Eishockey
Neues Stadion, alte Werte, ewiges Ambri – Reportage zum neuen Hockeytempel in der Leventina

Ein Ambri hat eine neue glanzvolle Zeit begonnen – mit den ewigen alten Werten, die den Klub gross gemacht haben.

Klaus Zaugg
Drucken
Teilen
Das neue Stadion von Ambri-Piotta.

Das neue Stadion von Ambri-Piotta.

Alessandro Crinari / Keystone

Hockeyfestspiele. Exakt 6775 Zuschauerinnen und Zuschauer sind gekommen. Zum ersten Mal in dieser Saison ist eine Arena bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Zahl 6775 ist kein Zufall. Sie entspricht der Postleitzahl von Ambri. Auch das ist Marketing. Nie zuvor ist ein Stadion so stimmungsvoll eröffnet worden. Fribourg Gottéron wird mit 6:2 vom Eis gefegt. Jeder andere Gegner, auch Zug und vielleicht gar ein NHL-Team wären überrannt worden. Nun ist klar: Es wird für die Gegner in der neuen Valascia nicht einfacher als in der alten. Im Gegenteil: Es wird im Quadrat schwieriger.

Diese neue Arena steht auf dem alten Militärflugplatz neben dem Dorf im kargen Bergtal der Leventina. Sie sieht aus wie eine Raumstation. Wie ein Fremdkörper. Futuristisch. Sie passt auf den ersten Blick einfach nicht in diese Landschaft. Gut 50 Millionen hat sie gekostet. Präsident Filippo Lombardi hat sogar die UBS dazu gebracht, eine Bankengruppe anzuführen, die Kredite in zweistelliger Millionenhöhe gewährt.

Die Stimmung ist auch in der neuen Arena hervorragend.

Die Stimmung ist auch in der neuen Arena hervorragend.

Samuel Golay / KEYSTONE/Ti-Press

Die steinerne Seele des Schweizer Eishockeys

In der Leventina erwartet der Fremde alles, was halt so in den Bergen zu finden ist. Seilbahnstationen, Kraftwerke, Alphütten, Bauernhäuser, Hotels, militärische Anlagen, Skilifte. Aber nicht eine nigelnagelneue Hockeyarena. Und doch passt sie in die Leventina. Ambris neuer Tempel ist ein Haus aus Stein (Beton) und Eisen. Oft wird der Gotthard als die steinerne Seele der Schweiz bezeichnet. Dieses Stadion am Gotthard-Südfuss ist so gesehen die steinerne Seele unseres Hockeys. Die bange Frage wird immer wieder gestellt: Kann der Geist Ambris auch im neuen Stadion weiterleben? Die Antwort können wir nach einem Spiel geben: Ja.

Trainer Luca Cereda, ein Sohn des Tals, ist zwar nicht ganz sicher und mag nicht so vorschnell urteilen. Er sagt, wohlwissend wie launisch die Hockeygötter sein können: «Es ist wichtig, dass wir auch in diesem neuen Stadion so bleiben, wie wir sind.» Was er meint: Die Arena ist modern, zweckmässig, komfortabel.

Der Geist Ambris aber ist von der Mühsal und den Entbehrungen der alten Arena geprägt. Dort gab es keinen mit anderen Stadien vergleichbaren Komfort für die Spieler und die Fans. So wie es eben auch in der Leventina keinen mit dem reichen urbanen Zentren vergleichbaren Wohlstand, keinen bequemen Lebensstil gibt. Es gibt in Ambri auch keine Träume von einem Meistertitel. Nur die melancholische Sehnsucht nach meisterlichem Ruhm, der unerreichbar in der Ferne der Zeiten warten mag.

Vor 6775 Zuschauern wirft Ambrì-Präsident Filippo Lombardi den ersten Puck ein.

Vor 6775 Zuschauern wirft Ambrì-Präsident Filippo Lombardi den ersten Puck ein.

