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«Ich schaffe es zurück an die Weltspitze» – die Gossauer Kunstturnerin Giulia Steingruber ist nach ihrem Kreuzbandriss voller Zuversicht

Die Gossauerin Giulia Steingruber hat sich im vergangenen Sommer einen Kreuzbandriss zugezogen. Die 25-Jährige über die Zeit nach der schweren Verletzung, die Belastung durch Schule und Sport sowie Prüfungsangst.
Interview: Etienne Wuillemin
Das grosse Ziel von Giulia Steingruber ist die WM im Oktober in Stuttgart. (Bild: Claudio de Capitani/Freshfocus)

Das grosse Ziel von Giulia Steingruber ist die WM im Oktober in Stuttgart. (Bild: Claudio de Capitani/Freshfocus)

Vielleicht wird Giulia Steingruber einmal eine gute Psychologin. Der Beruf würde die Gossauerin reizen, erzählt sie an einem sonnigen Frühlingstag in Magglingen. Bald erlangt die Kunstturnerin ihre Matura, Schwerpunktfächer Psychologie, Pädagogik und Philosophie. Aber noch ist Steingruber nicht bereit für ein neues Leben, noch setzt sie voll auf die Karte Sport.

An diesem Wochenende findet die Kunstturn-EM statt, Sie sitzen zu Hause, Ihre Freundinnen turnen in Polen. Wie sehr schmerzt das?

Giulia Steingruber: Das tut weh, klar. Ich verpasse zum dritten Mal in Serie einen Grossanlass. Und trotzdem kribbelt es in meinem Körper. Ich habe überlegt, ob ich hinreisen soll, den Gedanken dann aber verworfen. Ich muss es akzeptieren, wie es ist. Am Samstag werde ich also in der Schule sitzen und die Wettkämpfe via Smartphone ein bisschen verfolgen.

Wie fühlt sich der Körper einer Spitzensportlerin an, wenn er zum Nichtstun verdammt ist?

Nicht gut. In den ersten Wochen war es sehr schwer, ich war total eingeschränkt, konnte kaum etwas tun. Ich fühlte mich unselbstständig, wenigstens gab es rasch sichtbare Ziele. Zuerst das schmerzfreie Aufstehen von einem Stuhl. Irgendwann konnte ich joggen gehen. Doch dann kam die schwierigste Phase, im Dezember und Januar.

Wie ging es Ihnen da?

Ich hatte lange das Gefühl, einfach nicht mehr weiterzukommen. Das stresste mich ziemlich, hatte auch Auswirkungen auf meinen Alltag, sagen wir: Es war durchaus etwas schwierig um mich herum (lacht).

«Irgendwann vermisste ich auch den gewohnten Rhythmus im Alltag.»

Ich habe zwar jeweils einiges für die Schule machen können. Aber ich habe auch häufig einfach ein bisschen in den Tag hineingelebt.

Lara Gut-Behrami hat nach ihrem Kreuzbandriss gesagt, sie vermute einen Hilfeschrei ihres Körpers. War das bei Ihnen ähnlich?

Im grossen Bild war meine Situation eine andere. Ich fühlte mich nach den Olympischen Spielen 2016 ausgelaugt, damals brauchte ich eine Auszeit. Und diese Pause hat mir auch gutgetan. Verlängert zusätzlich durch eine Fussverletzung. Im vergangenen Sommer war es aber anders. Ich spürte erstmals seit langem das Gefühl des totalen Fitseins. Und dann eine Woche später: Peng! Kaputt! Ich hatte grosse Mühe damit, fühlte nichts an Erleichterung.

Also fühlten Sie sich nie überfordert?

Im Rückblick erkenne ich natürlich auch, dass es eine spezielle Woche war und ich ziemlich am Limit gelaufen bin. Ich hatte viel Stress in der Schule, dazu kam die intensive Vorbereitung auf die EM. Und als ich am Länderkampf in Frankreich die Verletzung erlitt, war zuvor beim Einturnen noch der Barren zusammengekracht. Ich prellte dabei mein Schienbein heftig. Ja, im Nachhinein betrachtet hätte ich wohl sagen müssen: «So, das war es für heute.» Aber hinterher ist die Analyse auch einfach.

An einer Medienkonferenz haben Sie erzählt, warum Sie das Kunstturnen so lieben – wegen Kraft und Eleganz, aber auch, weil Sie an Ihre Grenzen kommen oder diese gar verschieben können. Wie sehr macht Sie der Sport süchtig?

Das ist eine spannende Frage. Die Bühne selbst und das Rampenlicht fehlen mir nicht. Aber das Wettkampffeeling, das schon. Und damit verbunden das Gefühl des Adrenalins, das durch den Körper fliesst.

«Das bringt mich jetzt zum Nachdenken.
Kann eine Leidenschaft zur Sucht werden?
Ja, wahrscheinlich schon.»

Und ich habe mich nach der Olympia-Medaille auch gefragt, ob Erfolg zur Sucht verkommen kann.

