Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

EISHOCKEY: Reto Steinmann: «Ich war und bin nicht unfehlbar»

Nach 13 Jahren hat Reto Steinmann (57) das Amt des Einzelrichters niedergelegt. In einem Blick zurück ohne Zorn, aber mit Wehmut spricht der Zuger Anwalt diplomatisch über die Macht der Klubmanager, die Gründe für seinen Rücktritt und seine Zukunft im Eishockey.
Der scheidende Eishockey-Einzelrichter Reto Steinmann in seinem Anwaltsbüro in der Stadt Zug: Ab sofort kümmert er sich wieder vermehrt um Strafsachen aller Art. (Bild Pius Koller)

Der scheidende Eishockey-Einzelrichter Reto Steinmann in seinem Anwaltsbüro in der Stadt Zug: Ab sofort kümmert er sich wieder vermehrt um Strafsachen aller Art. (Bild Pius Koller)

Reto Steinmann, wir erlauben uns eine saloppe Formulierung: Ab sofort kümmern Sie sich nicht mehr um Eishockeyspieler, sondern um Parksünder und Mörder.

Reto Steinmann: Das ist in der Tat sehr salopp formuliert. Aber es ist richtig: Ich konzentriere mich in unserer Anwaltskanzlei nun noch mehr auf die Arbeit als Strafverteidiger. Aber Mörder verteidigen? Wir sind hier in Zug, nicht in Zürich, und haben pro Jahr im ganzen Kanton vielleicht ein oder zwei Tötungsdelikte.

Also dann doch lieber Parksünder?

Steinmann: Sagen wir es so: Strafsachen aller Art.

Sie haben nach 13 Jahren Ihr Amt als Hockey-Einzelrichter ein Jahr früher als vorgesehen niedergelegt. Ist es ein Abgang im Zorn?

Steinmann: Nein, überhaupt nicht. Ich habe meine Arbeit gerne gemacht – obwohl ja eigentlich gerne strafen ein Widerspruch in sich ist. Ich habe versucht, etwas zur Verbesserung des Produktes Schweizer Eishockey beizutragen.

Also ein Rücktritt mit Wehmut?

Steinmann: Das kommt der Wirklichkeit schon näher.

Wehmut, weil Sie sich zuletzt ein bisschen einsam in Ihrem Amt gefühlt haben?

Steinmann: Ich bin von den Klubs jedes Mal ohne Gegenstimme im Amt bestätigt worden. Aber Sie haben schon recht: Ein wenig habe ich mich zuletzt einsam gefühlt.

Weil Sie zuletzt immer unverblümter kritisiert worden sind?

Steinmann: Das liegt in der Natur dieses Amtes. Es ist ja immer jemand unzufrieden. Und wenn ich als Zuger gegen Zug entschieden habe, so hiess es, ich wolle halt meine Neutralität beweisen und sei deshalb streng gegen Zug. Und wenn ich gegen jemand anderes entschieden habe, so hiess es, ich sei ein Zuger. Das ist ähnlich wie bei Schiedsrichter Danny Kurmann, der ja auch Zuger ist.

Das ist es nicht, was ich meine. Sie hätten sich mehr Unterstützung durch die Verbandsführung erhofft.

Steinmann: Sagen wir es so: Es hätte mich schon gefreut, wenn bei gewissen Kritiken auch mal ein Vertrauensvotum vom Verbandspräsidenten oder vom Liga-Direktor gekommen wäre. Aber das ist nicht der Grund für den Rücktritt. Ich habe nach so vielen Jahren eine gewisse Müdigkeit verspürt. Ich habe seit 13 Jahren Karfreitag und Ostern vorwiegend im Büro verbracht, und ich habe seit drei Jahren während der Saison, von September bis April, praktisch jedes Wochenende, vor allem vom Freitag auf den Samstag, Fälle bearbeitet.

Wie viele Urteile haben Sie in dieser Zeit gesprochen?

Steinmann: Ungefähr 800.

Gab es viele Fehlurteile?

Steinmann: Ich war und bin nicht unfehlbar. Es gibt Fälle, die ich im Nachhinein anders beurteilen würde.

Sie haben Spieler zu Unrecht gesperrt?

Steinmann: Es geht eher darum, dass ich in einzelnen Fällen weniger oder mehr Spielsperren aussprechen würde. Die Meinungen gehen ja immer wieder auseinander.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Steinmann: Hm, da müsste ich überlegen.

Oder eines aus dieser Saison?

Steinmann: Ich würde im Nachhinein die eine Spielsperre gegen Tristan Scherwey vor dem Playoff-Final wahrscheinlich nicht mehr geben.

Waren Sie bei ihrer Urteilsfindung stets frei, oder sind Sie immer wieder von verschiedenen Seiten beeinflusst worden?

Steinmann: Es war mir immer sehr wichtig, der Sache zu dienen und die Fälle unabhängig von der Klubzugehörigkeit und vom Namen des Spielers zu beurteilen. Ich habe nie ein Urteil contre cœur gefällt.

