EISHOCKEY: Rafael Diaz wartet auf den Frühling

Rafael Diaz kann als erster Schweizer Feldspieler den Stanley-Cup-Final erreichen, seinen New York Rangers fehlen noch drei Siege. Das Problem: Diaz spielt am Broadway derzeit keine Rolle.

Nicola Berger, Montreal
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Brennt auf seinen nächsten Einsatz im Dress der Rangers: der Zuger Rafael Diaz. (Bild: Keystone)

Brennt auf seinen nächsten Einsatz im Dress der Rangers: der Zuger Rafael Diaz. (Bild: Keystone)

Es herrscht Frühlingserwachen in Montreal, die Stadt spielt verrückt. Sicher, das Phänomen ist auch in anderen Städten zu beobachten, es ist ja Mai, aber in der Metropole Québecs sind die Hochgefühle dem Eishockey geschuldet. P. K. Subban, ein wuchtiger Verteidiger, und Carey Price, der Tausendsassa zwischen den Pfosten, haben die Montreal Canadiens aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Die «Habs» sind wohl Rekordmeister der NHL mit 24 Titeln, aber ihre Durststrecke dauert bereits 21 Jahre. Jetzt winkt dem Team der erste Finaleinzug seit dem Stanley-Cup-Sieg von 1993, damals noch mit dem Hallodri Paul di Pietro, und natürlich steht die Stadt kopf. Eishockey ist die wichtigste Religion in Montreal, das Centre Bell die ehrwürdige Kathedrale.

Es ist Samstagnachmittag, und vor dem Stadion herrscht emsiges Treiben. In Fan-Zelten kann man sich das Montreal-Logo ins Haar schneiden lassen, wenige Meter daneben machen findige Tickethändler das Geschäft ihres Lebens. Vom Trubel in den Strassen kriegt Rafael Diaz (28) nichts mit. Bis im Februar hatte der Zuger ja selbst noch für die «Habs» gespielt, heute wirkt er bei den New York Rangers.

Schlafplatz im Ritz-Carlton

Die Rangers duellieren sich gerade mit den Canadiens um den Einzug in den Stanley-Cup-Final, darum ist er zurück in der Stadt, in welcher sein Nordamerika-Abenteuer einst begann. Im Sommer 2012 war das, als er auszog, weg von der Zuger Heimat, weil er in der Schweiz nichts mehr zu beweisen hatte. In Montreal reifte Diaz zur NHL-Stammkraft, und er entwickelte sich auch neben dem Eis. Wer sich mit dem Verteidiger austauscht, der erlebt den früher zurückhaltenden Profi heute selbstbewusster und reifer. Montreal, das war für Diaz eine wichtige Etappe, und noch immer ist er mit der Stadt verbunden. Seine Freundin stammt von hier, und noch immer besitzt er in der Altstadt eine Wohnung, sie lässt sich erst auf den Herbst hin künden.

Für Sentimentalitäten jedoch gibt es in der NHL keinen Platz, im Playoff schon gar nicht. Diaz hat die Seiten gewechselt. Rot gegen Blau und, was den Schlafplatz in der Stadt angeht, die eigene Wohnung gegen das Ritz-Carlton. Er steht in seiner ehemaligen Heimstätte in der Mittelzone und wärmt sich auf, bis zum Anpfiff dauert es noch rund eine halbe Stunde. Sprints, ein paar Kabinettstückchen mit dem Puck, solche Dinge. Diaz bleibt lange auf dem Eis in diesem Warm-up, länger als Martin St. Louis oder Henrik Lundqvist beispielsweise.

Klar, denn im Gegensatz zu seinen Kollegen sind für ihn die paar Runden im Vorprogramm der Spiele derzeit die einzige Entfaltungsmöglichkeit. Seit Anfang März versucht Diaz am Broadway Fuss zu fassen, aber bisher ist ihm das nicht gelungen. Von 34 möglichen Einsätzen bestritt er bloss 13, ansonsten sass er überzählig auf der Tribüne. Wie geht man mit so einer Situation um, mit dem Wissen, dass man nicht benötigt wird? Diaz sagt: «Das hier ist die NHL, man darf das nicht persönlich nehmen. Sondern muss schauen, dass man für den nächsten Einsatz parat ist.»

Die fehlende Spielpraxis

Einfach ist das nicht. In der Serie gegen Pittsburgh setzte ihn Coach Alain Vigneault zwei Mal ein, nachdem Diaz zuvor einen ganzen Monat nicht gespielt hatte. Man kann sich in Übungseinheiten reinknien, wie man will, das Rüstzeug für die Intensität der Playoffs lässt sich nicht in einem Training holen. Diaz sagt: «Im Playoff geht alles noch einmal schneller. Das Tempo ist enorm.»

Er steht jetzt in den Katakomben des Centre Bell, Anzug, er hat sich einen Playoff-Bart wachsen lassen. Die Rangers haben den ersten Vergleich soeben für sich entschieden, 7:2, wie sieht es mit der Gemütslage des Olympiateilnehmers aus? Wie emotional erlebt er das Playoff, jetzt, wo er selber nicht spielt? Diaz sagt: «Ich freue mich wirklich über unseren Erfolg. Das Team ist hervorragend, ich bin voll integriert.»

Der Schicksalsschlag bei St. Louis

Diaz berichtet von einer verschworenen Gemeinschaft in der Kabine. Dieser rettete die Rangers gegen das individuell deutlich stärker besetzte Pittsburgh vor dem Aus, obwohl sie bereits mit 1:3 Siegen in Rücklage geraten waren. Kurz vor dem fünften Spiel gegen die Penguins verstarb die Mutter von Martin St. Louis, einem der meistrespektierten Spieler in der NHL. Diaz sagt: «Dieser Schicksalsschlag hat uns noch mehr zusammengeschweisst.» Gestern Sonntag nahmen die Rangers geschlossen an der Beerdigung von France St. Louis in Montreal teil.

Auf Gerbers Spuren

Für Diaz muss das emotional gewesen sein. Der Einzug ins Endspiel wäre das auch, Diaz wäre der erste Schweizer Feldspieler in der Geschichte des Stanley-Cup-Finals. Ohnehin gibt es bloss einen Akteur helvetischer Provenienz, der sich Stanley-Cup-Sieger nennen darf: der in Kloten beschäftigte Goalie-Routinier Martin Gerber (39) 2006 mit den Carolina Hurricanes. Ein Jahr später stand der Emmentaler abermals im Final, dieses Mal mit Ottawa, unterlag dann jedoch den Anaheim Ducks.

Was würde der Meilenstein Diaz bedeuten? Er wiegelt ab: «Der Weg in den Final ist noch weit.» Die Zurückhaltung ist verständlich. Wenn ihn diese Spielzeit etwas gelehrt hat, dann, dass im rauen Geschäft der NHL nichts planbar ist.

Seine Gedanken kreisen auch um den Sommer, seine Zukunft in der NHL wird sich dann entscheiden. Er sagt: «Ich hoffe, dass ein Team auf mich setzt und mir Verantwortung überträgt.»

Diaz wartet, so kann man das sehen, auf die Chance, die Karriere neu zu beleben, auf sein persönliches Frühlingserwachen. Montreal, seine alte Liebe, macht ihm gerade vor, wie das geht.