EISHOCKEY: Pelletier: «Ich bin kein Typ, der tiefstapelt»

Serge Pelletier (47) gilt als Baumeister von Ambris Erfolg. Der Trainer spricht über seine Goalies, den Mythos Ambri und die Zukunft.

Interview Nicola Berger, Ambri
Drucken
Teilen
Ambri-Trainer Serge Pelletier und sein Team befinden sich in einem Hoch. «Das konnte man so nicht erwarten», sagt er. (Bild: Freshfocus/Michela Locatelli)

Ambri-Trainer Serge Pelletier und sein Team befinden sich in einem Hoch. «Das konnte man so nicht erwarten», sagt er. (Bild: Freshfocus/Michela Locatelli)

Mit 24 Jahren kam der Sportlehrer Serge Pelletier als Juniorencoach nach Lugano. Das war 1989. Inzwischen ist der Frankokanadier seit 24 Jahren im Land – und hat Fribourg und Ambri (je zweimal), sowie den EV Zug trainiert. Hinter Arno del Curto (57, Davos) kommt er von allen derzeit in der NLA beschäftigten Trainern in der Liga auf die meisten gecoachten Partien. Pelletier gilt als cleverer, machtbewusster «Players Coach»; wegen seiner jovialen Art verpassten ihm Journalisten den Übernamen «Gentleman-Trainer». Pelletiers Vertrag in Ambri läuft bis zum 30. April 2014, Gespräche über eine Vertragsverlängerung haben bereits stattgefunden.

Serge Pelletier, Ambri siegt und siegt. Sind Sie selber überrascht?

Serge Pelletier: Man hofft immer, dass alles aufgeht. Aber klar, diesen Start konnte man so nicht unbedingt erwarten.

Ambri hat am zweitwenigsten Gegentore kassiert, was damit zusammenhängt, dass Ihre Torhüter Sandro Zurkirchen und Nolan Schaefer die besten Abwehrquoten aufweisen ...

Pelletier: Es hat sich sicher ausgezahlt, Sandro nach Ambri zu holen. Er und Schaefer verstehen sich sehr gut, und die beiden pushen sich zu Höchstleistungen. Dieser Konkurrenzkampf hält beide frisch und motiviert. Davon profitieren wir.

Sie haben Ambri vor Jahresfrist am Tabellenende übernommen. In welchem Zustand war das Team damals?

Pelletier: In einem sehr schlechten – vor allem, was die Moral angeht. Mir ist aufgefallen, dass fast alle Spieler ihre Blicke zu Boden richteten. Meine erste Aufgabe war es, den Spass zurückzubringen.

Das scheint Ihnen ganz gut gelungen zu sein.

Pelletier: Na ja, Erfolg ist immer die beste Medizin (lacht). Aber Erfolg ist nur möglich, wenn das Selbstvertrauen stimmt. Das wird noch unterschätzt.

Sie sind zum zweiten Mal Trainer in Ambri. 2005 wurden Sie auf dem siebten Platz wegen Misserfolgs entlassen. Das ist heute schwer nachzuvollziehen.

Pelletier: Wir waren im Dezember 2004 Tabellenführer, und da steigt die Erwartungshaltung im Umfeld eben. In Fribourg wurde ich auf dem fünften Platz entlassen. Als Coach kannst du das nicht beeinflussen, es gehört halt zum Business.

Besteht diese Gefahr in der aktuellen Situation nicht auch? Ambri dürfte die Qualifikation kaum auf dem derzeitigen dritten Platz abschliessen.

Pelletier: Ich bin nicht der Typ, der jetzt allen die Stimmung vermiest und tiefstapelt, wenn Sie das meinen. Für uns geht es darum, dass wir in jedem Spiel alles geben und der Einsatz stimmt. Das ist das, was die Fans sehen wollen – unabhängig vom Resultat.

Was macht für Sie der Mythos Am­bri aus?

Pelletier: Man spricht nicht zu Unrecht vom «letzten Wunder Europas». Dass dieser Klub weiter existieren kann, ist bemerkenswert. Von meiner ersten Amtszeit sind mir die enthusiastischen Fans in Erinnerung geblieben. Wir haben eigentlich nie Zuschauer im Training. Wenn man als Spieler hierhin kommt, ist es extrem ruhig. Die Valascia ist leer, das Dorf ist leer. Aber an Spieltagen füllt sich alles mit Leben, es ist beinahe magisch. Das gibt uns Kraft und Energie.

Welche Zukunft sehen Sie für den Verein?

Pelletier: Wir brauchen ein neues Stadion, das ist ganz klar. Wir alle lieben die Valascia, aber wir leben im Jahr 2013, und da gibt es halt andere Anforderungen an die Infrastruktur.

Sie leiten die Geschicke des Klubs in Doppelfunktion. Birgt diese Konstellation nicht auch Gefahren?

Pelletier: Ach, wissen Sie: Für mich ist entscheidend, dass ich jeden Morgen in den Spiegel schauen und von mir behaupten kann, dass ich 100 Prozent für Ambri gegeben habe.

Sie gelten als ausgeglichen und stets freundlich. Gibt es überhaupt Momente, in denen Sie ausrasten?

Pelletier: Oh ja. In dieser Saison habe ich wegen der Schiedsrichter schon ein paar Mal die Nerven verloren. Und in der Kabine kann ich auch laut werden. Aber sonst bin ich lieber ruhig und kontrolliert, das stimmt schon. So ist mein Naturell.