Das ist nun aber eine sehr diplomatische Antwort eines Rechtsanwaltes.

Steinmann: Wie viele Jahre befassen Sie sich mit unserem Hockey?

Seit mehr als 30 Jahren.

Steinmann: Deshalb überrascht mich Ihre Frage, ob man versucht hat, mich ein wenig zu beeinflussen.

Also hat man?

Steinmann: Nicht mehr oder weniger, wie das in einer so kleinen Welt, in der jeder jeden kennt, üblich ist. Aber ich bin nie dazu genötigt worden, ein Urteil gegen meine Überzeugung zu fällen. Das hätte ich nicht verantworten können.

Deshalb sind Sie ein Jahr früher als geplant zurückgetreten.

Steinmann: Nein. Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass es einfach eine gewisse Müdigkeit ist. Der Aufwand wird immer grösser, und zudem habe ich eine Aufgabe im OK des Eidgenössischen Schwingfestes von 2019 übernommen (das Ressort Sicherheit – die Red.).

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger?

Steinmann: Es wäre wirklich anmassend, meinem Nachfolger irgendwelche Ratschläge zu erteilen. Er wird seinen eigenen Stil finden.

Werden Sie im Eishockey bleiben?

Steinmann: Ja, natürlich. Dieser Sport fasziniert mich, und ich freue mich schon darauf, nächste Saison einfach Spiele geniessen zu können.

Werden Sie ein Saisonabo beim EV Zug kaufen?

Steinmann: Das ist sehr gut möglich.

Sie könnten aber auch ein neues Amt übernehmen.

Steinmann: Zum Beispiel?

Zum Beispiel jenes eines Verbandspräsidenten.

Steinmann: Wie bitte?

Ja, das wäre doch theoretisch möglich.

Steinmann: Ja, theoretisch, aber sehr, sehr theoretisch.

Oder Sie könnten nun als Rechts­anwalt für die Klubs Rekurse gegen die Urteile des neuen Einzelrichters bearbeiten – sozusagen als neuer Geschäftszweig.

Steinmann: Ich will nicht dem neuen Einzelrichter das Leben schwer machen. Ich weiss ja aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, dieses Amt auszuüben.

Die Einsamkeit des Gerechten

Eishockey-Experte Klaus Zaugg über das Wesen und Wirken von Reto Steinmann

Reto Steinmann hat 13 Jahre lang nach bestem Wissen und Gewissen eines der heikelsten Ämter des Schweizer Sportes ausgeübt. Heikel darum, weil er Missetäter einer Bestrafung zugeführt und damit den Sport beeinflusst hat. Damit brachte er regelmässig Trainer, Sportchefs, Klubpräsidenten und klubnahe Chronisten gegen sich auf. Solange die Gewaltentrennung respektiert wurde und solange Verband und Liga getrennt waren, konnte er seines schwierigen Amtes walten.

Doch 2011 sind Verband und Liga zu einer Organisation verschmolzen worden (Swiss Ice Hockey). Seither ist Steinmann mit seinem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit immer einsamer geworden.
Es ist die Einsamkeit des Gerechten. Heute bestimmen die Klubs, die letztlich Swiss Ice Hockey finanzieren, was geht, und sie wählen den Präsidenten – oder wählen ihn ab.
Die Versuche der Klubs, sich überall einzumischen und auch den Einzelrichter zu beeinflussen, sind im Laufe der letzten Jahre immer dreister geworden.

Eine Episode mag das neue Selbstverständnis der Manager illustrieren. Ein Klubgeneral aus einer grossen Stadt, dessen Name mir gerade entfallen ist (keiner vom EVZ), hat die Macht der Klubs so erklärt: Verbandspräsident Marc Furrer sei so willfährig, dass man schon zum Spass völlig unsinnige Vorschläge vorgebracht habe. Die Antwort sei gewesen: Wenn ihr das so wollt, dann ist es okay. Man habe dann gesagt: Nein, nein, Marc, es war nur Spass. Unter solchen Voraussetzungen kann der Einzelrichter keine Unterstützung durch den Verbandspräsidenten oder den Ligadirektor erwarten. Die Unabhängigkeit der Sport-Justiz ist in Gefahr.

Mit Steinmann verliert unser Hockey einen der wichtigsten Spezialisten. Und vor allem verliert es einen mutigen, unbestechlichen und aufrechten Juristen, der beides kennt: das Eishockey und als Anwalt und ehemaliger Strafrichter auch die Rechtsprechung. Unabhängig davon, wer sein Nachfolger wird: Das Theater um die Hockeygerichtsbarkeit wird grösser. Weil die Klubs zu viel Macht haben – und weil Steinmanns Nachfolger sehr wahrscheinlich nicht den gleichen unbeugsamen Gerechtigkeitssinn und immer weniger Rückendeckung von oben haben wird.

Eishockey-Experte Klaus Zaugg über das Wesen und Wirken von Reto Steinmann. (Bild: Benjamin Soland)

Eishockey-Experte Klaus Zaugg über das Wesen und Wirken von Reto Steinmann. (Bild: Benjamin Soland)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.