ANALYSE: Wenn ganz wenig sehr, sehr viel ist

Schweden gewinnt gegen die Schweiz 5:1. Wir haben Gold verloren und Silber gewonnen. Aber wir dürfen nicht zufrieden sein. Martin Gerber war ein Weltstar ohne Fortune.

Klaus Zaugg, Stockholm
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Nino Niederreiter Martin Gerber, Morris Trachsler, Andres Ambühl und Matthias Bieber (von links) unmittelbar nach der Niederlage. (Bild: Keystone)

Nino Niederreiter Martin Gerber, Morris Trachsler, Andres Ambühl und Matthias Bieber (von links) unmittelbar nach der Niederlage. (Bild: Keystone)

Hatten die Schweden den besseren Goalie? Nein.
Hatten sie die besseren Verteidiger? Nein.
Hatten sie die besseren Stürmer? Nein.
Hatten sie das bessere taktische Konzept? Nein.
Wurden sie besser gecoacht? Nein.
Hatten sie mehr Energie? Nein.

Aber trotzdem haben wir verloren. Am letzten Tag des Turniers haben wir eine bittere Lektion bekommen. Die Differenz war nicht spielerischer oder taktische Natur. Die Differenz war im Kopf. Die Schweden waren arroganter. Weil sie wissen, wie man Titel gewinnt. Wir wissen es immer noch nicht.

Die Tschechen haben auch es auch, dieses „Herrschaftswissen“ wie Turniere und Titel gewonnen werden. Trotzdem haben wir im Viertelfinale 2:1 gewonnen.

Parallelen zur Schweiz

Aber die Schweden waren in diesem Finale eine ganz andere Mannschaft als beim Startspiel, das sie gegen uns 2:3 verloren hatten. Wir haben bei dieser WM noch nie gegen eine Mannschaft wie dieses Schweden gespielt. Es gibt durchaus Parallelen zum Playoffinale zwischen Bern und Fribourg-Gottéron. Auch dort hat nicht die bessere Mannschaft gewonnen. Sondern die arrogantere. Die Mannschaft, die weiss, wie Titel gewonnen werden. Der SC Bern. Die Berner sind die Schweden unseres Klubhockeys. Oder noch besser: Die Schweden sind die Berner des internationalen Hockeys. Die nordischen Berner. Erstmals seit 1986 (die Sowjets in Moskau) hat wieder ein Gastgeber den WM-Titel geholt. Es ist der 9. Titel für Schweden.

Eishockey ist ein so intensives Spiel. Intensiver noch als Fussball. Die Regeln tolerieren den Körperangriff. Eishockey in einem WM- oder Olympia- oder Playoffifnale ist sehr oft die Fortsetzung eines Spiels mit anderen Mitteln. So wie dieses Finale zwischen Schweden und der Schweiz. Es fehlte so wenig zu unserem ersten WM-Titel. Wenn wir so wollen, können wir sagen, ein „Zufallsmehr“ habe für die Schweden entschieden. Aber in einem WM-Finale ist ganz wenig sehr, sehr viel.

Die Schweden haben grosse Triumphe gefeiert. Sie haben 2006 im gleichen Jahr Olympisches Gold und die WM gewonnen. Sie haben auch schon bittere Niederlagen erlitten. Beispielsweise im Finale von 1995 mit 1:4 gegen Finnland hier im Globen. Oder 2011 in Bratislava im Finale 1:6 wiederum gegen Finnland.

