ELITE: Einzelsportler mit Gemeinschaftssinn

Tadesse Abraham spurtet auf Rang 3. Der 31-Jährige, der in Eritrea geboren wurde und zurzeit auf die Einbürgerung hofft, hat in diesem Jahr noch Grosses vor. Bei allem sportlichen Ehrgeiz kümmert er sich aber auch um die Armen in Äthiopien.

Stefan Klinger
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Möchte am 17. August den EM-Marathon für die Schweiz bestreiten: Tadesse Abraham (Mitte). (Bild Philipp Schmidli)

Möchte am 17. August den EM-Marathon für die Schweiz bestreiten: Tadesse Abraham (Mitte). (Bild Philipp Schmidli)

Am Ende hatte es Tadesse Abraham eilig. Nachdem sich die Siegerehrung mit ihm, dem Dritten im Elite-Rennen, sowie all die Gespräche mit Medien und den vielen Bekannten ein bisschen länger als geplant hingezogen hatten, wollte er zügig weg. Weg vom Ziel – hin zur Massage und zum Auslaufen. Nur nichts durch ein fahrlässiges Verhalten nach dem Wettkampf riskieren. Immerhin steht in den nächsten dreieinhalb Monaten für den 31-Jährigen die wichtigste Phase seiner bisherigen Karriere an.

Zwar ist noch immer nicht klar, ob Abraham, der in Eritrea geboren wurde, 2004 nach der Cross-WM in Belgien in die Schweiz flüchtete, zunächst in Uster wohnte, nun in Genf lebt und seit über drei Jahren mit einer Schweizerin verheiratet ist, rechtzeitig bis zur Leichtathletik-EM in Zürich (12. bis 17. August) eingebürgert und damit dann startberechtigt ist. Die Mühlen der Bürokratie mahlen eben auch bei einem beschleunigten Einbürgerungsverfahren nicht übermässig schnell. Doch darauf kann Abraham, der mit seiner Bestzeit von 2013 (2:07:45 Stunden) im vergangenen Jahr der schnellste Marathonläufer Europas gewesen wäre, eben keine Rücksicht nehmen. Denn die spezifische Vorbereitung auf jenes EM-Rennen am 17. August benötigt weit mehr Zeit, als ihm noch bleibt, wenn er in ein paar Wochen den Schweizer Pass erhalten sollte – und dann Gewissheit hätte.

Trainingslager 2007 verändert ihn

Und so beginnt er in Kürze mit einer Vorbereitung ins Blaue hinein. Mit einer Vorbereitung, an deren Ende, so hofft er, der Start an der EM und dann die Goldmedaille steht. Eine Vorbereitung, die zwar schon ein bisschen begonnen hat – die aber erst am 25. Mai so richtig Fahrt aufnimmt. Zwar trainiere er zurzeit zweimal pro Woche speziell die Steigungen, weil es an der EM ja viermal den kurzen, knackigen Aufstieg zur ETH-Polyterrasse hochgeht, was sonst nicht so typisch ist bei Marathons. Daneben streut er jedoch seine Starts beim Luzerner Stadtlauf am vergangenen Samstag und am Grand Prix Bern am kommenden Samstag ein. Die helfen ihm im Hinblick auf den EM-Marathon nur bedingt, bescheren ihm aber zum jetzigen Zeitpunkt eine willkommene Abwechslung – und brachten am Samstag immerhin 2000 Franken Preisgeld ein.

«Nach dem Lauf in Bern verbringe ich noch eine Woche lang Zeit mit meiner Familie und beginne danach mit der speziellen EM-Vorbereitung», sagt Abraham, «da werde ich dann zwar weiter oft bei ihnen in Genf sein, aber bin dann mit dem Kopf eben nicht immer ganz bei der Familie, sondern mental in einer anderen Welt.»

Und das mitunter nicht nur mental. Immerhin reist Abraham Ende Mai für vier Wochen in ein Höhentrainingslager nach Äthiopien und im Juli vermutlich noch zu einem nach St. Moritz. Die Reise nach Äthiopien ist für ihn jedoch weit mehr als nur eine eigennützige Dienstreise, um die Grundlage zu legen, damit er im August seine sportlichen Ziele erreicht. Vielmehr ist sie für ihn auch eine Herzensangelegenheit. Weil er, der seit 2007 zweimal pro Jahr zu Trainingszwecken in das afrikanische Land reist, in dem so viele Menschen in ärmlichen Verhältnissen leben, mit seinen begrenzten Mitteln dort auch wenigstens ein bisschen was bewegen will. «Als ich das erste Mal dort war und die armen Leute gesehen habe, die barfuss laufen müssen und keine richtige Kleidung tragen, weil sie sich das alles nicht leisten können, habe ich spontan meine ganzen Sachen dort gelassen», blickt Abraham zurück. Seither nimmt er zu jedem Besuch seine gebrauchte Sportkleidung und Sachen von Bekannten mit, um sie dort zu verteilen. Auch wenn Tadesse Abraham als Marathonläufer ein Einzelsportler ist, so denkt er durchaus auch an andere.