen Dominanz, denn 9 Olympiasiege und 24 WM-Titel lassen nur einen Schluss zu: Eishockey ist, wenn am Ende Kanada gewinnt.

Erstaunlich ist das nicht, nirgendwo ist der Eishockeysport so verwurzelt wie zwischen Vancouver und Neufundland. Unter den 35 Millionen Einwohnern gibt es 721 504 lizenzierte Eishockeyspieler, es ist das weltweit grösste Kontingent. Kanada steht nicht nur für Quantität, sondern auch für Qualität: Wayne Gretzky stammt aus Ontario, Sidney Crosby ist in Halifax aufgewachsen.

Crosby, 27, ist der beste Puckartist seiner Zeit, in Prag zeigt er sein Können erstmals seit neun Jahren wieder an einer Weltmeisterschaft, nachdem die Saison der Pittsburgh Penguins erneut ein sehr frühes Ende fand. Crosby erlebte in Pittsburgh in diesem Jahr viele Enttäuschungen, auch er schwächelte zwischendurch, aber nun bietet sich ihm die Gelegenheit, die missratene Saison doch noch zu krönen. Die Einladung des kanadischen Verbandes hat er ja nur aus diesem Grund angenommen: Er möchte das 26. Mitglied des «Triple Gold Club» werden, diesem exklusiven Zirkel, der Spielern vorbehalten ist, die Titel in der NHL, an Olympischen Spielen sowie bei Weltmeisterschaften auf sich vereinigen. Crosby fehlt einzig der WM-Triumph, und die Chancen stehen gut, dass sich das am 17. Mai ändert, wenn in der O2-Arena das Endspiel ausgetragen wird.

Fragezeichen um den Torhüter

Denn Kanada ist mit dem besten Kader seit langem nach Tschechien gereist – die Attraktionen neben Crosby heissen Taylor Hall (Edmonton, derzeit WM-Topskorer), Claude Giroux (Philadelphia) sowie Tyler Seguin (Dallas), Matt Duchene (Colorado) und Jason Spezza (Dallas), welche während des NHL-Lockouts von 2013 in der NLA für Biel, Ambri respektive Rapperswil agierten. Einziger Schwachpunkt des Starensembles könnte die Goalieposition sein, es gibt Fragezeichen zur Verlässlichkeit von Mike Smith (Arizona). Die Kanadier wirken darob wenig besorgt, warum auch? In vier Spielen haben sie ebenso viele Siege eingefahren, 28 Treffer erzielt und das Publikum mit phänomenalem Offensivhockey begeistert, zuletzt beim wilden 6:4-Sieg über Schweden.

Vernichtende WM-Bilanz

Kanada, das ist eine der Erkenntnisse der ersten Turnierwoche, wirkt erfolgshungrig. Das war nicht immer so in den letzten Jahren: Seit 2009 wartet Kanada auf eine WM-Medaille, ebenfalls seit sechs Jahren hat die Nation den Viertelfinal nie mehr überstanden, letztes Jahr setzte es zum Auftakt eine Niederlage gegen Frankreich ab. Die WM mag bei den kanadischen Profis nicht die höchste Priorität geniessen, dennoch ist die Bilanz für den Branchenprimus vernichtend. Heuer soll sich das ändern – wie auch der Mittelstürmer Jason Spezza im Interview vor dem Direktduell mit der Schweiz vom Sonntag (20.15 Uhr, SRF 2 live) sagt.

Jason Spezza, Sie bestreiten Ihre vierte Weltmeisterschaft. Hatte Kanada bei einer Ihrer Teilnahmen je so viel Talent dabei?

Jason Spezza: Ich würde schon sagen, dass es das beste Team Canada ist, in dem ich je gespielt habe. Es macht Spass, Teil einer solchen Mannschaft zu sein.

Die NHL-Saison dauert 82 Spiele. Wie schwierig ist es, sich danach noch einmal für eine WM zu motivieren?

Spezza: Mir fiel das nicht schwer. Ich bin gesund, und Jim Nill (General Manager des Team Canada, Anm. der Red.) ist auch in Dallas mein GM. In meiner Situation sagt man ihm besser nicht Nein (lacht).

Wie gross ist der Hunger nach dem WM-Titel im Team?

Spezza: Sehr gross. Wir wollen gewinnen. Ich meine: Wir opfern hier einen Monat unserer Freizeit. Das soll sich schon lohnen.

Spürt man Druck nach fünf Jahren ohne Medaille?

Spezza: Klar. Aber er ist nicht grösser als in anderen Jahren. Man erwartet von Kanada immer, dass das Turnier gewonnen wird, wir sind oft in der Favoritenrolle. Mich stört das nicht.

Während des Lockouts spielten Sie bei den Rapperswil-Jona Lakers, die gerade in die NLB abgestiegen sind. Haben Sie die Entwicklung der Lakers verfolgt?

Spezza: Ja, ich telefoniere ab und zu mit Sven Berger. Der Abstieg hat mich geschmerzt, die Fans haben das nicht verdient. Ich habe gehört, dass fast alle meiner damaligen Mitspieler den Klub verlassen haben. Und auch die sportliche Leitung. Ich hoffe, dass der Neuaufbau gelingt. Ich hatte in Rapperswil eine wundervolle Zeit und freue mich auch auf die Partie gegen die Schweiz.

Rapperswil verkaufte im Stadion während Ihres Engagements sogar «Spezza-Burger». Haben Sie je einen gegessen?

Spezza: Natürlich, der hat ausgezeichnet geschmeckt.