EM: «Wir gehen niemals nach Hause»

Handball, Basketball und jetzt Fussball. Eine Insel mit nur 330 000 Einwohnern mischt die grossen Sport- Nationen auf. Wie geht das bloss in Island?

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Nach dem 2:1-Sieg gegen England brach der «Vulkan» aus: Island-Spieler Haukur Heidar Hauksson macht ein Selfie mit Fans. (Bild: Keystone/Claude Paris)

Nach dem 2:1-Sieg gegen England brach der «Vulkan» aus: Island-Spieler Haukur Heidar Hauksson macht ein Selfie mit Fans. (Bild: Keystone/Claude Paris)

Islands Fussball-Sensation ähnelt einer Saga aus Feuer und Eis. Das stolze England sei «von einer Nation mit 330 000 Einwohnern geschlagen worden, trainiert von einem Zahnarzt», schrieb die «Times» nach der 1:2-Blamage gegen die Insulaner. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Innerhalb von nur vier Jahren ist Island wie Phoenix aus der Vulkanasche gestiegen, es kletterte in der Fifa-Weltrangliste um fast 100 Plätze auf Position 34. Von Zufall kann also kaum die Rede sein. Was aber auffällt: Auch im Handball ist das Land Weltspitze, es holte 2008 Olympia-Silber. Die Basketballer schafften es 2015 erstmals zur EM.

Vielleicht ist es die Mischung aus reiner Luft und frischem Fisch – auf Island gibt es weder McDonald’s noch Burger King – oder auch die nordische DNA gepaart mit dem Kampfgeist der keltischen Vorfahren, die die Isländer zu Champions macht. Vielleicht ist es aber auch einfach das Ergebnis langer und gezielter Planung.

Riesige Hallen als wichtigste Idee

Für den Fussball gilt das mit Sicherheit. Wer Reykjavik mit dem Auto verlässt und über den berühmten «Golden Circle» fährt, bekommt nicht nur Geysire und den berühmten Gullfoss-Wasserfall zu sehen, sondern immer wieder auch riesige Fussball-Hallen. «Durch diese Hallen haben wir uns technisch um 50 Prozent verbessert», sagt Islands Idol Asgeir Sigurvinsson (60), der lange für den VfB Stuttgart spielte.

Jene Hallen waren die wohl wichtigste Idee des Verbandes Knattspyrnusamband, als er vor 15 Jahren seine Strukturen auf den Kopf stellte. Klubs und Kommunen bauten zahlreiche dieser Ungetüme, von denen viele mit Erdwärme beheizt werden – ähnlich wie die Strassen und Gehwege in Reykjavik. Zudem kaufte der Verband Land in der Nähe von Schulen und baute dort Kunstrasenfelder.

Das Lob von Lagerbäck

«Es ist ein Vorteil, dass Island ein kleines Land ist. Neue Ideen werden schneller umgesetzt», sagte Nationaltrainer Lars Lagerbäck vor der EM. «Im Vergleich zu anderen nordischen Ländern sind die Isländer etwas individueller. Wenn etwas funktionieren soll, nimmt man es selbst in die Hand. Daher war es sehr einfach, mit diesen Jungs zu arbeiten.»

«Diese Jungs», damit meint Lagerbäck die goldene Generation Islands, die nun in Frankreich die Früchte der Aufbauarbeit erntet. Islands Jugendteams sind schon länger erfolgreich. 2010 ging Deutschlands U 21 um Captain Mats Hummels in Hafnarfjördur mit 1:4 unter. Zu den Torschützen zählte Kolbeinn Sigthorsson, der am Montag auch gegen England traf.

Investitionen vor der Finanzkrise

Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg: Auf Island gibt es 600 ausgebildete Trainer, 400 haben die B-Lizenz der Uefa. Einer von 825 Isländern darf somit als Coach arbeiten. Mittlerweile bedarf es einer B-Lizenz, um eine U-10-Mannschaft zu betreuen. Zum Vergleich: In grossen Fussball-Nationen wie England fehlt mit einem solchen Papier nur noch ein Schritt, um Profis trainieren zu dürfen.

Gut nur, dass die Investitionen vor dem Beginn der grossen Finanzkrise im Jahr 2008 getätigt wurden, als das Geld noch lockerer sass. Heute profitiert der Fussball im ganzen Land. «Die Jugendteams werden seit fünf Jahren besser und besser», sagt Lagerbäck, der schon als «Befreier der Vulkaninsel» gefeiert wird.

Von Zufall darf in diesen Tagen daher niemand sprechen. Schon 2013 hätte Island um ein Haar das WM-Ticket gelöst, erst in den Playoffs war gegen Kroatien (0:0/0:2) Endstation. Zwei Jahre später erreichte Island dann das grosse Ziel und wurde zur mit Abstand kleinsten Nation, die sich jemals für eine WM oder EM qualifizieren konnte. Ermöglicht wurde die Fussball-Saga aber auch durch die Selbstgefälligkeit der Engländer – behauptete jedenfalls 1:1-Torschütze und Abwehrchef Ragnar Sigurdsson: «Sie dachten, das wird ein Spaziergang. Sie haben ein wenig auf uns herabgeschaut.» Und: «Sie haben nicht mit unserer isländischen Verrücktheit gerechnet», sagte Captain Aron Gunnarsson.

Eine Verrücktheit, die auch der isländische TV-Kultkommentator Gudmundur Benediktsson wieder verkörperte. «Es ist geschafft! Wir gehen niemals nach Hause! Das ist ein Traum, weckt mich niemals aus diesem unglaublichen Traum auf!», schrie er am späten Montagabend in sein Mikrofon.

Erik Roos (SID), Paris

Präsidentengattin Dorrit Moussaieff sprintet aufs Spielfeld. (Bild: Keystone/Peter Powell)

Präsidentengattin Dorrit Moussaieff sprintet aufs Spielfeld. (Bild: Keystone/Peter Powell)