Interview
«Es war eine riesige Enttäuschung für mich»: Skirennfahrerin Andrea Ellenberger wartet in Peking weiterhin auf ihren Einsatz

Andrea Ellenberger (28) ist seit zwei Wochen bei den Olympischen Winterspielen. Nach wie vor wartet die Nidwaldnerin auf ihren ersten Einsatz. Zwischenzeitlich ist sie sogar aus dem Olympischen Dorf ausgezogen.

Peter Gerber Plech
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Andrea Ellenberger hat mit einem Einsatz im Olympischen Riesenslalom spekuliert. Doch dann bekam Wendy Holdener den Vorzug.

Andrea Ellenberger hat mit einem Einsatz im Olympischen Riesenslalom spekuliert. Doch dann bekam Wendy Holdener den Vorzug.

Alessandro Trovati/AP

Sie sind nach Peking gereist, um am 7. Februar in ihrer Spezialdisziplin Riesenslalom anzutreten. Dann wurden Sie für das Viererteam von Swiss Ski nicht berücksichtigt. Wie geht es Ihnen rückblickend damit?

Andrea Ellenberger: Es war eine riesige Enttäuschung für mich und ich habe auch damit gehadert. Es hat eine gewisse Zeit gebraucht, um das verarbeiten zu können. Schliesslich ist einer meiner grossen sportlichen Träume in jenem Moment, als mir die Nicht-Nomination mitgeteilt worden ist, zerplatzt. Ich habe versucht, das Training möglichst normal weiterzuführen. Als dann aber auf der Piste nebenan das Hangbefahren auf der Wettkampfpiste und am Tag danach das Rennen war, habe ich einsehen müssen, dass ich zu sehr abgelenkt werde. Also habe ich zwei Ruhetage eingelegt und so etwas Abstand gewonnen.

Andrea Ellenberger

Andrea Ellenberger

Gian Ehrenzeller/Keystone

Letztlich hat Wendy Holdener den Vorzug bekommen. Was haben Sie unternommen, damit Sie nicht auf Ihre Kollegin, die ja nichts Unrechtes getan hat, einen Groll entwickeln?

Ich habe Distanz geschaffen. Wir haben uns, nachdem dieser Entscheid gefallen war, sicher zwei Tage nicht gesehen. Sie musste sich auf das Rennen konzentrieren und ich brauchte Abstand. Und das war gut so. Ich nehme die Sache nicht persönlich, sondern habe sie als eine der Spielregeln im Leistungssport zu akzeptieren.

War es für Sie aber rasch klar, dass Sie zur Teilnahme am Team-Event ja sagen werden? Das bedeutete ja, dass sie während den gesamten Spielen in China bleiben müssen, aber erst zum Schluss, am 19. Februar, Ihren Einsatz haben.

Ich habe den Team-Event als Chance gesehen, doch ein Rennen fahren zu können. Schliesslich gibt es auch dort Olympiamedaillen zu gewinnen. Zudem habe ich hier auf den top präparierten Pisten und aufgrund der Wetter- und Schneesituation in Europa aktuell die besseren Voraussetzungen für das Training. Diese Tage will ich daher optimal nutzen, weil es nach den Spielen ja mit dem Weltcup wieder weiter gehen wird.

Bei der WM 2019 in Are gewann Ellenberger (Dritte von links) Gold mit dem Team.

Bei der WM 2019 in Are gewann Ellenberger (Dritte von links) Gold mit dem Team.

Jean-Christophe Bott/Keystone

Fast drei Wochen bei den Olympischen Spielen ausharren, bis endlich Ihr Rennen ansteht: Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Das ist eine Herausforderung und ich bin selbst etwas überrascht, wie gut es funktioniert. Ich bin grundsätzlich nicht gerne isoliert, was hier definitiv der Fall ist. Nach dem Slalom vom 9. Februar bin ich aus dem Olympischen Dorf aus- und in ein Hotel eingezogen, das rund 45 Minuten Busfahrt entfernt ist. Im Olympischen Dorf befinden sich sämtliche Athletinnen, Athleten im Rennmodus. Diese Situation war für mich, die in einer anderen Phase drinsteckt, schwierig. Ich kann nicht während so langer Zeit ohne Wettkampf permanent auf einen Tag fokussiert sein, der erst in zwei Wochen ansteht. Deshalb habe ich auch die räumliche Distanz gesucht. Sonst besteht die Gefahr, dass man die leere Zeit mit Trainingseinheiten füllt und so «überpowert». Meine Strategie ist auf meinen Wettkampftag, also auf den 19. Februar, ausgerichtet. Das heisst: Ich musste zuerst etwas runter- und werde dann fünf Tage vor dem Team-Event mein System langsam wieder hochfahren. Am 16. Februar werde ich auch ins Olympische Dorf zurückgehen.

Besuchen Sie andere Wettkämpfe oder wie verbringen Sie die angesprochene «leere Zeit»?

Im Hotel ist es nicht möglich, einfach raus und zum Beispiel Joggen oder Spazieren gehen zu können. Das Hotel ist eingezäunt und das Tor öffnet sich nur, wenn der Bus Richtung Olympisches Dorf rausfährt. Aber ich habe regelmässigen Kontakt mit meinem Umfeld in der Schweiz, das hat mir sehr geholfen. Die Bobbahn ist in der Nähe des Olympic Village und ich habe den Slalom sowie den Super-G der Frauen vor Ort verfolgt. Da ich im Normalfall erst nach der Mittagszeit auf der Piste habe trainieren können, bin ich jeweils erst so gegen 18 Uhr wieder ins Hotel zurückgekommen. Durch diese langen Tage dauert diese «leere Zeit» nicht so lange.