EISHOCKEY: Kevin allein zu Hause

Kevin Schläpfer (47), der gefeuerte Trainer des EHC Biel, hat viel zu tun. Er ist mit dem Bau eines Eigenheimes beschäftigt. Aber er möchte lieber einfach wieder Trainer sein.

Klaus Zaugg
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Kevin Schläpfer auf der Dachterrasse an seinem neuen Wohnort im Kanton Baselland. Bild: Marcel Bieri (Sissach, 8. Dezember 2016)

Kevin Schläpfer auf der Dachterrasse an seinem neuen Wohnort im Kanton Baselland. Bild: Marcel Bieri (Sissach, 8. Dezember 2016)

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch

Welch eine Ironie der Eishockeygeschichte. Am kommenden Freitag läuft die Nationalmannschaft in Biel zur Partie gegen Frankreich ein. Ausgerechnet in Biel. In diesem Stadion hat vor etwas mehr als einem Jahr Kevin Schläpfer mit Tränen in den ­Augen oben in der VIP-Loge vor versammelter Journalistenschar seinen Verzicht auf den Nationaltrainerposten erklärt.

Nationaltrainer zu werden, das war sein Bubentraum. Aber der Traum ist nicht in Erfüllung gegangen. Der EHC Biel hat ihn nicht ziehen lassen. Inzwischen ist Kevin Schläpfer in Biel entlassen worden. Im Blick zurück lässt sich ersehen, dass seine Tränen im Oktober 2015 in Biel der Anfang vom Ende waren.

Statt Kevin Schläpfer hat Patrick Fischer den Job bekommen. Der Zuger war nur zweite Wahl hinter Kevin Schläpfer. Er hat mit Lugano, der teuersten Mannschaft der Liga, nichts gewonnen und musste gehen, als er auf dem letzten Platz angelangt war. Doug Shedden führte Lugano anschliessend in den Playoff-Final.

Anrecht auf den echten Kevin Schläpfer

Nun sitzt Kevin Schläpfer allein in seiner Wohnung in Sissach. Seine Freundin ist noch nicht von der Arbeit zurück. Er beklagt sich nicht. Biel behandelt ihn fair und wird, wenn nötig, den Lohn bis zum Ende der nächsten Saison überweisen. Das ist nicht nur juristisch geschuldet. Es ist auch echte Dankbarkeit. Kevin Schläpfer hat ab 2006 erst als Sportchef, dann sieben Jahre lang als Trainer die Bieler aus den Niederungen der NLB erlöst und zeitweise bis ins Playoff-Glück der NLA geführt.

«Ich muss erst einmal gesund werden», sagt Kevin Schläpfer. «Bei meinem nächsten Job muss es richtig rocken. Mein nächster Arbeitgeber hat ein Anrecht auf den echten Kevin Schläpfer.» Biel hatte im Herbst nicht mehr den echten Kevin Schläpfer. Er musste den Sommer im Rollstuhl verbringen und kann erst seit ein paar Tagen ohne Krücken gehen. Er hat diese Saison noch keine Minute auf dem Eis verbracht. Der Grund: Eine Infektion im Knie durch eine nicht sterile Spritze. «Ich hätte in diesem Zustand die Saison nicht beginnen dürfen und krankheitshalber vorübergehend auf mein Amt verzichten sollen. Ich war einfach nicht mehr mich selber. Aber hinterher ist man immer klüger. Und hätte es funktioniert, wenn ich wieder zurückgekommen wäre?»

Kevin Schläpfer gemahnt ein bisschen an einen Rentner, der nach der Pensionierung noch weniger Zeit hat als während des Berufslebens. Einen Steinwurf von seiner Wohnung entfernt lässt er ein Eigenheim bauen. An bester, sonniger Lage in Sissach, wo der Quadratmeter Bauland 1000 Franken oder mehr kostet. Der Rohbau ist fertig, Kevin Schläpfer ist daran, Möbel einzukaufen und beim Innenausbau zu helfen. Dabei hat er sich letzte Woche auch noch einen Hexenschuss eingefangen.

Im Seeland wird er als «Hockeygott» verehrt

Nach wie vor hat er viele Medienanfragen, und Beat Moning, die Chronisten-Legende des «Bieler Tagblattes», will gar ein Buch über die «Ära Schläpfer» schreiben. «Soll ich zustimmen?», fragt Kevin Schläpfer. Ja, warum sollte er nicht? Aber er sollte auf einen kurzen, prägnanten Titel bestehen. «Hockeygott». Als das wird er ja schliesslich auch nach seiner Entlassung im Seeland verehrt. Und er hat ja seinen Frieden mit der Vergangenheit in Biel gemacht. «Ich bin froh, dass die Mannschaft nach meinem Abgang nicht auseinandergefallen ist. Ich hatte ja auch keine Probleme. Aber ich war am Ende meiner Kräfte, das spüre ich jetzt immer mehr. Deshalb habe ich meine Ablösung ja selber thematisiert, und inzwischen kommt es mir wie eine Erlösung vor.»

