Entfremden sich Fans vom Sport?
Soziologe Ueli Mäder im Interview: «Jetzt merken viele Fans, dass mehr Zeit haben Vorteile bringt»

Fussballspiele finden ohne Fans statt, diese entdecken andere Hobbys. Der Soziologe Ueli Mäder sagt, dass die Vereine ihre Fans vielleicht verlieren könnten.

François Schmid-Bechtel
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Der Soziologe Ueli Mäder.

Der Soziologe Ueli Mäder.

Martin Toengi / BLZ

Besteht in Zeiten von Geisterspielen die Gefahr von Entfremdung zwischen Fan und Fussballklub?

Entfremdung geht einen Schritt weiter. Im Fussball sind es liebgewordene Gewohnheiten, bei denen man im Moment eingeschränkt ist. Deshalb würde ich nicht von Entfremdung sprechen.

Können Sie ein Beispiel geben für Entfremdung?

Wenn jemand gezwungen ist, jeden Tag eine Arbeit zu erledigen, die dieser Person sehr zuwider ist, hat das etwas mit Entfremdung zu tun.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen Fan und Klub beschreiben?

Wenn wir von Entfremdung im Fussball reden, dann würde ich eher die Prozesse der Kommerzialisierung mit den extremen Löhnen und Ablösesummen thematisieren. Aus der Perspektive eines Fans kann die jetzige Situation einen schon etwas vom Sport entfremden.

Man sucht nach Alternativen. Vielleicht findet man plötzlich gefallen daran. Ist die Dauer der Geisterspiele ein Faktor, ob man sich vom Fussball oder Eishockey abwendet?

Ich komme gleich drauf. Wenn ich mir vergegenwärtige, was innerhalb eines Stadions stattfindet: Da ist Nestwärme, Zugehörigkeit und eine enge Verbundenheit untereinander. Man identifiziert sich mit dem Klub. Ich spiele selber immer noch Fussball beim VFR Kleinhüningen. Mein Eindruck: Erstaunlich viele Menschen, mit denen ich sonst häufig über Fussball diskutiere, sagen mir, es sei mit Corona etwas ruhiger geworden. Sie sprechen von weniger Stress, sie sind weniger eingespannt. Denn viele Fans betreiben einen enormen Aufwand. Sicher, das Gefühl, wenn die Post abgeht, gibt es nur live im Stadion. Nun realisieren viele, dass etwas mehr Zeit zu haben auch von Vorteil sein kann.

Die Stadien sind derzeit leer, Fussball gespielt wird dennoch.

Die Stadien sind derzeit leer, Fussball gespielt wird dennoch.

Andy Mueller / freshfocus

Ist die Zeit ist ein Faktor? Oder anders gefragt: Je länger die Phase der Geisterspiele, desto schwieriger wird es, danach die Stadien wieder zu füllen?

Die Zeit ist ein Faktor, keine Frage. Es kann sein, dass die Distanz zum Klub und zum Stadion grösser wird und man nachher, wenn der Stadionbesuch wieder erlaubt ist, selektiver vorgeht.

Ist der Fussball aus Sicht des Fans mit einer Sucht vergleichbar? Wenn der Süchtige von der Sucht wegkommt, reift die Erkenntnis, dass er seinen Alltag auch anders füllen kann.

Ja, dieser Adrenalin-Kick im Stadion kann süchtig machen. Und ja, jetzt zu merken, es geht auch ohne, kann etwas verändern. Ich habe mit dem verrücktesten FCB-Ultra über 100 Stunden gearbeitet. Für ihn war das früher undenkbar, nicht ins Stadion zu gehen. Jetzt ist er in dieser Hinsicht sehr gelassen. Das kann bei anderen auch vorkommen.

Ein Adrenalin-Kick, der süchtig machen kann: supporten in der Kurve.

Ein Adrenalin-Kick, der süchtig machen kann: supporten in der Kurve.

Bild: Jakob Ineichen

Sie sehen in der Kommerzialisierung das grösste Entfremdungs-Potenzial. Geht es dabei vor allem um die sozialen Unterschiede zwischen Fan und Spieler, die immer grösser werden?

Das ist ein Aspekt. Aber es gibt erstaunlich viele Menschen, die das nicht wahrnehmen und Stars zujubeln und verehren, die sich finanziell in jenseitigen Gefilden bewegen und sich alles erlauben.

Zur Person

Ueli Mäder, 69, emeritierter Soziologie-Professor der Universität Basel, lebt in Rheinfelden (spielte früher mit dem TV Sissach in der Handball-Nationalliga) und spielt seit Jahrzehnten Fussball beim VFR Kleinhüningen.

