Europäische Super League
Die Eliteliga gegen die Volksseele des Fussballs – sogar der britische Premier Boris Johnson ist erzürnt

Zwölf europäische Spitzenklubs wollen ihre eigene europäische Superliga gründen. Die Uefa droht Vereinen und Spielern nun mit Sperren.

Raphael Gutzwiller
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Ein Tottenham-Fan protestiert gegen die geplante europäische Super League.

Ein Tottenham-Fan protestiert gegen die geplante europäische Super League.

Keystone

Mehr als 30 Jahre lang geisterte die Drohkulisse «Super League» durch den Fussball. Die schwerreichen Topklubs drohten damit, in eine eigene Liga abzuwandern. Diese Drohkulisse ist der Grund dafür, weshalb der europäische Fussball heute so funktioniert, wie er funktioniert: Die Champions League ist aufgebläht, die Fernsehgelder sind unfair verteilt, die meisten Ligen kennen Serienmeister.

Doch in der Nacht auf Montag machten die Superreichen des Fussballs die Pläne dennoch wahr. Zwölf Grossklubs verkünden in einem Schreiben die Einführung einer europäischen «Super League». Mit dabei sind die erfolgreichsten Vereine aus England, Spanien und Italien: Chelsea, Arsenal, Liverpool, Tottenham, Manchester City, Manchester United, Inter Mailand, AC Milan, Juventus Turin, FC Barcelona, Real Madrid und Atlético Madrid. Startzeitpunkt: so schnell wie möglich.

Die Zementierung der Verhältnisse

Nur wenige Stunden später stimmte das Uefa-Exekutivkomitee einer Reform der Champions League zu: Ab 2024 sollen 36 Teams dabei sein. Für vier Topklubs, die sich nicht über die nationalen Wettbewerbe qualifizieren würden, gibt es ein Rettungsnetz. Diese Reform hat ihre Gegner in den kleinen Verbänden, den Grossklubs ging die Reform aber zu wenig weit.

Real Madrids Präsident Florentino Pérez will die europäische Super League.

Real Madrids Präsident Florentino Pérez will die europäische Super League.

Emilio Naranjo / EPA

Und so wollen sie einen eigenen Wettbewerb, der die Champions League konkurrenzieren soll. Real-Präsident Florentino Pérez liess sich so zitieren:

«Wir werden dem Fussball auf jedem Level helfen und ihn zu seinem rechtmässigen Platz in der Welt bringen. Fussball ist der einzige globale Sport auf der Welt mit mehr als vier Milliarden Fans, und unsere Verantwortung als grosse Klubs ist es, auf deren Begehrlichkeiten zu reagieren.»

Im Interesse der Fans also? Kaum. Die neue Liga würde dem Grundsatz des europäischen Sports widersprechen, wonach sich die Teilnehmer für Wettbewerbe qualifizieren müssen. Stattdessen wäre die Super League eine geschlossene Gesellschaft der Superreichen. Es wäre die Zementierung der Verhältnisse eines Sports, in dem an der Spitze mit Geld um sich geworfen wird. Unter den Gründungsklubs sollen schon vor dem Start 3,88 Milliarden Franken aufgeteilt werden. Demnach betragen die Startprämien über 110 Millionen Franken. Massgeblicher Investor der neuen Super League ist die US-Grossbank JP Morgan.

Warum Bayern, PSG und Dortmund fehlen

Drei weitere Klubs sollen noch zu Gründungsmitglieder werden. Abgesagt haben derweil die deutschen Spitzenteams Bayern München und Borussia Dortmund, sowie der französische Serienmeister Paris St. Germain. PSG sagte nicht aus moralischen, sondern aus finanziellen Gründen ab: Klubboss Naser al-Khelaifi hat als Boss der beIN Media Group Interesse an einer möglichst lukrativen Champions League, in die er schon viel Geld investiert hat. Anders ist die Situation bei den deutschen Klubs. Da in Deutschland die Entwicklung des Fussballs besonders kritisch gesehen wird, fürchten sie den öffentlichen Widerstand.

«Created by the poor - stolen by the rich!» Erfunden von den Armen, gestohlen von den Reichen: Ein Banner vor dem Old Trafford Stadium in Manchester.

«Created by the poor - stolen by the rich!» Erfunden von den Armen, gestohlen von den Reichen: Ein Banner vor dem Old Trafford Stadium in Manchester.

Jon Super / AP

Der Aufschrei gegen die Pläne ist in den sozialen Medien riesig. Und selbst Boris Johnson, Premierminister des Vereinigten Königreichs, hat sich zu Wort gemeldet: «Pläne für eine europäische Super League wären sehr schädlich für den Fussball und wir unterstützen die Fussballbehörden dabei, Massnahmen zu ergreifen», sagt er. Und weiter: «Sie würden das Herz des heimischen Fussballs treffen und die Fans im ganzen Land beunruhigen.»

Zum viralen Hit wurde das Statement der englischen Fussballlegende Gary Neville auf «Sky»:

Die wichtigsten Aussagen von Gary Neville: «Das ist ein krimineller Akt gegen die Fans. Das ist eine Schande. Manchester United wurde von Arbeitern gegründet, Liverpool profiliert sich damit, ein Klub des Volkes zu sein. Und diese Vereine wollen jetzt eine Liga ohne sportlichen Wettbewerb gründen. Das ist reine Geldgier. Ich bin angewidert.» Neville fordert für die beteiligten Vereine drastische Strafen: «Lasst sie gehen, aber dann müssen sie hart bestraft werden. Hohe Geldstrafen, Punkteabzug, setzt sie ans Ende der Tabelle und nehmt ihnen die Titel weg.»

Uefa-Boss Ceferin kündet an: Spieler werden gesperrt

Uefa-Präsident Aleksander Ceferin.

Uefa-Präsident Aleksander Ceferin.

Fabio Frustaci / EPA

Tatsächlich kündete Uefa-Präsident Alexander Ceferin Strafen an: «Wir werden alle Sanktionen verhängen, die wir verhängen können. Meiner Meinung nach sollten die Klubs so früh wie möglich von allen Wettbewerben ausgeschlossen werden. Und die Spieler auch.» So könnte es sein, dass die Schweiz an der EM auf Arsenals Granit Xhaka oder Liverpools Xherdan Shaqiri verzichten muss.

An die Klubbosse hatte Ceferin klare Worte: «Alle 55 Verbände sind gegen die zynischen Pläne und das sinnlose Projekt. Die Gier ist so stark, dass sich die menschlichen Werte in Luft auflösen. Bei der Super League geht es nur um Geld für die Zwölf. Sie beschmutzen nicht nur die Werte des Fussballs, sondern auch die Werte der Gesellschaft.» Es ist die Ironie der Geschichte, dass plötzlich die Uefa für das Gute im Fussball stehen soll.