«Kann mit einem schlechten Gewissen nicht leben»

Aber eben: Da ist der unerfüllte Traum, Nationaltrainer zu werden. «Immer wieder wird mir nun gesagt, ich hätte für mich schauen und den Job als Nationaltrainer auch ohne Erlaubnis der Bieler annehmen sollen. Ich bin nach wie vor froh, dass ich es nicht getan habe. Denn dann hätte ich meine Überzeugungen verraten und ein schlechtes Gewissen. Ich kann mit einem schlechten Gewissen nicht leben.»

Und so hat er also ein gutes Gewissen. Aber keinen Job. Kevin allein zu Haus. Was tut ein Mann, der ein Jahrzehnt lang unter Strom stand, der mit seiner Energie, seinem Charisma jeden Raum füllt und Menschen zu begeistern vermag, wenn das Adrenalin nicht mehr fliesst? Beschäftigung mit Hausbau und ein paar Medientermine können kein Ersatz sein. Er sagt: «Es geht ganz gut. Nur an Spieltagen ist es schwierig. Da kribbelt es, und ich halte es fast nicht mehr aus.» Schläpfer blickt auf ein paar goldene Engel, die auf dem Küchentisch stehen. «Die habe ich am Weihnachtsmarkt in Freiburg im Breisgau gekauft. Wir sind an einem Spieltag dorthin gefahren, so konnte ich das Hockey vergessen.» Aber nicht an allen noch anstehenden Spieltagen ist Weihnachtsmarkt in Freiburg im Breisgau. Das weiss auch Kevin Schläpfer. Er plant darum ein paar Reisen. Gemeinsam mit seiner Freundin wird er Patrick Kane in Chicago besuchen. Der Weltstar spielte während des letzten Lockouts für Biel. «Ich habe nun Zeit, während der Saison bei anderen Klubs hinter die Kulissen zu sehen und zu lernen.»

Geplant sind auch Trips nach Skandinavien und zum Trainer-Symposium während der Weltmeisterschaft in Paris. Aber Spiele in der NLA mag er im Stadion nicht sehen. In Biel war er seit der Amtsenthebung nicht mehr im Stadion. Da kommen noch zu viele Emotionen hoch. «Ich war bisher nur in Langenthal im Stadion.» Dort hatte er einst als Spieler Kultstatus, und dort trifft er regelmässig Markus Bösiger. Der Immobilienunternehmer ist seit Jahren sein Freund.

Aber eben: Das alles ist nur Ablenkung. All sein Sinnen und Trachten ist letztlich einem einzigen Ziel untergeordnet: der Rückkehr ins Hockeygeschäft. Einen Agenten zieht er nicht zu Rate. «Alle Sportchefs kennen mich und haben meine Nummer.» Er weiss, dass es nicht einfach wird. Er sieht ja, dass Lars Leuenberger als SCB-Meistertrainer (!) nach wie vor keinen Job hat. Die ZSC Lions, Lausanne, Kloten und Langnau stellten im letzten Frühjahr neue Trainer ein, und während der Saison haben Langnau, Fribourg und Biel den Trainer gewechselt – und nie ist Lars Leuenberger zum Zuge gekommen.

Am liebsten doch Nationaltrainer

Kevin Schläpfer sagt, fast mehr zu sich selber, als wolle er sich Mut machen: «Ich bin sicher, dass irgendwo für mich eine Tür aufgehen wird.»

Spontaneität, Offenheit und Ehrlichkeit gehören zu Schläpfers Charaktereigenschaften. Aber die muss der Eishockeytrainer nun vorübergehend der politischen Korrektheit unterwerfen. Er weiss, dass unbedachte Äusserungen seine Jobchancen arg verringern können.

Er kämpft mit sich selber. Darf er sagen, was er denkt? Darf er sagen, welchen Job er am liebsten hätte? Welchen Job er besser ausüben würde als der aktuelle Amtsinhaber? Nein, er sagt es nicht. Er darf es nicht sagen und überlässt es dem Schreibenden. Nun denn: Kevin Schläpfer wäre am liebsten Nationaltrainer. Er wäre womöglich der bessere Nationaltrainer.