Was sind andere Aspekte der Entfremdung zwischen Fan und Star?

Wenn Christian Gimenez einen Gegenspieler gefoult hat, entschuldigte er sich und half ihm auf die Beine. Das sind positive Signale. Aber auch wenn sich ein Star unangenehm verhält, ständig mit dem Schiedsrichter hadert oder brutal in den Zweikampf geht, kann eine Identifikation entstehen. In diesem Fall entsteht zu wenig Entfremdung.

Früher, so will es die Legende, waren die Stars nahbarer, ist man ihnen auch mal in der Stadt über den Weg gelaufen. Zugespitzt formuliert begegnet man ihnen heute nur noch beim Goldsteak.

In der Schweiz nehme ich das anders wahr. Vor ein paar Monaten war ich im Schwimmbad in Rheinfelden. Ein Mitarbeiter wurde pensioniert und lud mich zum Umtrunk ein. Auch Murat Yakin war eingeladen und kam tatsächlich. Oder einmal war ich in Basel (im Restaurant Sternen) am Rhein und viele nervten sich über eine Strassenmusik, die etwas schräg gespielt hat. Pascal Zuberbühler sass zufällig da. Er winkte die Strassenmusiker herbei, gab ihnen einen Geldschein und klatsche demonstrativ. Und alle, die sich vorher über die Musik genervt hatten, zückten ihr Portemonnaie. Oder als ich mal zusammen mit einer Bundesrätin an einer Zürcher Theater Matinee aufgetreten bin, fragte sie mich spontan, ob ich noch etwas mit ihr trinken würde. Wir gingen dann sogar Mittagessen und der Chauffeur musste drei Stunden warten. Klar, es gibt im Fussball auch Goldsteak-Logen und eine Anhängerschaft der Exklusivität, die sich sonst auf dem Zürichberg oder im Basler Bruderholz separiert. Aber in der Schweiz sind die Wege immer noch kurz. Erst recht, wenn man mit Deutschland vergleicht. Und das freut mich sehr.

Pascal Zuberbühler ist ein gutes Vorbild.

Pascal Zuberbühler ist ein gutes Vorbild.

Mario Heller / SPO

Was können die Klubs tun, damit die Verbundenheit der Fans nicht bröckelt?

Sie sollen mehr regionale Spieler integrieren und transparent informieren, wo sie stehen. Oder auch die Vereinspolitik mehr zur Diskussion stellen. Die Klubs sollen ihren Anhängern zeigen, dass sie sie ernst nehmen. Und mit gutem Beispiel voran gehen. Auch mit tieferen Löhnen, weniger Hierarchien und einer klaren Haltung: für Fairness, gegen Rassismus und Gewalt.

Wie wird Corona unsere Gesellschaft verändern?

Es gibt viele Leute, die berührt sind, die sich über die Situation Gedanken machen und jetzt fragen, was wirklich wichtig und sinnvoll ist im Leben. Sie fragen sich auch, ob wir überhaupt versuchen müssen, alles zu machen, was man machen kann oder manchmal weniger nicht mehr ist. Corona führt wohl dazu, über die Bücher zu gehen und das soziale Miteinander wieder mehr wertzuschätzen. Und im Fussball kommt es vielleicht zu einer kritischeren Sicht auf die extreme Kommerzialisierung und die teils exorbitanten Gehälter.

In England ist der Zuschauer nicht entscheidend für den finanziellen Erfolg im Stadion. Hier eine Spielszene der Partie zwischen West Ham United und Aston Villa.

In England ist der Zuschauer nicht entscheidend für den finanziellen Erfolg im Stadion. Hier eine Spielszene der Partie zwischen West Ham United und Aston Villa.

Neil Hall/EPA

In England ist für das Überleben der Klubs nicht entscheidend, ob Zuschauer zugelassen sind oder nicht. Der grosse Teil des Geldes fliesst von den TV-Stationen. So gesehen stellt sich die Situation in der Schweiz, wo man auf die Matcheinnahmen angewiesen ist…

…als sympathischer dar, ja. Es gibt zwar die Gefahren eines weiteren Abhebens. Wenn ich aber bei Normalbetrieb an einem Samstagnachmittag zu den hinteren Plätzen im St. Jakob Stadion gehe, sehe ich Dutzende von Partien mit den unterschiedlichsten Menschen, die spielen und zuschauen. Der Fussball hat schon eine sehr positive Integrationskraft. Umso mehr regt mich das viele Geld auf, das einiges im Fussball kaputt macht.

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