Analyse

EM-Absage: Das richtige Zeichen des Fussballs, doch es bleiben viele Fragen

Am Dienstag gibt der europäische Fussballverband Uefa bekannt, dass die Europameisterschaft wegen des Corona-Virus um ein Jahr auf Sommer 2021 verschoben wird. Der Schritt war überfällig, die Ligen erhalten ein bisschen mehr Zeit. Der vorzeitige Saison-Abbruch droht trotzdem noch immer. Eine Analyse.  

Etienne Wuillemin
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Erinnerungen an die EM 2016: Auch wenn das Schweizer Ende schmerzte, gar keine Spiele zu haben, ist noch schlimmer.

Erinnerungen an die EM 2016: Auch wenn das Schweizer Ende schmerzte, gar keine Spiele zu haben, ist noch schlimmer.

Mast Irham / EPA

Vielleicht verblassen die Erinnerungen an den echten Fussball schon ziemlich bald. An die emotionalen Momente im Stadion, an den Geruch des Rasen, an tolle Spielzüge, an gelungene Grätschen, an wunderbare Tore. Die Erinnerungen an all das eben, was den Fussball so schön macht. Manch ein Schweizer Fussballfan verspürt noch immer ein Kribbeln, wenn er an den 25. Juni 2016 zurückdenkt. An Xherdan Shaqiri, wie er mit seinem Fallrück­zieher die Schweiz träumen liess vom historischen Triumph im EM-Achtelfinal gegen Polen. Aber auch an das fatale Penaltyschiessen, die Momente nach dem Spiel im Tal der Tränen, als das plötzliche Ende Tatsache war.

Solche Erinnerungen wird dieser Sommer nicht produzieren. Und so schwer zu verdauen jene Niederlage auch war, die Aussicht auf die nächsten Wochen ist schlimmer. Das Duell heisst nicht wie erhofft Schweiz gegen Wales, Italien oder Türkei, sondern: Corona gegen Fussball. Der gestrige Tag war wieder ein trister für den Fussball. Seit das Virus herrscht, jagt eine schlechte Nachricht die nächste. Nun ist das unvermeidbare also Tatsache: Die Fussball Europameisterschaft kann nicht stattfinden. Zum ersten Mal in der 60-jährigen Geschichte. Sie ist verschoben um ein Jahr. Dies musste die Uefa nach ihrem Video-Krisengipfel gestern verkünden. Neu soll die EM vom 11. Juni bis 11. Juli 2021 stattfinden. Das Ziel bleibt, die Spiele in ganz Europa durchzuführen. Zwölf Länder waren bisher als Gastgeber vorgesehen, vom Eröffnungsspiel in Rom bis zum Final in London.

Für viele Klubs geht es nun einzig darum, das Überleben zu sichern

Zunächst: Die Verschiebung der EM ist richtig. Und keinen einzigen Tag zu spät erfolgt. Dass es alternativlos ist, Lösungen zu suchen, hat sich schon vor zwei Wochen abgezeichnet. Man braucht deshalb den europäischen Fussballverband Uefa nun auch nicht über Gebühr für diese Reaktion zu loben. Und schon gar nicht muss sich Präsident Alexander Ceferin als Märtyrer inszenieren, indem er betont, wie wichtig es sei, dass die Uefa den Prozess im europäischen Fussball anführt und «das grösste Opfer» bringt. Ja, der Fussball muss grosse Opfer bringen. Aber an erster Stelle sind es die Klubs, die leiden werden. Die finanziellen Schäden sind beträchtlich. Es wird mancherorts – in der Schweiz, aber auch in den grossen Ligen – in den nächsten Monaten einzig darum gehen, das Überleben zu sichern. Darum ist es richtig, dass alles unternommen wird, um die Meisterschaften doch noch zu Ende spielen zu können. Das ist das Beste am gestrigen Tag: Die Ligen erhalten dank der EM-Verschiebung Zeit.

Aber ob das reicht? 13 Spieltage stehen in der Schweiz noch aus, dazu drei Cuprunden, und überdies wird sich der FC Basel wohl für den Europa-League-Viertelfinal qualifizieren (3:0-Sieg in Achtelfinal-Hinspiel gegen Frankfurt). Die Teams brauchen nach einer derart langen Spiel- und Trainingspause etwa drei Wochen Vorbereitungszeit, ehe sie wieder Ernstkämpfe bestreiten können. Vor Ende Juli wären die letzten Partien also kaum absolviert. Doch ob es wirklich soweit kommt? Ein vorzeitiger Abbruch der Meisterschaft(en) droht weiterhin. Spieler- und Trainer-Verträge enden normalerweise am 30. Juni eines Jahres. Sind die Ligen bis dahin nicht zu Ende gespielt, wird es juristisch kompliziert. Es drohen Modus-Fragen à discretion.

Und es gilt sehr viele verschiedene Ansprüche zu berücksichtigen. Fifa, Uefa, Ligen, Klubs, Spieler, bis hin zu den TV-Anstalten. Das scheint eine allzu komplizierte Ausgangslage, um mehr als ein kleines bisschen Hoffnung zu hegen, dass alles doch noch gut kommt. Aber vielleicht liegt ja genau darin eine Chance. Das Wissen, dass eine perfekte Lösung für alle unmöglich ist, könnte befreiend wirken. Und Raum bieten für Kreativität sowie gegenseitiges Verständnis.

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