«Es kann doch nicht sein, dass es nur an uns Mädchen lag»: Sechs Karrieren in der Rhythmischen Gymnastik enden mit einem Schlag

Der Turnverband wollte einen Neubeginn – und löste das Nationalkader in der Rhythmischen Gymnastik auf. Für manche Athletin brach damit eine Welt zusammen. Andere waren erleichtert.

Raya Badraun
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Die jungen Gymnastinnen trainieren sechs Tage pro Woche für ihren grossen Traum: Olympia 2024.

Die jungen Gymnastinnen trainieren sechs Tage pro Woche für ihren grossen Traum: Olympia 2024.

Urs Lindt, freshfocus

Die Zukunft beginnt an einem unscheinbaren Ort. Am Rande von Lyss, einer Stadt zwischen Bern und Biel, steht eine graue Halle, wie sie in vielen Orten steht. Es ist Mittwochnachmittag. Bälle prallen an die Wand, junge Handballerinnen rennen auf das Tor zu, der Trainer gibt Anweisungen. Auf der anderen Seite der Halle sind die Bewegungen feiner, die Stimmen leiser. Fünf Gymnastinnen strecken ihre Körper, springen über den Wettkampfteppich, fangen Reifen und Bänder – vier Stunden lang. Das ist kein Hobby mehr, keine Freizeitbeschäftigung. Hier trainieren die Hoffnungsträgerinnen der Rhythmischen Gymnastik in der Schweiz. Sie vereint ein Traum: Olympia 2024 in Paris. Dafür sind sie – noch halb Kind – zu einer Gastfamilie gezogen, dafür trainieren sie mit kaum
16 Jahren schon über 30 Stunden pro Woche, dafür verbringen sie die Schulferien in der grauen Halle.

Olympia, das ist ein grosses Ziel, das wissen hier alle. Das es zu gross sein könnte, auch. Seit 1984 haben es keine Schweizer Teilnehmerinnen mehr an die Sommerspiele geschafft. Der letzte Versuch scheiterte im vergangenen Jahr. An der WM in Sofia belegte das Nationalkader Platz 25 – und verpasste damit die Teilnahme in diesem Jahr um einen Rang. Auch die Olympischen Spiele in Tokio rückten dadurch in weite Ferne. Eine Qualifikation wäre rein theoretisch noch möglich gewesen, jedoch nur mit einer deutlichen Steigerung. Der Schweizerische Turnverband rechnete jedoch nicht damit. «Manche entlassen in einer solchen Situation den Trainer», sagt Felix Stingelin, Chef Spitzensport. Der STV war jedoch von Iliana Dineva überzeugt, die erst seit kurzem Trainerin des Nationalkaders war. Stattdessen wurden die Verträge mit sämtlichen Kaderathletinnen aufgelöst. Sechs Karrieren endeten auf einen Schlag.

Trainieren unter Schmerzmittel

Ein Samstagnachmittag in Chur. Tamara Stanisic und Gina Dünser laufen durch den Weihnachtsmarkt, am Glühweinstand vorbei, und setzen sich in ein Restaurant. Als Jugendliche kamen sie zusammen nach Magglingen, später waren sie Teil der Gruppe, träumten von Olympia. Heute sind sie 21 Jahre alt – und das alte Leben scheint weit entfernt, obwohl nur ein Jahr dazwischen liegt. Die Auflösung hat im Herbst vor einem Jahr viele Gefühle ausgelöst – Überraschung, Frust, Unverständnis. «Es kann doch nicht sein, dass es nur an uns Mädchen lag», sagt Stanisic. Dünser empfand damals noch etwas anderes: Erleichterung. «Ich war froh, dass mir der Entscheid abgenommen wurde», sagt sie.

In den Monaten vor der WM war das Team geschwächt. Eine Gymnastin fiel ganz aus, Stanisic hatte chronische Schmerzen, Dünser einen Knochensplitter und eine Zyste im Fuss, die Bänder angerissen. Doch sie wussten, ohne sie geht es nicht. Eine Gruppe besteht aus fünf Gymnastinnen – genau so viele waren sie. Ersatz gab es keinen. Junge Gymnastinnen, die hätten einspringen können, fehlten. Stanisic sagt: 

«Uns wurde oft gesagt, dass die Zukunft der Rhythmischen Gymnastik von uns abhängt. Aber ich bin doch nicht alleine für die ganze RG in der Schweiz verantwortlich.»

Obwohl sich die beiden dadurch nicht unter Druck setzen liessen, war Aufhören keine Option. Wegen der Teamkolleginnen, wegen des gemeinsamen Ziels. Also nahm Dünser Schmerzmittel, trainierte in Turnschuhen und die Pirouetten, die machte sie nur noch am Wettkampftag. «Das war nicht ideal, aber es ging nicht anders», sagt sie.

Rhythmische Gymnastik ist nicht wie Fussball. Das Leistungsniveau orientiert sich am schwächsten Glied. Ist eine verletzt, kann die ganze Gruppe nur beschränkt trainieren. «Normalerweise machten wir eine Übung, bis wir sie fünfmal fehlerfrei schafften», sagt Stanisic. «Nun hörten wir manchmal nach fünf Wiederholungen auf, auch wenn keine Übung perfekt war.» Das wirkte sich auch auf die Wettkämpfe auf. Es sei ein ganz anderes Gefühl, wenn man nach einer solchen Vorbereitung antreten müsse, sagen beide.

