EVENTS: Darum setzt Katar auf die Karte Sport

Katar ist ein Land der unbegrenzten Sportmöglichkeiten. Das zeigt sich eindrücklich beim Motorrad-GP, der in der Nacht ausgetragen wird.

Klaus Zaugg, Katar
Drucken
Teilen
Zwei Highlights von Katar: der Motorrad-GP und die Kamelrennen mit den Robotern als Jockeys. (Bild: EPA/Keystone)

Zwei Highlights von Katar: der Motorrad-GP und die Kamelrennen mit den Robotern als Jockeys. (Bild: EPA/Keystone)

Klaus Zaugg, Katar

Katar unterscheidet sich von allen anderen Ländern des Morgenlandes durch sein Bestreben, in der ganzen Welt eine Stimme zu haben, die gehört wird. Dabei spielen der Sport und der TV-Nachrichtensender Al Jazeera eine zentrale Rolle. Al Jazeera wurde 1996 vom Emir von Katar gegründet und hat im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling eine viel grössere Bedeutung, als allgemein angenommen wird. Vor dem Siegeszug des Internets veränderte diese TV-Station das Morgenland, weil sie jenen eine Stimme gab, die noch nie gehört worden waren.

In diesen Ländern hatten sich die Menschen an TV-Sender gewöhnt, die nur Regierungspropaganda sendeten – bis hin zu Direktübertragungen, die den Herrscher beim Auspacken der Geburtstagsgeschenke zeigten. Dank Al Jazeera hörten die Menschen auf einmal andere Meinungen. Ja sie vernahmen sogar die Meinungen israelischer Regierungsmitglieder. Das war wie ein Kulturschock.

TV-Sender ohne Budgetzwang

Ich habe den Sender vor zehn Jahren besucht – und da war eine geradezu revolutionäre Stimmung zu spüren. Ein Groove, der ein wenig an die Zeiten von Tele Züri unter Roger Schawinski erinnerte. Der Chefredaktor machte sich einen Spass daraus, den Besucher in einen Sessel zu bitten und dann zu sagen, dass hier Osama Bin Laden zu sitzen pflegte. Tatsächlich konnte dessen Terrororganisation ihre Meldungen nur mit Videos über Al Jazeera verbreiten. Und der Chefredaktor war stolz darauf, dass er weltweit der einzige Chef eines Medienunternehmens war, der keinen Budgetzwang hatte. Reporter seines Senders wurden in anderen arabischen Staaten immer wieder des Landes verwiesen. Al Jazeera beschäftigt Mitarbeiter aus mehr als 50 Nationen und, im Morgenland ungewöhnlich, weibliche Moderatorinnen.

Der Arabische Frühling hat allerdings auch die Herrscherfamilie in Katar verunsichert. Vom revolutionären Geist der Gründerjahre ist nicht mehr so viel geblieben, der Sender hat seine überragende Bedeutung verloren. Die Versuche, in der westlichen Welt eine wichtige Rolle zu spielen (zum Beispiel durch eine US-Niederlassung), sind inzwischen mehr oder weniger gescheitert.

Faszinierende Kamelrennen

Durch den Sport hat Katar hingegen weiterhin globale Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um die Fussball-WM 2022. Die Katarer sagen gerne, der Sport gehöre zur DNA ihres Landes. Das ist aus westlicher Sicht natürlich Unsinn. Der einzige Sport, der hier wirklich interessiert, sind Kamelrennen. Durchaus ein faszinierender Sport. Denn es ist überaus schwierig, die genügsamen Kamele zum Rennen zu bringen. Die Spezialisten kommen aus dem Sudan. Sie bringen ihre ganze Familie mit, weil Kinder sich am besten dazu eignen, die Kamele zuzureiten. Wenn die Tiere einmal rennen, dann brauchen sie bis zu 20 Minuten, um sich wieder zu beruhigen, und es ist ein grandioses Schauspiel, dieses Training auf den Rennbahnen zu beobachten. Der Trainer fährt meistens mit dem Geländewagen nebenher, redet auf das Tier ein, das von einem Buben geritten wird. Seit einigen Jahren darf dieser Job bei den Rennen aber nicht mehr von Kindern ausgeübt werden. Teure Roboter, die von den Scheichs per Fernbedienung gesteuert werden, übernehmen die Arbeit des Jockeys.

Die Extravaganz der Katarer

Fast vergessen ist bereits, dass Katar 2006 die Asien-Spiele mit fast 10 000 Sportlern aus 45 Ländern organisiert hat. Tennisturniere, Leichtathletikmeetings, die Handball-WM 2015, die Kurzbahn-WM der Schwimmer 2014: ein Land der unbegrenzten Sportmöglichkeiten, was sich ganz eindrücklich beim Motorrad-GP zeigt (heute ab 13.45 Uhr, Euro). Hier werden die einzigen Nachtrennen ausgetragen – nicht wegen der Hitze, sondern wegen der Extravaganz. Stolz wird darauf hingewiesen, dass mit dem für den GP produzierten Licht eine Strasse von Katar bis hinauf nach Moskau beleuchtet werden könnte.

