EM-QUALIFIKATION
Nach der Gala flirten die Schweizer Handballer mit der Blamage

Am Donnerstag brillierte die Schweizer Nati in Finnland und siegte mit 32:19. Am Sonntag musste sie beim 32:30 gegen den gleichen Gegner lange Zeit leiden. Der Weg an die EM 2022 bleibt indes kompliziert.

François Schmid-Bechtel
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Einmal mehr überragend: Andy Schmid erzielt beim 32:30 gegen Finnland 14 Tore.

Einmal mehr überragend: Andy Schmid erzielt beim 32:30 gegen Finnland 14 Tore.

Marc Schumacher / freshfocus

Nur noch neun Minuten. Andy Schmid, der Messi des Handballs, darf einen Penalty werfen. Er verwandelt, wie auch seine vier Siebenmeter zuvor. So weit alles gut. Aber nur auf den ersten Blick. Denn das Schweizer Nationalteam zittert, hadert und leidet. Und das gegen einen Gegner, den man drei Tage zuvor absolut dominierte, dem man in allen Belangen überlegen war und mit 32:19 ins Land der Tränen schickte.

Andy Schmid und Leonard Grazioli brillieren

Schmids Treffer knapp neun Minuten vor Schluss bedeutete den Ausgleich zum 28:28. Die Schweiz flirtet gegen den krassen Aussenseiter Finnland mit der Blamage. Den Unfall verhüten vor allem zwei Spieler: Andy Schmid (insgesamt 14 Tore), der mit zwei weiteren Treffern auf 30:28 erhöht. Und Leonard Grazioli, eigentlich Torhüter Nummer 3.

Torhüter Leonard Grazioli brilliert in der Schlussphase.

Torhüter Leonard Grazioli brilliert in der Schlussphase.

Marc Schumacher / freshfocus

Gestern aber rückte der Torhüter vom HSC Suhr Aarau zur Nummer 2 auf, weil Trainer Michael Suter auf Aurel Bringolf verzichtete. Und in der Schlussphase gar die Nummer 1, weil Nikola Portner nie richtig ins Spiel fand. Grazioli brillierte allein in der Schlussviertelstunde mit vier Paraden. Am Schluss wies seine Statistik 37 Prozent abgewehrte Schüsse aus - ein Wert der gehobenen Klasse.

Trotz des glücklichen Ausgangs bleibt die Frage: Warum kassiert die Schweiz gegen den gleichen Gegner allein in der ersten Halbzeit fast so viele Tore (18) wie drei Tage zuvor über die gesamte Spielzeit? Nach dem Kantersieg in Finnland sprach jeder davon, den Gegner nicht unterschätzt zu haben. Fragt sich, ob man die Aufgabe in Schaffhausen eine Spur zu nonchalant angegangen ist.

Oder hat der überraschende Sieg der Nordmazedonier gegen Weltmeister Dänemark die Stimmung bei den Schweizern gedrückt, weil dadurch Platz 2 in der EM-Qualifikation praktisch ausser Reichweite geraten ist?

Der rätselhafte Leistungseinbruch

Der rätselhafte Leistungseinbruch Trainer Suter, der gestern zum 300. Mal eine Schweizer Auswahl coachte, mag nicht polemisieren. Irgendwie Verständlich. Schliesslich hat er aus den beiden Partien gegen Finnland vier Punkte budgetiert und diese auch bekommen. Trotzdem: Wie erklärt er den eklatanten Unterschied zwischen den beiden Begegnungen gegen die Skandinavier? «Finnland war im zweiten Spiel richtig gut», sagt Suter. «Auf diesem Niveau gibt es keine schlechten Gegner.»

Doch es ist augenfällig, dass insbesondere die Defensive punkto Aggressivität und Agilität nicht an die Leistung aus Finnland anknüpfen konnte. Suter macht dafür auch äussere Umstände geltend. So fiel unmittelbar nach Spielbeginn die Matchuhr aus, was einen längeren Spielunterbruch und gemäss Suter einen Spannungsabfall bei den Spielern zur Folge hatte.

Nordmazedonien und Platz 2 sind quasi ausser Reichweite

Und was ist mit dem Erfolg der Nordmazedonier gegen Dänemark? Dazu muss man wissen, dass die beiden Erstplatzierten sich für die EM 2022 qualifizieren. Vier von acht Gruppendritten lösen ebenfalls das Ticket. Wobei für diese Rechnung die Resultate gegen den Viertplatzierten aus der Wertung fällt. Sprich: Die Schweiz hätte sich auch eine Niederlage gegen Finnland leisten können. An der Ausgangslage hätte sich nicht viel geändert.

Schliesslich brauchen die Schweizer in den abschliessenden EM-Qualifikationsspielen Punkte gegen Dänemark (28. April zu Hause) und Nordmazedonien (2. Mai auswärts). Aber wie viele? Reicht schon ein Sieg gegen Nordmazedonien? Suter sagt: «Jetzt schon zu rechnen bringt nichts. Wir spielen auf Sieg. Auch gegen Dänemark.»