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Russische Hooligans: Das Gefühl im Kampf ist wie ein Orgasmus

An der Fussball-Weltmeisterschaft rechnen viele mit Gewaltexzessen durch russische Hooligans. Nur die Hooligans selber nicht. Ein Treffen mit einem ihrer Anführer.
Adrian Lemmenmeier
Szenen der Gewalt überschatteten die EM in Frankreich. Wiederholen sich solche Bilder an der WM in Russland? (Bild: Thanassis Stavrakis/Keystone)

Szenen der Gewalt überschatteten die EM in Frankreich. Wiederholen sich solche Bilder an der WM in Russland? (Bild: Thanassis Stavrakis/Keystone)

Stühle fliegen durch die Luft, Tränengasgranaten zischen, Passanten schreien. Dazwischen prügeln russische und englische Hooligans aufeinander ein. Fäuste prallen auf Kiefer. Ein Russe tritt einem Engländer gegen den Kopf, als dieser schon am Boden liegt. Die Bilder von den Ausschreitungen in Marseille an der Europameisterschaft 2016 verstören. Bei der Schlägerei gab es 35 Verletzte und Dutzende Festnahmen.

Seither geistert die Frage durch die Medien, ob sich solche Szenen an der WM in Russland wiederholen könnten. Ein Beitrag von «Spiegel TV» vom Februar zeigt St. Petersburger Hooligans beim Training. Die Einleitung: «Dass die Hools bereits jetzt für die Fussball-WM trainieren, zeigt, dass es im Sommer ein massives Problem geben wird.» In einer BBC-Dokumentation sagt ein maskierter Hooligan in die Kamera: «Für manche wird die Weltmeisterschaft ein Fest des Sports, für andere ein Fest der Gewalt.» Er steht dabei vor der Rostow-Arena, wo in gut zwei Wochen die Schweiz gegen Brasilien spielt.

«Unsere Fans sind überhaupt nicht so»

Kreml-nahe Medien haben sich Mühe gegeben, solche Berichte als tendenziös oder als westliche Propaganda abzutun. Als Antwort auf die BBC-Dokumentation machte «Russia Today» einen Gegenbericht, in dem Hooligans angaben, ihre Aussagen seien von der BBC aus dem Kontext gerissen worden. Der ehemalige Hooligan-Führer «Vasilij der Killer» relativierte die «von westlichen Medien aufgeblasenen Geschichten» in einer einstündigen Talksendung auf der Newsplattform Sputniknews.com. Sogar Sportminister Pavel Kolobkov liess in den Medien verlauten, der Beitrag der BBC sei gewissenlos: «Unsere Fans sind überhaupt nicht so.» Er stellte klar, dass an der WM niemand Angst zu haben brauche. «Hooligans gelangen nicht in die Stadien.»

Ein offener Kampf ist unwahrscheinlich

Während die Medien das Gewaltpotenzial kleinreden, hat der Staat den Druck auf die Szene ­erhöht. «Für uns wird es in diesem Land immer schwieriger», sagt Aleksej. Er sitzt in einem Café und bestellt Schwarztee mit Zitrone. Seine eher schmale Gestalt und sein zaghaftes Lächeln passen schlecht ins stereotype Bild des Hools. Erst beim genauen Hinsehen ahnt man, dass die leicht krumme Nase mehrfach gebrochen war.

Aleksej ist Chef einer Moskauer «Firma», wie sich die russischen Hooligan-Gruppen in Anlehnung an englische «Hooligan Firms» nennen. In seiner Freizeit verprügelt der Fitnesstrainer zusammen mit seinen Jungs andere gewaltbereite Fussballfans. Seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Er bittet, auf eine Tonaufnahme zu verzichten.

In Bezug auf die Weltmeisterschaft winkt Aleksej ab: «Ich kann natürlich nicht für Leute aus England oder Polen sprechen», sagt er. «Aber russische Hooligans werden sich an der WM wohl eher zurückhalten.» Einen offenen Kampf gegen andere Gruppen wie vor zwei Jahren in Frankreich sei unwahrscheinlich.

Überwachen und Strafen

Der Grund ist ein einfacher: Für die Hooligans stehe zu viel auf dem Spiel. Denn der Staat hat die Schraube angezogen. Zum einen wurde das 2016 erlassene Anti-Hooligan-Gesetz, das Bussen und Haftstrafen für das Stören von sportlichen Anlässen vorsieht, 2017 nochmals verschärft. Zum anderen hätten die Polizei und der Geheimdienst FSB den Hooligans klar gemacht, dass jegliche Randale hart bestraft werden.

