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Erst droht die Amputation des Beins, 12 Jahre später ist Christian Stucki König - was aber ist in drei Jahren?

Vor zwölf Jahren stand er kurz vor der Amputation eines Beines, jetzt ist er der älteste König, den es je gegeben hat. Nachdem er «nur» 7. wurde in Estavayer veränderte er noch einmal alles. Der lange und beschwerliche Weg Christian Stuckis auf den Königsthron.
Klaus Zaugg
Der neue Schwingerkönig Christian Stucki unmittelbar nach der Krönung seiner Karriere. (Bild: KEYSTONE)

Der neue Schwingerkönig Christian Stucki unmittelbar nach der Krönung seiner Karriere. (Bild: KEYSTONE)

Länger musste noch keiner auf die Thronbesteigung warten. Aber Christian Stucki ist nicht nur der älteste König der Geschichte (seit 1895). Er ist auch einen längeren Weg gegangen als alle seine Vorgänger. Um zu verstehen, warum er nie aufgegeben hat, warum er mit 34 noch König werden konnte, müssen wir an den Anfang dieser wundersamen Königsgeschichte zurückgehen. Christian Boss erzählt sie in seinem Buch «Goldenes Eichenlaub».

Vor 14 Jahren wäre Christian Stuckis Karriere beinahe zu Ende gegangen, bevor sie richtig begonnen hatte. Schwarzsee, 19. Juni 2005. Christian Stucki ist «zwäg». Er kommt direkt aus dem WK in Bière, wo er den Wachtmeister abverdient. Während des ersten Ganges erhält er einen Schlag auf das Schienbein. Nichts Aussergewöhnliches. Denkt Christian. Ein angehender Wachtmeister kennt keinen Schmerz. Denkt Christian. Er kommt auf den dritten Platz und auf gehts. Zurück nach Bière ins Militär.

Während der Woche macht sich das Souvenir vom Schwarzsee, ein zehn Zentimeter grosser Bluterguss, immer mehr bemerkbar. Nicht der Rede wert. Denkt Christian. Schnell ist die Woche vorbei, aber die Fahrt von Bière in den Urlaub wird zur Qual. Die Schmerzen sind bereits weit im unerträglichen Bereich. Nach vielen schmerzhaften Stunden liegt Christian endlich auf dem Schragen eines Doktors der Medizin.

Er erhält ein Antibiotikum. Es wirkt nicht. Am nächsten Morgen erreicht die Fieberkurve fast 41 Grad. Mutter Daniela bringt ihren Sohn in die Notfallabteilung des Tiefenau-Spitals in Bern. Die Fachleute rätseln monatelang über die seltsame Infektion und die schlechten Blutwerte. In der Nuklearmedizin des Inselspitals Bern wird hinter verschlossenen Türen darüber beraten, ob dem jungen Spitzenschwinger das Bein amputiert werden muss.

Die besten Bilder vom Eidgenössischen Schwingfest in Zug:

Nach dem Horrorszenario gings langsam wieder bergauf

Das Horrorszenario kann gerade noch abgewendet werden. Nach einer Hauttransplantation geht es endlich und unendlich langsam wieder bergauf. Erst nach sage und schreibe 16 Monaten Arbeits- und Sportunfähigkeit sieht der spätere König Licht am Ende des Tunnels. Im Februar 2007 erlebt Christian Stucki einen grossen Moment: Etwas Alltägliches wird zu einem Highlight.

Der lang ersehnte Wiedereintritt in den Schwingkeller wird Wirklichkeit. Er wird beim Bergfest auf dem Schwarzsee, dort wo er sich die Verletzung zugezogen hat, die seine Karriere beinahe beendet hätte, später seinen 100. Kranz holen. Bei diesem 100. Kranzgewinn bekommt er aus dem Gabentempel eine Waschmaschine, und er hat einmal gescherzt, während mindestens 20 Jahren denke er bei jedem Waschvorgang an seinen 100. Kranz.

Inzwischen hat er 128 Kränze gewonnen, davon 6 eidgenössische. Beim Emmentalischen 2007 in Trub feiert Christian Stucki sein Comeback. Viel wichtiger als der angestrebte Kranzgewinn ist für ihn die Gewissheit, dass er wieder schwingen kann. Dass die Krankheit überwunden ist. Dass er noch weitere Kränze gewinnen kann. Es ist vielleicht sein wichtigster Kranzgewinn. Seine Karriere beginnt neu. Er wird sie 12 Jahre später in Zug mit dem Königstitel krönen.

Alle Schwingerkönige von 1895 bis heute:

Schon vor dem Eidgenössischen in Zug gehörte Christian Stucki zu den «Bösesten» der Geschichte. Als «König der Herzen» populärer als alle echten Könige. 2013 verliert er beim Eidgenössischen in Burgdorf den Schlussgang gegen Matthias Sempach. Nie ist einer noch König geworden, der einen eidgenössischen Schlussgang verloren hat. Aber nach dem 7. Rang beim Eidgenössischen 2016 in Estavayer justiert er seine Karriere noch einmal neu.

Er wechselt ins Team von Tommy Herzog nach Beromünster. Der frühere Bob-Anschieber stärkt Christian Stuckis Selbstvertrauen, und eigentlich erkennt er erst jetzt, wie gut er wirklich ist. Der Sieg am Unspunnen 2017 bestätigt ihm, auf dem richtigen Weg zu sein, und nun haben wir in Zug den besten, den «bösesten» Christian Stucki erlebt.

Marktwert von bis zu einer Million Franken

Die Besteigung des Thrones ist nicht nur die Krönung seiner grandiosen Karriere – sie ist auch die Motivation fürs Weitermachen. Die Frage konnte ja nicht ausbleiben: Wird Christian Stucki seinen Titel verteidigen? Oder denkt er jetzt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere an den Rücktritt? Nein, das tut er nicht.

Er sagt: «Rücktrittsgedanken kommen schon mal, wenn es mal nicht so läuft. Warum tue ich mir das noch an? Ich habe ja eine Familie und ein gutes Leben. Aber der Ehrgeiz, die Leidenschaft sind nach wie vor da. Irgendeinmal muss ich dann schon sagen, jetzt ist genug. Aber ich will dem Schwingsport noch treu bleiben und wenn möglich noch drei Jahre bis zum nächsten Eidgenössischen in Pratteln weitermachen.»

Natürlich gibt es auch einen materiellen Anreiz: Der Marktwert des Königs liegt zwischen 500 000 und einer Million Franken im Jahr. Den kann er besser erhalten, wenn er weiterhin aktiv ist. Doch das ist es nicht. Es ist die Leidenschaft, die ihn umtreibt. Wenn wir wissen, welche Schwierigkeiten er zu überwinden hatte, dann ahnen wir, wie stark diese Leidenschaft auch mit 34 noch brennen muss. Beim Eidgenössischen 2022 in Pratteln noch einmal König? Mit 37 Jahren? Wir sollten es zumindest nicht ausschliessen.

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