Eishockey-Playoff
Bern verliert das Spiel, aber nicht den Mut

Titelfavorit Zug gewinnt gegen Titelverteidiger SC Bern das erste Spiel im Viertelfinal nur mit viel Mühe 4:2.

Klaus Zaugg
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Zugs Dominik Schlumpf gegen Berns Tristan Scherwey.

Zugs Dominik Schlumpf gegen Berns Tristan Scherwey.

Claudio Thoma/Freshfocus

Eine einzige Szene sagt manchmal mehr als alle Statistiken, Worte, Analysen und Erklärungen. Ein paar Sekunden erklären uns alles, was in diesem zweistündigen Ringen auf rutschiger Unterlage passiert ist und veranschaulichen die Not und das Elend des mutigen, unerschrockenen und selbstsicheren Aussenseiters.

Knapp vor «Halbzeit». Der himmelhohe Favorit Zug spielt Powerplay. Der nordische Riese Carl Klingberg (190 cm/98 kg) schiebt sich vor das Tor der Berner. Dort versucht ihn Beat Gerber, der tapferste der Tapferen, einer der erfahrensten, zähesten und unerbittlichsten defensiven Defensivverteidiger der Liga am «Einlochen» zu hindern.

Es ist vergebliche Liebesmühe. Carl Klingberg erzwingt das vorentscheidende 3:1. Beat Gerber ist halt nur 178 Zentimeter gross und 87 Kilo schwer. Zu klein und zu leicht.

Alle Tore im Video

Video: TV24

Zug drückend überlegen

Dieser Zweikampf steht symbolisch für die im besten Wortsinn drückende Überlegenheit des Qualifikationssiegers (41:26 Torschüsse). Er sagt uns mehr als etwa die Tabelle, die eine noch nie gesehene Differenz zwischen zwei Playoff-Gegnern zeigt: die Zuger haben in der Qualifikation sage und schreibe 119 Punkte geholt. 63 Punkte mehr als die Berner.

Dieses Ringen des tapferen kleinen Berner Verteidigers mit dem Titanen der Zuger Offensive sagt uns noch etwas: Beat Gerber hatte alles versucht. Er steht gleichsam als Symbolfigur für diesen letzten grossen Kampf des Titelverteidigers gegen seinen wahrscheinlichen Nachfolger.

Die Kleinmütigen im Bernbiet befürchten ja schon, der SCB werde womöglich auf Jahre hinaus nie mehr dazu in der Lage sein, einen Titelkandidaten herauszufordern. Noch sitzen die Berner, die der Abendröte ihres meisterlichen Ruhmes entgegenreiten, aufrecht in den Sätteln.

Zug gewinnt zwar diese erste Partie wie allseits prophezeit und erwartet. Aber es rumpelt noch in der letzten Minute und der letzte Widerstand erlischt erst mit der letzten Sirene.

Die Zuger haben die feineren Hände

Es gibt noch eine Szene, die uns viel über diese Partie sagt. In der sechsten Minute prallt Zugs kräftiger Defensiv-Stürmer Yannick-Lennart Albrecht (190 cm/92 kg) mit Berns Leitwolf Simon Moser (187 cm/97 kg) zusammen. Alles legal.

Der Zuger wird so durchgeschüttelt, dass er das Spiel nicht fortsetzen kann. Simon Moser merkt kaum, dass da etwas war. Ein Mann aus Hartholz. Aber eben auch ein Mann mit hölzernen Händen: Bei einem Konter kurz vor der ersten Pause serviert ihm Cory Conacher die Scheibe auf den Stock. Aber der SCB-Captain verpasst den Ausgleich zum 2:2.

Auch das ist typisch: die Zuger haben die feineren Hände. Das erste Spiel haben die Berner verloren. Aber noch lange nicht den Mut. Vielleicht hilft ein bisschen Nostalgie: Zug hat 2019 im Final gegen Bern das erste Spiel gewonnen und am Ende ist doch Bern Meister geworden.