Die Kommunikation zwischen FSB und Hooligans verlaufe dabei mehr oder weniger direkt – und zwar auf beide Seiten. «In ­jeder Hooligan-Gruppe gibt es Leute mit Verbindungen zum Geheimdienst», sagt Aleksej. Einerseits gäben sie den Sicherheitskräften Informationen über die Hooligans, andererseits informieren sie aber die Hools über die Pläne der Polizei.

Vor Monaten hat die Polizei die meisten Hooligans registriert. In Moskau seien die Beamten dort aufgetaucht, wo das Gros der aktiven Hools zusammenkommt: An szeneninternen Grümpelturnieren. Aleksej geht davon aus, dass er überwacht wird. «Ob mich gerade jemand beschattet, kann ich nicht sagen.» Er lacht. «Aber dass Leute Informationen über mich weitergeben, halte ich für sehr wahrscheinlich.»

Dass die Sicherheitskräfte die Hooligans stärker kontrollieren, hat seiner Ansicht nach nur vordergründig mit der anstehenden WM zu tun. «Ich glaube eher, dass der Staat verhindern will, dass in Russland Ähnliches passiert wie in der Ukraine.» Er spielt darauf an, dass 2013 gewaltbereite Fussballfans die Proteste gegen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch weiter anheizten. «Ich glaube, der Staat will verhindern, dass die Gruppen politisch aktiv werden», sagt Aleksej. Der Frage, ob eine solche Tendenz in der Szene auszumachen sei, weicht er aus: «Kraft, die sich sammelt, kann sich in jede Richtung entladen.»

Vom Schnaps zum Sport

Hooligan-Firmen wie jene von Aleksej gibt es in Russland zuhauf. Die Szene nennt sich Okolo­futbola – rund um den Fussball – und gilt als eine der brutalsten der Welt. Im Unterschied zu vielen westlichen Hooligan-Subkulturen, wo man auch gerne mal betrunken randaliert, setzt die russische auf Professionalität. In den frühen 2000er-Jahren fingen die Firmen an, immer bessere Kämpfer zu rekrutieren. Wer sich vor der Prügelei betrank, hatte bald keine Chance mehr gegen gut trainierte Ringer, Boxer oder Freefighter. An die Stelle des Spirt (russisch für Schnaps) trat der Sport, wie es der Journalist und Ex-Hool Andrej Malosolov in einem Interview in der «Novaja Gazeta» ausdrückte. Adrenalin statt Alkohol.

Knochenbrüche werden in Kauf genommen

Sport bedeute aber auch Fairplay, betonen Leute aus der Szene ­immer wieder. Dieser beschränkt sich allerdings darauf, dass die Hooligans mit Fäusten und Füssen kämpfen; Eisenstangen oder Schlagringe sind tabu. Zu Trainingskämpfen treffen sie sich in den Wäldern der Vorstädte. In Anlehnung an die traditionellen russischen Dorfkämpfe «Stenka na Stenku» (Wändchen gegen Wändchen) rennen zwei gleich grosse Gruppen aufeinander los und prügeln so lange, bis ein klarer Sieger feststeht oder bis der Schiedsrichter «Stopp» schreit. Knochenbrüche und Hirnerschütterungen werden dabei in Kauf genommen. Die Raufereien werden oft gefilmt. Das Internet ist voll solcher Kampfvideos. Diese Kämpfe sind allerdings nur Training für den Ernstkampf, der in Parks, Unterführungen oder ­Metrostationen der russischen Grossstädte stattfindet. Nun sei es aber seit langem ruhig, sagt Aleksej. «Auch Kämpfe im Wald werden kaum mehr durchgeführt.»

Worin liegt der Reiz der Prügelei? «Wenn du merkst, dass du in der Lage bist, es mit jedem Gegner aufzunehmen, wenn du merkst, dass du auch mit gebrochenem Arm weiterkämpfen kannst, hast du eine ganz andere Einstellung gegenüber dir selber», sagt ein junger Mann, der über Jahre in der Okolofutbola-Szene gekämpft hat. Wenn er keine Heiratspläne hätte, würde er weiter in seiner Freizeit auf andere eindreschen, sagt er.

Andere Hools vergleichen das Gefühl im Kampf mit einem ­Orgasmus. Dass während der WM alle russischen Hooligans auf dieses Gefühl verzichten werden, ist schwer vorstellbar. Vielen aber dürften Polizei und Geheimdienst die Lust auf eine Orgie ­genommen haben.

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