Eishockey

Jetzt wartet die Talentschmiede mit einer grossen Herausforderung

Die Schweizer treffen an Auffahrt (15.15 Uhr) in Ostrava im WM-Viertelfinal auf die USA. Die ganz grossen Namen fehlen im Team der USA, jedoch sind die Spieler hochtalentiert – auch dank zentraler Ausbildung im Norden der USA.

Marcel Kuchta, Prag
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Einer der jungen US-Hoffnungsträger: Seth Jones, Verteidigerkollege von Roman Josi bei den Nashville Predators.

Einer der jungen US-Hoffnungsträger: Seth Jones, Verteidigerkollege von Roman Josi bei den Nashville Predators.

KEYSTONE

Das Jahr 1996 wird dereinst als Wendepunkt in die Annalen des US-Eishockeys eingehen. Damals entschieden sich die Verantwortlichen, dass ihre Sportart neue Wege beschreiten müsse. In der Folge wurde das «National Team Development Program» (NTDP), ein nationales Mannschafts-Entwicklungs-Programm, ins Leben gerufen, um talentierte Eishockeyspieler unter 18 Jahren während zweier Saisons zentral zu fördern. In Ann Arbour, im Bundesstaat Michigan, wurde ein Leistungszentrum mit perfekter Infrastruktur gebaut. Die Talentschmiede war zum Leben erweckt. Seither werden im Nordosten der USA Jahr für Jahr herausragende Talente «gezüchtet». Insgesamt 247 Spieler wurden in den vergangenen 16 Jahren von den 30 NHL-Teams im Draft ausgewählt. Prominentester Vertreter ist Chicagos Superstar Pat Kane, der 2007 an erster Stelle gedraftet wurde.

Beeindruckend ist vor allem, welche Auswirkungen das NTDP auf die nationalen Auswahlen hatte. Die U18-Nationalmannschaft wurde seit 2002 neunmal Weltmeister, zuletzt vor drei Wochen in der Schweiz. Die U20-Equipe sicherte sich dreimal den WM-Titel. Nur auf höchster Stufe hat es den Amerikanern noch nie ganz an die Spitze gereicht. Aber es ist eindrücklich, wie gross das Spielerreservoir inzwischen geworden ist. Wenn man sich das aktuelle WM-Kader anschaut, dann sind die meisten Namen nur absoluten Insidern ein Begriff. Zu den bekannteren Spielern gehören Seth Jones, der bei den Nashville Predators Teamkollege von Roman Josi ist, Charlie Coyle, der bei den Minnesota Wild oft zusammen mit Nino Niederreiter in derselben Sturmlinie spielte, Justin Faulk, der beste Verteidiger der Carolina Hurricanes, oder natürlich Jack Eichel, der im kommenden Draft hinter dem kanadischen Überspieler Connor McDavid an zweiter Stelle ausgewählt werden dürfte. Diese Spieler habe alle eine Gemeinsamkeit: Sie durchliefen die Talentschmiede in Ann Arbour, so wie vier weitere Akteure des US-WM-Teams, dessen Durchschnittsalter nicht einmal 24 Jahre beträgt.

Wie gut diese Spieler ausgebildet sind, zeigen die Amerikaner an dieser WM auf eindrückliche Art und Weise, indem sie die Ostrava-Gruppe auf dem ersten Platz abschlossen und dabei sowohl Finnland (5:1) als auch Russland (4:2) alt aussehen liessen. Der ehemalige SCB-Headcoach Antti Törmänen beobachtete die US-Amerikaner als Experte des finnischen Senders YLE in Ostrava mehrmals vor Ort und zeigte sich vor allem von ihrer Defensive beeindruckt: «Die Amerikaner verfügen über einige wirklich starke Verteidiger, die viel Eiszeit erhalten und offensiv Akzente setzen können: Justin Faulk, Seth Jones und Torey Krug.» Im Angriff rage dafür kein Spieler heraus: «Es handelt sich um ein starkes Kollektiv.»

Trainer mit Schweizer Vergangenheit

An der Bande der USA steht mit Todd Richards ein Mann mit kurzer Schweizer Vergangenheit. In der Saison 2001/2002 war er Teil der Aufstiegsmannschaft von Servette Genf. Mittlerweile ist er Headcoach der Columbus Blue Jackets. «Es erstaunt niemanden, spielen die Amerikaner ein System, das auf Einfachheit und harter Arbeit basiert. Jeder kämpft für den anderen, das macht es schwierig, vor ihr Tor zu kommen», erklärt Törmänen.

Immerhin: Die Schweizer haben sehr gute Erinnerungen an die USA. Auf dem Weg zur Silbermedaille in Stockholm besiegte man die Amerikaner vor zwei Jahren auf beeindruckende Art und Weise mit 3:0. Bei den «Eisgenossen» sind allerdings nur noch zehn Spieler von damals mit dabei, beim Gegner nur noch einer (Faulk). Die Karten sind also völlig neu gemischt.