Als Valentino Rossi einmal monierte, die Piste kühle am Abend ab, sagte der zuständige Streckenmanager, dann baue man eben eine Heizung ein, was natürlich nicht passiert ist. Aber man hätte es, wenn gewünscht, getan. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass die Katarer pro Kopf weltweit am meisten Energie verbrauchen.

Das reichste Land der Welt, das wir nicht verstehen können

Was ist nun eigentlich Katar wirklich? Ein Augenschein in einem Land, das wir nicht verstehen können. Wir können heute alle Informationen über Katar aus dem Internet holen. Katar ist das reichste Land der Welt (Pro-Kopf-Einkommen über 100 000 Franken). Die Gasvorkommen reichen für mehr als 200 Jahre, die Ölquellen dürften erst in 100 Jahren versiegen. Gas und Öl schwemmen pro Jahr über 30 Milliarden Franken in die Staatskasse. 

Bild: Janina Noser

Bild: Janina Noser

Grösste Baustelle der Welt

Etwas mehr als zwei Millionen Einwohner leben auf einer Fläche, die etwa doppelt so gross ist wie der Kanton Bern. Es ist eine Wüste auf einer Halbinsel ohne Hügel, praktisch ohne Wasserquellen. 90 Prozent aller Lebensmittel müssen importiert werden. Industrie gibt es keine. Ich bin schon mehr als zehnmal nach Katar gereist und habe im Laufe der Zeit viele Gespräche geführt. Aber das Rätsel Katar wird immer grösser. Gerne wird das Land als undemokratisch, als ein Hort der Korruption, als rückständig dargestellt. Die Todesstrafe ist offiziell nicht abgeschafft. Und die Geschichten über die Ausbeutung der Gastarbeiter auf der wohl grössten Baustelle der Welt sind zahllos.

Morgenländisches Disneyland

Für den Besucher, der ohne Vorurteile anreist, ist es eine verwirrende Welt. Das Wort «Umbruch» trifft wohl nirgendwo so gut zu wie für die Hauptstadt Doha, die einzige Stadt im Land. Es ist eine einzige Baustelle. Jahr für Jahr wächst die Stadt in die Wüste hinaus, seit 2003 um mindestens 20 Kilometer. Nicht Palmen sondern Baukräne sind die Bäume dieses Landes. 2003 gab es auf der wichtigsten Strasse (Corniche) dem Meer entlang keine Ampeln, nur wenig Verkehr und keine Staus. Dann wurden Kreisel eingebaut. Weil die Jungs mit den schweren Geländewagen Vollgas durch die Kreisel bretterten, wird heute der Kreisverkehr durch Ampeln geregelt.

Für den Besucher ist Katar ein morgenländisches Disneyland. Ein neuer Bazar neben dem alten wirkt wie eine Filmkulisse. Tief verschleierte Frauen, europäisch gekleidete Frauen, Männer in westlicher und traditioneller Kleidung. Der Muezzin ruft zum Gebet. Die Preise sind so hoch wie in der Schweiz. Das grosse Hobby der gelangweilten jungen Männer: mit allem, was Räder hat, durch die Wüste brettern. 
Die Katarer zahlen keine Steuern, erhalten ab dem Tag ihrer Geburt ein bedingungsloses Grundeinkommen von 2000 Dollar, und das Gesundheitswesen ist gratis. Praktisch alle Arbeiten werden von Gastarbeitern erledigt, die mit Zeitverträgen engagiert werden und das Land nach Ablauf verlassen müssen. In Doha gibt es so etwas wie eine Subkultur: die Läden und Restaurants eben dieser Gastarbeiter. Hier gibt es Essen und Artikel des täglichen Bedarfs zu einem Bruchteil der sonst üblichen Preise – und der Reisende kann, wenn er denn will, hier essen und wird freundlich aufgenommen. Wut spürt er keine. In den teuren Restaurants, die ein Gastarbeiter nie betritt (es sei denn, er arbeite hier), ist es verwirrend, dass die Frauen hinter spanischen Wänden unter sich sind: Sie müssen ja, um zu essen, die Schleier lüften. 

Der Sprung in die Moderne

Die Elite ist gebildet und weltgewandt. Kluge Gespräche über Kunst, Literatur, über die Gleichberechtigung der Frauen und Politik gehören dazu. Trotzdem: Es ist eine dünne Zivilisationsdecke, unter der noch immer das Wesen und Wirken einer archaischen Welt zu spüren, zu erahnen ist. Die Katari haben vor weniger als 100 Jahren die Zelte und die Wüste verlassen, um die Welt zu erobern. Wie sie den Sprung in die Moderne geschafft haben und wie sie die Welt des 21. Jahrhunderts durchschauen, ist trotz allem beeindruckend, ja faszinierend.

Ein weiteres Sporthiglight: Kamelrennen mit Robotern als Jockeys. (Bild: Keystone)

Ein weiteres Sporthiglight: Kamelrennen mit Robotern als Jockeys. (Bild: Keystone)