Fehlende Erfolge, keine Infrastruktur

«Nur sechs Gymnastinnen zu haben, ist ein grosses Risiko», sagt Cheftrainerin Iliana Dineva. Auch das aktuelle Kader ist nicht grösser. Bis zum nächsten Sommer sollen noch zwei weitere zum Team stossen. Dinevas Wunsch wäre es gar, zwei Gruppen zu haben, die nebeneinander trainieren. Doch Kandidatinnen gibt es nur wenige. Rhythmische Gymnastik ist in der Schweiz nicht verankert, in der Zeitung kaum mehr als eine Randnotiz. Die grossen Erfolge fehlen. Es ist eines von vielen Problemen dieser Sportart. Und sie alle hängen zusammen, verstärken sich gegenseitig.

Die Verletzungen etwa haben auch mit der fehlenden Infrastruktur zutun. In der Schweiz gibt es keine einzige Halle, die nur für die Rhythmische Gymnastik da ist. Lediglich in Magglingen steht ein Wettkampfboden aus Schaumgummi und Spanplatten bereit, der zumindest etwas gefedert ist. Aber auch dort können die Athletinnen nicht immer trainieren. Dann weichen sie nach Lyss aus, wo wiederum nur ein einfacher Teppich ausgerollt wird. Dadurch ist die Belastung höher, das Risiko für Vorderfussprobleme grösser. Stingelin sagt: 

«Rhythmische Gymnastik ist eine der trainingsintensivsten Sportarten. Es wird gar mehr trainiert als im Kunstturnen.»

Für Konzentration und Körper seien zwei Trainings pro Tag, die etwas kürzer sind, am besten. Weil die Infrastruktur fehle und die Schule zu wenig flexibel sei, werde jedoch weiterhin einmal pro Tag trainiert. Der Verband setzt nun grosse Hoffnungen auf einen Sportkomplex in Biel, in dem die Rhythmische Gymnastik einen fixen Platz hätte. Die Ausschreibung läuft, im nächsten Jahr soll das Hallenprojekt vors Volk kommen und 2022 eingeweiht werden. Daneben verlangt der Verband, dass die Regionen bis 2024 einen fixen Trainingsort haben, wo sie auf einem Wettkampfboden trainieren können. Stingelin sagt: 

«Ohne diese Veränderung haben wir keine Chance.» 

Dies löst viele, aber nicht alle Probleme. Stingelin erzählt von Regionalen Leistungszentren, welche die Gymnastinnen nicht immer so ausbilden, wie es der Turnverband gerne hätte. Dabei geht es etwa um monotone Trainings, die nicht kindergerecht sind, schlechten Umgangston oder den Verzicht auf Kraft- und Athletiktrainings. Die Nachwuchschefin ist deshalb regelmässig in den Zentren, gibt Inputs, überprüft die Trainingspläne. «Da müssen wir den Finger draufhalten», sagt Stingelin.

«Für manch eine brach eine Welt zusammen»

Herbst 2018. Nach der WM in Sofia analysierte der Turnverband die Situation. Er sah, dass die Olympia-Qualifikation kaum mehr möglich sein wird. Und dass der grösste Teil des Nationalkaders nach 2020 nicht weitermachen würde. «So machte es keinen Sinn, weiter in diese Gruppe zu investieren», sagt Stingelin. Anfang Oktober entschied der Zentralvorstand, das Projekt abzubrechen und den Neustart vorzuziehen. Stingelin sagt:

«Es war der richtige Entscheid. Einfach fiel er aber nicht, weil es auch um Menschen ging, die viel Herzblut gegeben haben. Für manche ist eine Welt zusammengebrochen.»

Stanisic war damals mit ihren Eltern in den Ferien auf Zypern, als der Turnverband in Magglingen informierte. Zurück vom Strand, sah sie auf Instagram eine Story. Eine Teamkollegin teilte ein Bild von der Rhythmischen Gymnastik, dazu gebrochene Herzen. Da wusste sie, was passiert war.

Zurück zu ihren Familien

«Wir liessen die Mädchen nicht in der Wüste zurück», sagt Stingelin. Für jede Gymnastin wurde eine Lösung gesucht. Musste eine aufgrund der Ausbildung in Biel bleiben, wurde sie weiter unterstützt. Dünser und Stanisic hingegen kehrten zu ihren Familien zurück, die eine nach Trimmis, die andere nach Uster. Bis zum nächsten Sommer pendeln sie noch nach Biel, wo sie eine kaufmännische Ausbildung absolvieren. Daneben arbeiten sie als Trainerinnen in Regionalen Leistungszentren, die eine in St. Gallen, die andere in Uster. Sie haben mit dem alten Leben abgeschlossen, ein neues begonnen. «Ich wünsche den Gymnastinnen, dass sie ihr Ziel erreichen», sagt Stanisic am Ende. Dann verschwinden sie zwischen den Weihnachtsmarktständen.

Olympia, das ist der grosse Traum. Und doch wissen alle, wie viel es dafür braucht, wie schwierig es wird – auch mit neuen Gymnastinnen, auch mit einer neuen Trainingshalle in Biel. «Es wird immer wieder Probleme und Verletzungen geben», sagt Stingelin. «Doch man sieht zumindest, dass gewisse Massnahmen greifen.» Cheftrainerin Dineva spricht davon, wie motiviert die jungen Frauen sind, wie sehr sie wollen, wie viel sie geben. Bis 2024 wollen die Gymnastinnen für die Schweiz turnen, dass sind über vier Jahre. «Doch etwas fehlt ihnen», sagt Dineva. «Die Vorbilder. Für die Jungen ist es schwer vorstellbar, was alles noch kommt, wenn niemand vor ihnen steht.»