Und, ist es so?

Ich glaube, das kommt im Sport häufig vor, ja. Bei mir selbst? Es ist genial, Erfolg zu haben, eine Genugtuung für die ganze Arbeit, die häufig auch unsichtbar ist. Aber eine Sucht verspüre ich nicht, das habe ich mittlerweile herausgefunden.

Sie haben erwähnt, dass Sie unmittelbar vor Ihrer Verletzung von der Schule sehr vereinnahmt waren. Im Sommer möchten Sie die Matura erlangen. Spitzensport und Schule – empfinden Sie die Kombination als Drahtseilakt?

Ich muss mit Nachdruck sagen: Die Belastung ist happig, manchmal grenzwertig. Ich fahre zweigleisig, und vielfach läuft die Schule ein bisschen nebenher – ich mache ja auch ein Jahr in zweien –, zum Glück konnte ich mich in der Halle stets auf den Sport konzentrieren.

Was müsste sich ändern in Zukunft?

Ich denke, die Schweiz muss sich überlegen, ob Spitzensport und Schule nicht besser zu verbinden wären. Wir haben in der Schweiz zu wenige reine Sportschulen. Bei mir in Biel zum Beispiel ist es eine normale Schule – die Situation ist schwierig für alle.

«Für die Lehrer ist es auch doof, wenn sie Leuten wie mir ständig eine Sonderbehandlung einräumen müssen. Ich wiederum muss ständig irgendwelchen Dingen nachrennen.»

Anfangs versuchten Sie ja, das «normale» Gymnasium zu besuchen.

Und ich musste rasch merken, dass das nicht funktioniert. Es ging einfach nicht mehr auf. Ich habe zu vieles verpasst. Ich möchte niemandem einen Vorwurf machen, und doch bin ich überzeugt: Man müsste das Schulwesen ein bisschen besser koordinieren. In Biel gibt es Hockeyspieler, Tennisspieler, Turnerinnen und Turner, rhythmische Sportgymnasten – ich denke, es wäre genügend Potenzial vorhanden für reine Sportklassen.

Sie kennen Drucksituationen aus dem Sport bestens – eigentlich sollten Sie demnach keine Mühe haben, bei Schulprüfungen Leistung zu bringen.

Eigentlich. Es ist aber nicht so. Ich habe Prüfungsangst. Vor allem, wenn es um Abschlussprüfungen geht. Und das Fach ist nicht einmal entscheidend. Im Februar hatte ich eine erste Serie von drei Tagen Prüfungen. Ich erlebe häufig dieselbe Situation: Sobald ich eine Unsicherheit verspüre, kann ich plötzlich nicht mehr viel aus mir herausholen. Ich gerate in einen Strudel – und dann dreht sich der Kopf nur noch.

Wie gehen Sie mit der Prüfungsangst um?

Da habe ich noch Verbesserungspotenzial. Ich habe aber beschlossen, dass ich nun auch in diesem Bereich Mentaltraining betreibe. Die Chance besteht ja durchaus, dass ich auch im späteren Berufsleben immer einmal wieder Drucksituationen erlebe.

Noch einmal zurück zum Sport: Haben Sie Angst vor einem Rückschlag? Davor, dass Ihr Kreuzband die Belastungen nicht mehr aushält?

Am besten ist es, gar nicht daran zu denken. Ich könnte ja auch jeden Tag einen Autounfall haben – es gibt so viele Dinge, die unvorhersehbar sind, dass es sich schlicht nicht lohnt, darüber nachzudenken.

Die Frage ist: Können Sie an die grossen Erfolge Ihrer Karriere anknüpfen? Sie haben gesagt, dass Sie auch schon Zweifel hatten. Wie haben Sie diese Zweifel überwunden?

Der Hauptgrund ist das Mentaltraining. Ich arbeite sehr viel mit Visualisierungen.

«Schon ganz früh nach meiner Verletzung
habe ich wieder begonnen, in meinem Kopf Turn-Übungen zu absolvieren.»

Und zwar zeitlich genau so, wie es «live» auch wäre. Dieser Prozess ist wichtig. Ich wollte die Wettkampfsituation spüren, auch wenn es nur im Kopf ist. Und je länger und häufiger ich das tat, desto mehr kam die Überzeugung: Ja, ich schaffe es zurück an die Weltspitze. Ich erwarte jedenfalls ziemlich viel von mir.

Wann planen Sie die Rückkehr in den Turn-Zirkus?

Ursprünglich wollte ich gerne am Eidgenössischen Turnfest in Aarau Mitte Juni starten. Ich musste aber rasch realisieren: Das kommt zu früh. Ich schiele auf die Schweizer Meisterschaften Anfang September. Das erste Ziel ist danach die WM im Oktober in Stuttgart. Diese Titelkämpfe sind auch darum wichtig, weil sie für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2020 von Tokio zählen. Diese sind mein grosses Ziel am Horizont.

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