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EISSCHNELLLAUF: Livio Wenger: «Jetzt gehöre ich in diese Welt»

Livio Wenger hat die Qualifikation für den Massenstart an den Olympischen Spielen bereits geschafft. Doch damit gibt er sich nicht zufrieden: Der 24-jährige Schenkoner will Einzigartiges schaffen.
Stephan Santschi
Livio Wenger gewinnt das internationale Rennen im deutschen Inzell über 1500 Meter. (Bild: Neeke Wassenbergh-Smit (21. Oktober 2017))

Livio Wenger gewinnt das internationale Rennen im deutschen Inzell über 1500 Meter. (Bild: Neeke Wassenbergh-Smit (21. Oktober 2017))

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

Es ist ein besonderes Zeitzeugnis. Eines, das Ruedi Wenger noch immer mit Stolz seinen Gästen vorführt. Die Rede ist von einem Beitrag im Schweizer Fernsehen über den Swiss Inline Cup in Zug aus dem Jahr 2004, in dem sein Sohn Livio im Mittelpunkt stand. Wie ein Routinier gab der Elfjährige Auskunft, er schwärmte von seinem Sieg, seinem Vorbild Kalon Dobbin, und er sinnierte über die Zukunft, über Titelgewinne an Welt-, Europa- und Schweizer Meisterschaften. «Wenn ich mir das heute anschaue, muss ich lachen. Es war cool und auch Zufall, dass sie damals mich ausgewählt haben. Auch wenn unsere Gäste meinen Vater darauf hinweisen, dass sie den Beitrag schon drei Mal gesehen haben, wird er wieder angeschaut.»

Heute, mehr als 13 Jahre später, ist der Schenkoner kein träumender Junior mehr. Und der Neuseeländer Kalon Dobbin, damals Inlineskate-Weltmeister im Spurt, ist nicht mehr nur ein Topcrack, der ihm ein paar Tipps gibt, sondern sein Trainer. «Ohne ihn würde ich nicht da stehen, wo ich jetzt bin. Dafür kann ich Kalon nicht genug danken», betont Wenger. Er selber ist mittlerweile Profi mit Fokus auf Eisschnelllauf und nicht mehr auf Inlineskating. Weshalb? Weil Eisschnelllauf olympisch ist und damit sowohl in finanzieller wie auch sportlicher Hinsicht viel interessanter. Dank der Unterstützung seiner Eltern, der Schweizer Sporthilfe, Swiss Olympic und dem Kanton Luzern (Projekt «Unsere Helden») kann sich der 24-Jährige voll auf den Sport und Olympia konzentrieren.

Schwieriger Wechsel vom Inline zum Eisschnelllauf

In dieser Hinsicht machte er am vorletzten Wochenende einen wichtigen Schritt. Zum Auftakt der Weltcup-Saison lief er in Heerenveen im Massenstart auf Platz fünf und erreichte damit bereits die Qualifikationsvorgabe von Swiss Olympic für die Winterspiele 2018 in Pyeongchang. «Das nimmt mir etwas Druck», sagt Wenger, um sogleich ehrgeizig anzufügen: «Jetzt möchte ich mich auch über 1500 und 5000 Meter für Olympia qualifizieren.» An den Weltcup-Rennen in Calgary (1. bis 3. Dezember) und Salt Lake City (8. bis 10. Dezember) bieten sich ihm hierzu die nächsten Gelegenheiten.

Doch wie ging er eigentlich vonstatten, der 2012 eingeläutete Wechsel von den Rollen auf die Kufen? «Es war unglaublich schwierig», sagt er unverblümt und fügt an: «Klar sehen die beiden Sportarten ähnlich aus, doch ich betrat fast gänzlich Neuland. Einzig das Rennverständnis in einer Gruppe und den Hunger nach Siegen habe ich mitnehmen können», sagt Wenger.

Nachdem er im Inlineskating viele Erfolge gefeiert hatte, darunter WM-Silber, EM-Silber und EM-Bronze bei den Profis, fand er sich als Eisschnellläufer plötzlich im Niemandsland wieder. «Es war hart für mein Ego, als ich Letzter wurde. Ich arbeitete mich dann hoch, stagnierte allerdings wieder, obwohl ich noch weit unten war. Ich dachte: Das kann doch nicht sein.» Nicht einmal simple Dinge wie das selbstständige Ausziehen der Schoner auf dem Eis gelangen ihm, «ich musste wirklich unten durch».

Livio Wenger investierte daraufhin viel Zeit in Ausdauer, Technik – und er traf wieder auf Kalon Dobbin, der nicht mit ansehen konnte, wie schlecht sich der junge Schweizer auf dem Eis bewegte. «Von da an ging es aufwärts. Mir ist zwar immer noch nicht 100-prozentig wohl. Doch erstmals fühle ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin, dass ich in diese Welt gehöre.» Resultatmässig drückt sich das in diesem Jahr im Erringen von nicht weniger als vier Schweizer Rekorden aus (1000, 1500, 3000 und 5000 Meter). Und eben im Erreichen der Olympialimite.

Dass kein Grund zur Zufriedenheit besteht, ist ihm aber sehr schnell bewusst geworden. Seine Freundin Lisa aus dem deutschen Halle an der Saale schrieb ihm nach dem Effort in Holland auf WhatsApp: «Es war okay, aber du hättest gewinnen können.» Und sein Trainer empfing ihn mit den «schmeichelhaften» Worten: «Das war Scheisse!» Klar müsse er da jeweils leer schlucken, weil er eigentlich mit einer Gratulation gerechnet habe. Schnell aber erkennt er den Sinn der Kritik: «Kalon weiss, dass ich schneller hätte sein können. Und Lisa sagt mir, dass es sich halt schon lohnen sollte, wenn wir wegen meiner Wettkämpfe so lange getrennt sind.» Ihm sei diese Ehrlichkeit sehr wichtig, «mir muss keiner sagen, wie schnell und schön ich bin. Kalon will immer das Maximum, er ist ein Idealist. Das muss man verkraften können. Doch es ist das, was ich brauche.»

Erster Schweizer auf dem Olympiapodest?

Auf diese Weise bleiben sie gross, die Ansprüche und die Ziele. «Mein Potenzial im Eisschnelllauf ist noch nicht ausgeschöpft, das ist gut zu wissen.» Im nächsten Februar strebt er in Südkorea nach einem Podestplatz. Es wäre der erste an Olympischen Spielen in der Geschichte des Schweizer Eisschnelllaufs. Und definitiv ein weiteres, besonderes Zeitzeugnis in der Karriere von Livio Wenger. Eines, das man sich gewiss immer wieder am Fernseher anschauen würde. Nicht nur in seiner Familie.

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