EISHOCKEY: Ronny Kellers mühevoller Kampf

Zehn Wochen nach seinem Unfall kehrt Ronny Keller in die Öffentlichkeit zurück. Der nun querschnittsgelähmte Sportler wirkt dabei gefasst – und hat neue Ziele.

Stefan Klinger
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Dr. Andreas Jenny erklärt, wie sich der Bruch des fünften Brustwirbels bei Ronny Keller (links) auswirkt. (Bild: Pius Amrein)

Dr. Andreas Jenny erklärt, wie sich der Bruch des fünften Brustwirbels bei Ronny Keller (links) auswirkt. (Bild: Pius Amrein)

Die kleine Schwelle ist für Ronny Keller noch ein grosses Hindernis. Als der 33-Jährige am Ende seines ersten öffentlichen Auftritts seit jenem tragischen 5. März, an dem er während eines NLB-Matches kopfvoran in die Bande krachte und eine Querschnittslähmung erlitt, den Rand des Podiums erreicht, benötigt er Hilfe. Die 15 Zentimeter, die das Podium vom Zimmerboden abheben, kann er in seinem Rollstuhl nicht alleine bewältigen. Noch nicht. «Das Leben, das ich vorher gehabt habe, ist vorbei. Ich beginne nun ein neues Leben und muss dafür viele Bewegungen erlernen. Im Kopf bin ich wie vorher, aber mein Körper ist jetzt wie der eines Babys», sagt er – und fügt sofort kämpferisch hinzu: «Aber ich sage mir: Ich will leben und unabhängig werden. Ich gebe jetzt alles dafür, um möglichst schnell unabhängig zu werden.»

Unterhalb der Brust gelähmt

Eine extrem harte Zeit, in der er so manchen schwierigen Moment erlebe, sei das jetzt. Immerhin muss sich Keller, der nun unterhalb des Brustbereichs gelähmt ist, in mühevoller Arbeit viele für seinen künftigen Alltag notwendige Dinge aneignen. Entleerungstechniken für den Darm und die Blase, weil das nun nicht mehr automatisch geht, beispielsweise. Den Transfer vom Bett in den Rollstuhl. Oder die Entwicklung eines neuen Gleichgewichtsgefühls, damit er mit seinen Armen und Händen wieder koordiniert umgehen kann. Aufgaben, die Kellers Muskulatur im Arm- und Schulterbereich massiv fordern. «Wenn du realisierst, dass du dich nach zweimal Aufstützen auf dem Böckli so fühlst wie nach 60 Minuten Hockey, obwohl du dich früher vierzig Mal abstützen konntest, ohne gross ins Schnaufen zu kommen, zieht einen das schon sehr runter», verdeutlicht Keller.

Doch die Hilfe im Paraplegiker-Zentrum Nottwil, die Unterstützung seiner Familie und seines besten Kumpels, der Beistand des EHC Olten, für den er zum Unfallzeitpunkt spielte, und seines Heimatvereins HC Thurgau sowie die grosse Anteilnahme unter den Eishockeyfans geben Keller in solchen bitteren Momenten Kraft. Sie muntern ihn auf und verleihen ihm Mut für die Zukunft. Sie und sein Naturell sorgen dafür, dass er nun, zehn Wochen nach dem folgenschweren Check auf dem Eis, schon wieder zielstrebig nach vorn blickt und nicht unendlich mit seinem Schicksal hadert. «Ich war schon immer ein Kämpfer», sagt er, «ich lass mich jetzt auch davon nicht so schnell unterkriegen.»

Keller wirkt sehr gefasst

Und so spricht Ronny Keller am gestrigen Nachmittag bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in aller Ruhe über den Unfall, die Zeit danach und seine Ziele für die Zukunft. Er wirkt sehr gefasst. Selbst wenn er beschreibt, wie er nach und nach, als er in den Tagen nach der Operation immer weniger Medikamente bekam, allmählich realisierte, dass er querschnittsgelähmt bleibt, verdrückt er keine Träne. Selbst wenn er erzählt, wie er mit seinen Familienangehörigen in der ersten Zeit nach dem Unfall das eine oder andere Mal geweint habe, überkommen ihn nicht die Emotionen. Im Mai 2013 betrachtet Ronny Keller seine Situation ganz nüchtern. «Die Hoffnung, dass ich eines Tages wieder laufen kann, gebe ich nie auf. Wenn irgendwann mal der Fortschritt in der Medizin das ermöglichen sollte, nehme ich das natürlich gerne mit», sagt er, «aber ich bin realistisch genug, dass ich mich nun auf das konzentriere, was auf mich zukommt, und versuche, daraus das Beste zu machen.»

Im September Rückkehr nach Hause

Wie es für ihn konkret weitergeht, wenn er vermutlich Anfang September so weit für den Alltag vorbereitet ist, dass er das Paraplegiker-Zentrum in Nottwil dann nach sechs Monaten verlassen und in seine bis dahin behindertengerecht umgebaute Wohnung zurückkehren kann, weiss er noch nicht. Doch er lotet schon mal ein wenig seine beruflichen Möglichkeiten aus. Beim HC Thurgau könnte er eventuell einsteigen. Oder in jenem Treuhandbüro in Uster, in dem er schon seit Jahren parallel zum Eishockey arbeitete – und dessen Chef ihm schon vor drei Jahren einen Job angeboten hat, falls er mit dem Spitzensport aufhört. «Er war einer der Ersten, die mich angerufen haben. Er sagte mir damals sofort: Für dich ist bei uns ein Platz frei», erzählt Keller.

Und wer weiss: Vielleicht kehrt Ronny Keller ja eines Tages als Aktiver auf die Bühne des Sports zurück. «Ich habe mit Silvano Beltrametti per Mail Kontakt gehabt. Er hat mich motiviert, dass auch für mich das Leben wieder schön sein kann», sagt Keller, «ich weiss, dass ich auf jeden Fall sportlich etwas für den Körper machen will. Aber in welche Richtung das dann geht, kann ich jetzt noch nicht sagen. Dafür ist es zu früh.»

Keller bereitet Eishockey-WM Spass

An den Unfall selbst kann sich Ronny Keller nicht mehr erinnern. Erst wieder an jenen Moment, als er im Sanitätsraum lag. Die zehn Minuten davor fehlen ihm. Doch darauf scheint er auch keinen gesteigerten Wert zu legen. Für Keller, der vor seinem gestrigen Auftritt bekannt gab, dass er keine Fragen zu Langenthals Stefan Schnyder, der ihn gecheckt hatte, beantworte, zählt der Blick nach vorne. Und mit dem Eishockeysport ist er ohnehin schon längst wieder im Reinen. Bereits zwei Tage nach dem verhängnisvollen Unfall habe er sich wieder die Playoff-Spiele im TV angeschaut. «Und die WM bereitet mir gerade sehr viel Spass», sagt Keller, «jetzt, wo es so gut für die Schweiz läuft.»