Arrogante Schweden

Aber am Sonntagabend konnten die Schweden nicht verlieren. Weil sie so arrogant waren. Verlieren gegen die Schweiz? Daran hat keiner gedacht. Ein WM-Finale vor eigenem Publikum gegen die Schweiz verlieren? Nein, nein und nochmals nein. Die Schweden waren so arrogant, dass sie vor dem Finale goldene Helme herstellen liessen und sich diese Helme, welch eine Provokation und Respektlosigkeit, auf der Spielerbank schon 15 Sekunden vor Schluss aufsetzten. Diese Arroganz hat nicht zu Überheblichkeit geführt. Sondern zu jener grimmigen Entschlossenheit, die im entscheidenden Moment die letzten Reserven freisetzt. Und die jene Körpersprache ermöglicht, die ohne Worte signalisiert: Ihr habt keine Chance. Wir machen keine Gefangenen. Auch das 1:0 durch Roman Josi vermochte das Selbstvertrauen der Schweden nicht zu erschüttern. Symbolisch für ihre Entschlossenheit: Sie erzwingen das 1:1 ausgerechnet gegen den Plüss-Sturm. Es ist der erste Gegentreffer, den Martin Plüss, Nino Niederreiter und Simon Moser bei diesem Turnier hinnehmen müssen.

Bundespräsident Ueli Maurer (links) übergibt die WM-Silber-Medaille an EVZ-Stürmer Reto Suri. (Bild: Keystone)
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Roman Josi, Nino Niederreiter und Eric Blum lassen sich vom Schweizer Staff trösten. (Bild: Keystone)
Nino Niederreiter Martin Gerber, Morris Trachsler, Andres Ambühl und Matthias Bieber (von links) unmittelbar nach der Niederlage. (Bild: Keystone)
Enttäuschung bei Philippe Furrer. (Bild: Keystone)
Gross die Enttäuschung bei Matthias Seger (links) und Martin Gerber. (Bild: Keystone)
Rafael Diaz wird von Daniel Sedin gelegt. (Bild: Keystone)
Gross die Enttäuschung auch bei Trainer Sean Simpson. (Bild: Keystone)
Die Schweizer Mathias Seger (links) und Martin Gerber sind vor dem Schweden Gabriel Landeskog am Puck. (Bild: Keystone)
Schweizer Fans in der Globe Arena in Stockholm. (Bild: Keystone)
Reto Suri (links) wird von Henrik Tallinder zurückgehalten. (Bild: Keystone)
Severin Blindenbacher (rechts) gegen Simon Hjalmarsson. (Bild: Keystone)
Die Schweizer Spieler Diaz, Josi, Trachsler, Walker und Bieber jubeln nach dem 1:0. (Bild: Keystone)
Headcoach Sean Simpson zeigt, wos lang geht. (Bild: Keystone)

Bundespräsident Ueli Maurer (links) übergibt die WM-Silber-Medaille an EVZ-Stürmer Reto Suri. (Bild: Keystone)

Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Die erste ist die totale Glückseligkeit. Die beste Nationalmannschaft unserer Geschichte hat mit dem besten Hockey unserer Geschichte den grössten Erfolg unserer Geschichte erreicht. WM-Silber. Ende gut, alles gut. Psalmen statt Polemik. Vergebung aller Hockey-Sünden. Wenn wir das tun, werden wir nie Weltmeister. Ja, wir riskieren, bei der nächsten WM die Viertelfinal-Qualifikation zu verpassen. Weil die Leistungsdifferenz über der Waldgrenze der Mittelmässigkeit so klein ist.

Es gibt eine zweite Möglichkeit. Stolz auf die WM 2013. Aber keine Zufriedenheit. Die Enttäuschung, so knapp vor dem Ziel gescheitert zu sein, muss im September, wenn die neue Saison beginnt, grösser sein als die Genugtuung. Weiterhin Polemik statt Psalmen. Weiterhin Anprangerung jeder Hockeysünde. Mit dieser Einstellung werden wir früher oder später Weltmeister.

Sean Simpson wird die zweite Möglichkeit wählen. Er ist mit seiner bärbeissigen Grantligkeit genau der Coach, den die Schweizer als Bergführer auf den letzten Metern zum Gipfel brauchen. Der bald eingebürgerte Kanadier muss nur erkennen, welche Spieler ihm auf diesem unbequemen Weg folgen wollen und können.