Samuel Golay / Keystone

Kann dieser Geist also in einem hochmodernen, komfortablen Stadion weiterleben, dessen Infrastruktur sich nicht mehr von anderen Arenen unterscheidet? Luca Cereda sagt: «Vielleicht kommt einmal der Zeitpunkt, an dem ich die Türen alle aufmachen muss, damit es so richtig durch die Gänge zieht wie in der alten Valascia …»

Lautestes Stadion der Welt?

Es wird nicht notwendig sein. Mag sein, dass die Garderoben jetzt so sind wie in allen (oder doch den meisten) Stadien, dass die Arena sich in der Konzeption und den Grundzügen nicht mehr von anderen neuen Hockeytempeln unterscheidet. Aber die Stimmung macht diesen Ort einmalig. Nicht die Architektur und nicht die Inneneinrichtung. Diese neue Valascia ist das lauteste Stadion der Schweiz, mit ziemlicher Sicherheit Europas und damit wahrscheinlich der Welt.

Diese Intensität des Lärms, der Gesänge hat es noch nie gegeben. Auch nicht in Bern. Und schon gar nicht in Lugano. Es sind die Fans, die dafür sorgen, dass die neue Valascia nie ein gewöhnliches Stadion, dass Ambri nie ein gewöhnlicher Klub sein wird. Dass auch die neue Valascia ein Kraftort unseres Hockeys wird.

Fans verabschieden sich von der alten Valascia.

Fans verabschieden sich von der alten Valascia.

Michela Locatelli / freshfocus

Der Beginn des Spiels gegen Fribourg, der Beginn einer neuen Ära, ist wie eine Eruption der Emotionen und des Lärms. Die Nackenhaare stellen sich auf. Hühnerhaut. Hockeykultur. In den ersten Minuten ist es lauter als in der Schlussphase einer Partie, die eine Meisterschaft entscheidet. Dass es so kommen wird, ist schon vor dem Spiel klar. Erst zum zweiten Mal in der Geschichte wird «La Montanara», die melancholische Hymne Ambris, VOR dem Spiel gesungen. Das erste Mal stimmten die Fans das Lied im Oktober 2011 vor einem Spiel (das dann verloren ging) zu Ehren des verstorbenen Peter Jaks an.

Auf den allerletzten Drücker

Und nun kommt es zu einem Novum: Die Hymne wird VOR und, weil Ambri gewinnt, auch NACH dem Spiel gesungen. Exakt eine Minute vor Schluss stimmen die Fans das Lied der Berge um 22.04 Uhr für den ersten Sieg im neuen Stadion an. Die doppelte La Montanara.

Die Ambrì-Fans verabschieden sich von der alten Valascia, pilgern anschliessend in die gut 700 Meter entfernte neue Gottardo-Arena.

Die Ambrì-Fans verabschieden sich von der alten Valascia, pilgern anschliessend in die gut 700 Meter entfernte neue Gottardo-Arena.

Michela Locatelli / Freshfocus

Kaum jemand ahnt, dass die termingerechte Eröffnung mit der Partie gegen Fribourg an einem seidenen Faden hing. Am Mittwoch bezieht die Mannschaft die Kabine der neuen Arena. Am Donnerstag das erste Training. Aber definitiv ist erst am Samstag um 16 Uhr – also 3 Stunden und 45 Minuten vor dem Anpfiff –, dass das Spiel ausgetragen werden kann.

Stadien sind eben Bauten, die erst für das Publikum geöffnet werden dürfen, wenn alle Bewilligungen von verschiedensten Behörden vorliegen. Filippo Lombardi erzählt: «Es ist noch nicht alles perfekt. Aber das war nicht das Problem. Sondern die Kontrollen der Behörden. Alles musste abgenommen werden. Die letzte Kontrolle und Genehmigung hatten wir erst am Samstagnachmittag um 16 Uhr.» Durfte der Inspektor dann gleich zum Spiel bleiben? «Nein, er wollte nur weg. Er ist Lugano-Fan.»

Aktuelle Nachrichten