Carl Klingberg: «Ich bin der gleiche Carl»

Vor einem Jahr hat sich EVZ-Stürmer Carl Klingberg in Langnau schwer verletzt. Der Schwede will sich nicht darüber definieren lassen.

Sven Aregger
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Carl Klingberg (Mitte) behauptet sich in Bern gegen Ramon Untersander (links) und Niklas Schlegel. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus, 2. November 2019)

Carl Klingberg (Mitte) behauptet sich in Bern gegen Ramon Untersander (links) und Niklas Schlegel. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus, 2. November 2019)

Carl Klingberg erinnert sich an alles. An den Sturz in die Bande. An die Behandlung auf dem Eis. An die Stille im Stadion.

Es war der 30. November 2018, der EV Zug spielte in Langnau. In der 22. Minute rutschte der Flügel nach einem alltäglichen Zweikampf mit dem Tigers-Verteidiger Claudio Cadonau, dem künftigen EVZ-Spieler, kopfvoran in die Bande und blieb liegen. Mitspieler und Zuschauer waren geschockt. Klingberg wurde nach minutenlanger Pflege auf dem Eis ins Spital transportiert, aber vorher gab er eine erste Entwarnung: Er konnte seine Gliedmassen bewegen. Das Spiel wurde fortgeführt, die Zuger gewannen. Es war ein Sieg für Klingberg, der im Team hohe Popularität geniesst und in der Garderobe als DJ amtet. Die Bilder des Unfalls gingen viral, die Anteilnahme war gross. Klingberg erhielt Nachrichten aus aller Welt. «Mein Handy ist fast explodiert», erzählt der 28-jährige Schwede.

Seither ist ein Jahr vergangen, und Klingberg ist längst aufs Eis zurückgekehrt. Im Februar feierte der Weltmeister von 2017 sein Comeback nach fast dreimonatiger Pause. Er hatte Glück im Unglück. Die Verletzung an der Wirbelsäule beschädigte die Bänder, aber gebrochen war nichts. Beat Schwegler, Verantwortlicher des EVZ-Ärzteteams, sagt:

«Wäre Carl nur mit einem geringfügig anderen Winkel in die Bande gekracht, hätte es unter Umständen schlimm enden können, zum Beispiel mit einer Lähmung.»

Ein Profi, der einstecken kann

Klingberg weiss das. Nach der Diagnose war er erleichtert, überhaupt wieder spielen zu können. Der Stürmer konnte das Spital nach wenigen Tagen verlassen, er trug wochenlang eine Halskrause, in seinen Bewegungen war er eingeschränkt. Aber Klingberg ist einer, der stets optimistisch denkt, realistisch auch. Er sagt: «Ich will mich nicht über diese Verletzung definieren lassen. Ich denke nicht darüber nach, das ist Vergangenheit.» Ist also nichts hängen geblieben? «Nein, ich bin der gleiche Carl wie vor der Verletzung, mental und körperlich.»

Der EV Zug übt die Bergung von Verletzten

Bei schweren Verletzungen, wie sie im Eishockey vorkommen können, ist eine schnelle und fachmännische Erstversorgung und Bergung des Spielers von zentraler Bedeutung. Und solche Ernstfälle müssen geprobt werden.

Für einen Profi vom Typus Klingberg ist das entscheidend. Er ist ein Muskelpaket, geht keinem Zweikampf aus dem Weg und lebt von seiner energischen Spielweise. Angst ist da ein schlechter Begleiter. Doch Klingberg kann einstecken. In den Playoffs erlitt er eine Rippenfraktur und spielte mit gebrochener Hand. Er meint dazu lapidar:

«Wenn ich spielen kann, dann spiele ich. Es war keine einfache Saison mit den vielen Verletzungen. Aber ich hatte ja im Sommer Zeit, mich von den Blessuren zu erholen.»

In Zug wird ihm hoch angerechnet, wie sehr er sich mit der Organisation identifiziert, wie gross sein Wille ist. Das war einer der Gründe, weshalb der EVZ im Mai den Vertrag mit dem Schweden um zwei Jahre verlängert hat.

Am Samstag (19.45 Uhr) ist er mit Zug in Langnau zu Gast, zum zweiten Mal nach der schweren Verletzung. Beim ersten Duell in der Ilfishalle im September kamen während des Warm-ups die Bilder des Unfalls wieder hoch. «Aber im Spiel war das dann vergessen», sagt Carl Klingberg. Die Kämpfernatur lässt sich nicht unterkriegen.

Der EVZ übt die Bergung von Verletzten

Schwere Unfälle wie jener von Carl Klingberg sind selten im Schweizer Eishockey, aber sie kommen vor. Vier Beispiele:

22. Oktober 2019: Jordann Bougro, Stürmer der EVZ Academy, kracht nach einem Check des Langenthalers Ian Derungs in die Bande. Er erleidet Frakturen und Bänderläsionen im Rückenbereich und fällt mindestens drei Monate aus.

5. März 2013: Nach einem Check durch Langenthals Stefan Schnyder stürzt Olten-Spieler Ronny Keller mit dem Kopf voran in die Bande. Der Zürcher bleibt für immer gelähmt.

30. Dezember 2006: Der Zug-Verteidiger Marco Maurer rutscht an der U20-WM in Kanada mit einem Finnen in die Bande und bricht sich das Genick. Er überlebt und steht ein knappes Jahr später wieder auf dem Eis.

5. Dezember 1995: Luganos Pat Schafhauser, ein ehemaliger EVZ-Verteidiger, prallt nach einem Duell mit dem Davoser Oliver Roth kopfvoran in die Bande. Er ist seither vom Schultergürtel abwärts gelähmt.

EVZ-Arzt Beat Schwegler sagt: «Das Eishockey ist in den vergangenen Jahren immer schneller geworden, da muss man gewappnet sein.» Prävention sei allerdings schwierig, grössere Anpassungen bei der Ausrüstung würden keinen Sinn machen. In der Pflicht stehen deshalb auch die Spieler. «Sie sollten ein abruptes Abbremsen vor der Bande vermeiden, weil sie ansonsten bei einem Check allenfalls mit grosser Wucht kopfvoran in die Bande stürzen.» Schwegler plädiert auch dafür, dass offensichtliche Checks gegen den Kopf oder gefährliche Checks in die Bande, die häufig Hirnerschütterungen nach sich ziehen, rigoroser bestraft werden. «Bei einem solchen Vergehen müssten viel mehr Spielsperren ausgesprochen, als es heute gehandhabt wird.» Im Fall Klingberg störte sich Schwegler daran, wie «lange und suboptimal» die Bergung auf dem Eis verlaufen ist. Und bei der Verletzung von Bougro in Langenthal seien keine Rettungssanitäter vor Ort gewesen. Im EVZ wird ein- bis zweimal pro Saison den Ernstfall geprobt. Betreuer, Ärzte und Sanitäter spielen den Ablauf einer Bergung auf dem Eis durch. (ars)