Gibt es Spieler, die zu kritisieren sind? Spieler, die ganz besonderes Lob verdienen? Kritik – nein. Lob – ja. Das ist nun scheinbar ein Widerspruch zur vorgängigen Analyse. Aber eben nur scheinbar. Die Schweizer haben den Beweis erbracht, dass Namen nur auf dem Dress aufgenähte Buchstaben sind. Jeder hat aus seinen Möglichkeiten dort, wo er eingesetzt worden ist, ein Maximum herausgeholt. Es gibt keine Versager. Der Chronist kann nicht gegen Stars polemisieren. Mit dem gleichen Willen und der gleichen Leidenschaft, die diese Mannschaft bis ins Finale gebracht hat, kann sie auch noch den letzten, schwierigen Weg zum Gipfel gehen. Mit der Erfahrung aus 2013 werden die Schweizer das nächste Finale nicht mehr verlieren.

Diaz ist der stille Superstar

Der Chronist beendet die Analyse mit Lob. Roman Josi ist jetzt besser als Mark Streit und ist doch noch nicht am Ende seiner Entwicklung angelangt. Er steht zu Recht im All-Star-Team dieser WM und ist zu Recht zum besten Verteidiger und wertvollste Einzelspieler (MVP) des gesamten Turniers gewährt worden. Rafael Diaz ist der stille Superstar, der jede Mannschaft besser macht und noch besser wird.

Reto Berra wird bis in zwei Jahren ein NHL-Topgoalie sein. Martin Plüss war an diesem Turnier der beste Zweiweg-Center, den wir je an einer WM hatten. Wir brauchen ihn auch 2014 noch. Mathias Seger, Ryan Gardner und Julien Vauclair haben im Spätherbst ihrer Karriere ihr bestes internationales Hockey gespielt. Es mag Herbst sein. Aber es ist noch nicht alles Laub aus den Bäumen ihres Ruhmes gefallen. Alle drei können uns auch beim Olympischen Turnier 2014 in Sotschi noch helfen. Auch wenn ausgerechnet Julien Vauclair und Mathias Seger das alles entscheidende 1:3, unseren ersten und einzigen „richtigen“ Abwehrfehler bei diesem Turnier auf dem Gewissen haben. Die beiden Verteidiger mit der besten Plus-Minus-Statistik aller Spieler an dieser WM.

Martin Gerber war in diesem Finale ein Hockey-Weltstar ohne Fortune. Er ist immer noch so gut, dass er, wenn er gesund bleibt, in Sotschi hinter Jonas Hiller und Reto Berra unsere Nummer 3 sein wird. Hätten wir mit Reto Berra im Tor den Titel geholt? Nein. Alleine aus Respekt vor Sean Simpson verbietet dem Chronisten eine billige Polemik um die Torhüterwahl nach einem Spiel. Wenn jeder Gefreite ein General ist.

Philippe Furrer hat in seinem ganzen Leben noch nie so gut verteidigt wie bei dieser WM. Luca Cunti kann unser Sidney Crosby, Nino Niederreiter unser Mark Messier werden. Julian Walker ist jetzt einer der besten Defensivstürmer der Welt. Denis Hollenstein ist endlich so gut wie einst sein Vater war. Bei Simon Bodenmann, Simon Moser und Reto Suri haben wir gesehen, dass sie jetzt schon zu den Besten gehören und trotzdem noch besser werden können.

Note 6

Warum keine Noten? Wenn unsere Nationalmannschaft das WM-Finale erreicht, dann müssten wir theoretisch jedem die Maximalnote 6 geben. Aber rein hockeytechnisch verdient nicht jeder die Maximalnote 6. Es ist nicht seriös, Eric Blum die gleiche Note zu geben wie Roman Josi. Deshalb unterlässt der Chronist diesmal die Einzelkritik. Es gibt die Maximalnote 6 für die Mannschaft – und für Sean Simpson.

Sean Simpson hat alles richtig gemacht und wird trotzdem nicht zufrieden sein. Er hat „Fluch der ersten Niederlage“ immer noch nicht gebannt: Schon zum vierten Mal hintereinander kann er nach der ersten Turnier-Niederlage kein wichtiges Spiel mehr gewinnen. Aber diesmal hat er erst das Spiel um Gold verloren.