EISHOCKEY: Zurück im Scheinwerferlicht

Bob Hartley, der Meistertrainer der ZSC Lions, entscheidet das «Schweizer» Trainerduell mit Ralph Krueger für sich. Und er bestätigt das Interesse an Andres Ambühl.

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Nur wenig Eiszeit: Sven Bärtschi. (Bild: EQ/Hinkel)

Nur wenig Eiszeit: Sven Bärtschi. (Bild: EQ/Hinkel)

Die Begrüssung für den Gast aus der Schweiz fällt überschwänglich aus: «Oh, hallo, wie geht es Ihnänn», fragt ein entzückter Bob Hartley (52). Es ist der Tag des grossen Derbys, des «Battle of Alberta» gegen die Edmonton Oilers und ihren Coach Ralph Krueger (53). Das nationale kanadische Fernsehen überträgt das Derby live, es ist «Hockey Night in Canada», und der Frankokanadier geniesst es, nach fünf Jahren Absenz zurück im Scheinwerferlicht zu stehen. 2007 war er in Atlanta entlassen worden und danach fast vier Jahre arbeitslos gewesen, bis er im letzten Frühling die ZSC Lions zum Meistertitel führte.

In der Schweiz weigerte Hartley sich zu Beginn, Journalisten via Telefon zu Aufstellungsfragen Auskunft zu geben. «Kommt zum Training, wenn ihr etwas wissen wollt», pflegte er jeweils zu sagen. Man kann ihn verstehen, allein zum morgendlichen Warm-up kommen an diesem Samstag rund 30 Medienschaffende.

Früher war es eine Schlacht

Es ist Hartleys erstes «Battle of Alberta», aber natürlich weiss er, welche Bedeutung dem Derby zukommt. Flames gegen Oilers, Flammen gegen Öl, das war schon immer eine explosive Kombination. Unvergessen, wie Doug Risebrough 1986 Marty McSorley (den Bruder von Servette-Coach Chris McSorley) erst verprügelte, dann dessen Jersey auszog, dieses auf der Strafbank mit den Kufen zerschnitt und dann zurück aufs Eis warf. «Früher herrschte in diesen Spielen der Krieg», sagt Doug Young. Er muss es wissen, denn er ist seit vielen Jahren Torrichter bei den Heimspielen der Flames.

Viel davon ist nicht übrig geblieben. Das mag damit zusammenhängen, dass die Duelle in den letzten Jahren meist sehr einseitig verliefen. Seit 2002/03 hat Edmonton die Qualifikation nie mehr vor den Flames abgeschlossen. Dazu kommt: Die «Goons», die reinen Prügler, sind in der NHL vom Aussterben bedroht. Bei den Flames etwa gibt es kaum einen Akteur, der die Handschuhe mal fallen lässt.

Und so verkommt das ewige Prestigeduell an diesem Samstag zu einer eher gewöhnlichen, an Highlights dünnen Taktikschlacht. Die Unterhaltung im «Saddledome» ist damit deutlich schlechter, als sie es jeweils im Juli ist. Dann nämlich ist die Arena Teil der weltberühmten «Calgary Stampede», eines Rodeo- und Western-Festivals, das nach Eigenwerbung die «grösste Outdoor-Show» der Welt ist.

Ein Schwatz mit Crawford

Auch ohne die Hilfe von lassoschwingenden Cowboys siegt Calgary am Ende mit 4:3. Es ist der erste Sieg für die Flames in der jungen Hartley-Ära. Der Trainer spricht von einem «unglaublichen» Sieg, was nicht überrascht, weil das sein absolutes Lieblingswort ist. Die Schweiz ist unglaublich, die ZSC Lions sowieso, und der Teamspirit bei den Flames ist es auch. Um 7.12 Uhr Schweizer Zeit wird live am TV der aktuelle ZSC-Trainer Marc Crawford (51) per Telefon zugeschaltet. Die beiden tauschen Anekdoten aus, und darin ist Hartley richtig gut – auch, weil er sich selber gerne reden hört. Er sagt unter anderem: «In der NHL ist es so, dass du zwar in verschiedenen Städten spielst, aber die Stadien sind alle auf dem gleichen Standard. In der Schweiz ist es anders. Einmal spielten wir in Ambri, und am Morgen rief uns deren Teamdoktor an und sagte: ‹Es ist minus 25 Grad, wir können heute kein Spiel austragen.› Aber ich habe gesagt: ‹Klar können wir.›»

Die Geschichte ist von Hartley grosszügig aufgepeppt worden, aber sie ist gut, die Journaille hängt an seinen Lippen. Warum er nicht in Zürich geblieben sei, wollen sie wissen. Er sagt: «Natürlich hätte ich bleiben können. Es ist ein schönes Leben da. Kaum Reisen, wenige Spiele. Aber ich wollte eine neue Herausforderung.»

Noch unmittelbar nach dem Meistertitel hatte er mit den Lions über eine vorzeitige Vertragsverlängerung (verbunden mit einer kräftigen Lohnerhöhung) verhandelt. Als der Deal platzte, war klar, dass er nicht zurückkehren würde. Hätte er nicht bei den Flames Unterschlupf gefunden, wäre er auf seinen Kommentatorposten bei der TV-Station RDS zurückgekehrt.

Ambühl ist Hartleys Lieblingsspieler

Den Respekt für das Schweizer Eishockey hat er indes nicht verloren. Unglaublich sei sie, diese Liga. Andres Ambühl (29) ist darin einer der besseren Spieler. Der Bündner hatte im Frühjahr grossen Anteil am Zürcher Titelgewinn. Die Gerüchte, Hartley wolle den Nationalspieler nach Calgary mitnehmen, hielten sich danach entsprechend hartnäckig. Der Coach sagt: «Ambühl ist mein Lieblingsspieler! Er hat unglaubliche Fähigkeiten. Für die nächste Saison könnte er schon ein Thema werden. Aber ich weiss auch, dass er bei Davos unterschrieben hat.»

Derzeit hat Hartley andere Sorgen. Die Flames, man muss es so deutlich sagen, sind kein sonderlich gutes Team. Das Management weigert sich standhaft, eine «Rebuild»-Phase zu starten, obwohl es offensichtlich ist, dass sich mit diesem Team kein Stanley-Cup gewinnen lässt. Danach gefragt, erinnert Hartley daran, in der Schweiz, der AHL (Hershey, 1997) und der NHL (Colorado 2001) bereits Meister geworden zu sein. Sollte er diesen Erfolg mit den Flames wiederholen können, dann wäre das, richtig, unglaublich.

Nicola Berger, Calgary

Bärtschi in Schwierigkeiten

Statist nbe. Bob Hartley kann ein charmanter Mann sein. Allerdings: Ist man jung, stehen die Chancen, dies persönlich zu erleben, so gut nicht. In Colorado nannten sie ihn wegen seiner fordernden Art gegenüber unerfahrenen Akteuren «Bobby Heartless». Unterlief einem Youngster ein Fehler, so schildert es ein Reporter der «Denver Post», habe Hartley jeweils gesagt: «Ich rieche Schokoladenduft.» Das Farmteam der Colorado Avalanche befindet sich in Hershey, bekannt für die gleichnamige, in Nordamerika extrem populäre Schokoladenmarke ...

Wieder «Swiss Miss»-Schlagzeile

Aktuell kommt auch Sven Bärtschi (20) in den Genuss der Bob-Hartley-Spezialbehandlung. Nachdem er am Freitag im Abschlusstraining in keiner Linie eingesetzt worden war, setzte das Boulevardblatt «Calgary Sun» in der Samstagsausgabe den Titel «Swiss Miss». Als diese Schlagzeile vor 12 Jahren zum letzten Mal zu lesen war, hatten sich die Zeitungen in Edmonton über die fehlende Härte des grandios gescheiterten Erstrundendrafts Michel Riesen (33, heute Rapperswil) geäussert. Der Unterschied: Bei Riesen hatte «Miss» die Bedeutung «Fräulein», bei Bärtschi war es das Wort «Fehlen».

Reporter zusammengestaucht

Hartley fand trotzdem keinen Gefallen an der Geschichte. Beim morgendlichen Warm-up stauchte er den zuständigen Journalisten ordentlich zusammen: «Weisst du eigentlich, wie viele Bäume für diesen Scheiss unnötig gefällt wurden?»

Zwar setzte der Coach sein Toptalent am Abend tatsächlich ein, aber so wie er es tat, hätte er es gleich bleiben lassen können. Exakt fünf Minuten und eine Sekunde Eiszeit erhielt der Langenthaler in seinem neunten NHL-Spiel. Das ist absurd wenig – und geschah ausgerechnet vor den Augen seiner Mutter und seines Bruders, die auf Besuch weilten. Bärtschi sagte: «Ich bin es nicht gewohnt, in der vierten Linie zu spielen, da gehöre ich nicht hin.» In seinen wenigen Einsätzen gelangen Bärtschi immerhin zwei starke Aktionen, bei denen er sich für höhere Aufgaben empfahl. Mit einem Skorerpunkt wurde er nur darum nicht belohnt, weil Blair Jones in der 46. Minute das leere Tor verfehlte. Auch Bärtschi hat festgestellt, dass es für jüngere Akteure unter Hartley nicht einfach ist. Der Angreifer sagt: «Junge Spieler müssen mehr zeigen.»

Hartley: «Bärtschi ist noch jung»

Hartley verteidigt seinen Entscheid so: «Bärtschi ist noch sehr jung, er ist quasi unser Baby. Er kann zweifellos sehr gut werden, aber er muss zuerst einige Dinge lernen.»

Auch dem Trainer wird indes klar sein, dass der Lerneffekt bei fünf Minuten Eiszeit eher begrenzt ist. Die erste Chance, dies zu ändern, bietet sich Hartley am Donnerstag gegen Colorado.