«Das Publikum mag Heldengeschichten» – EVZ-Trainer Dan Tangnes zum jungen Goalie Hollenstein

Ein grosses Zug gewinnt auswärts gegen ein starkes Langnau 3:2. Ein Schritt in der Entwicklung zu einer Meistermannschaft. Mit seinen Leistungen sorgte auch der junge Goalie Luca Hollenstein für Aufsehen. 

Klaus Zaugg
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Ach, so viel Stoff für Polemik ist selten. Ja, es ist eine Geschichte, die zum Drehbuch für eine Hollywood-Hockey-Seifenoper taugt. Der wichtigste, am meisten beschriebene und analysierte Liga-Transfer war der Wechsel von Leonardo Genoni von Bern nach Zug. Endlich ein Meister-Torhüter für die Zuger. Sie haben ihn mit einem Fünfjahresvertrag zum reichsten Schweizer Goalie ohne NHL-Meriten gemacht.

Aber es funktioniert nicht. Nur der Respekt vor den grandiosen Erfolgen der Vergangenheit, den Titeln mit Davos und Bern und dem WM-Finale von 2018 hält selbst die vorwitzigsten Chronisten davon ab, Leonardo Genoni als «Lottergoalie» zu bezeichnen. Es war wahrlich eine Respektlosigkeit sondergleichen. Aber nach einem 4:5 gegen Davos und einer Fangquote von 82,14 Prozent wird guter Rat teuer.

Und dann passiert ein Wunder. Wegen einer Blessur – es zwickt offenbar in den Leisten - muss Leonardo Genoni (32) seinen Platz dem Junioren Luca Hollenstein (19) überlassen. Wann er zurückkehren wird, ist noch offen. Vielleicht in einer Woche, vielleicht auch noch nicht. Mit Luca Hollenstein gewinnen die Zuger in Biel, gegen die ZSC Lions – und nun auch auswärts in Langnau.

Luca Hollenstein: Der junge Goalie überzeugt derzeit beim EV Zug. (Bild: Claudio Thoma/freshfocus)

Luca Hollenstein: Der junge Goalie überzeugt derzeit beim EV Zug. (Bild: Claudio Thoma/freshfocus)

Oder ein bisschen polemischer: in den drei letzten Partien erreichte Leonardo Genoni Fangquoten von 85,71 Prozent (0:4 gegen Gottéron), 86,21 Prozent (5:4 n.P. in Bern) und 82,14 Prozent (4:5 gegen Davos). Luca Hollensteins Statistik: 96,55 Prozent (2:1 in Biel), 97,44 Prozent (3:1 gegen die ZSC Lions) und 92,86 Prozent (3:2 in Langnau).

Genoni ist die Nummer 1

Die Frage geht natürlich an Zugs Trainer Dan Tangnes. Würden Sie es wagen, Luca Hollenstein zur Nummer 1 zu machen und Leonardo Genoni auch dann, wenn wer wieder fit ist, auf die Bank zu setzen? Der kluge Norweger fällt auf solche billigen Provokationen nicht herein. Er sagt: «Natürlich könnte ich das tun.» Um dann die Sache ein wenig differenzierter darzulegen. «Wir haben einen Plan, wie wir unsere Goalies einsetzen. Daran hat sich nichts geändert. Wir wollten Luca rund zehn Spiele geben. Nun wird er wohl öfters spielen müssen.» Und er stellt auch gleich klar, dass sich nichts daran geändert habe, dass für ihn Leonardo Genoni die Nummer 1 sei.

Genoni ist derzeit verletzt, aber weiterhin die Nummer 1 von Trainer Dan Tangnes. (Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Genoni ist derzeit verletzt, aber weiterhin die Nummer 1 von Trainer Dan Tangnes. (Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Es sei auch nicht so, dass Luca Hollenstein in Biel wegen ungenügender Leistung von Leonardo Genoni zum Zuge gekommen sei. «Das sieht natürlich nach aussen so aus.» Aber Zugs Trainer sagt, selbst wenn Leonardo Genoni gegen Davos «zu Null» gespielt hätte, wäre in Biel Luca Hollenstein eingesetzt worden. «Das war schon lange so abgemacht.»

Aber ist es nicht so, dass die ganze Mannschaft ein anderes, besseres Defensivverhalten zeigt, wenn Luca Hollenstein im Tor steht? «Das sieht tatsächlich so aus. Aber es gibt einen anderen Grund: nach dem Spiel gegen Davos haben wir in der Kabine offen miteinander gesprochen und da ist allen klar geworden, dass wir etwas ändern müssen.»

Arbeitssieg im Emmental 

In der Tat haben wir in Langnau ein anderes Zug gesehen: nicht ein spektakuläres, dynamisches, unwiderstehliches. Ja, nach dem intensiven Spitzenspiel gegen die ZSC Lions am Vorabend wirkten die Zuger ein wenig ein «stumpf». Mit den überlegenen spielerischen Mitteln wäre es nicht möglich gewesen, ein starkes, sehr gut organisiertes und leidenschaftliches Langnau zu besiegen. Es waren die Qualitäten gefragt, die im nächsten Frühjahr in den Playoffs entscheiden werden: Disziplin, gute Defensivorganisation, Unterordnung ins taktische Konzept, Wille, Vertrauen in die eigenen Stärken, kühler Verstand und Geduld auch dann, wenn das Spiel nicht so läuft wie gewünscht und geplant. Zug feiert nach einem 0:1 und 1:2-Rückstand einen «Arbeitssieg».

Ein Sieg im Werktags-Überkleid. Nicht im spielerischen Glitzermantel. Heinz Ehlers SCL Tigers in Langnau hinten vom Eis zu arbeiten – das ist eine grosse Leistung.

EVZ-Trainer Dan Tangnes siegte mit seiner Mannschaft im Emmental. (Bild: KEYSTONE/Marcel Bieri)

EVZ-Trainer Dan Tangnes siegte mit seiner Mannschaft im Emmental. (Bild: KEYSTONE/Marcel Bieri)

Und natürlich war Luca Hollenstein der Vater des Sieges. Dieser junge Goalie spielt mit der Ruhe eines Routiniers, hat den Puck immer im Auge, erahnt die Spielzüge, braucht deshalb keine Spektakelparaden zu machen und kontrolliert die Abpraller. «Er ist neben dem Eis so wie er spielt: ruhig und bodenständig» lobt Dan Tangnes. Es dürfte ihm ganz tief in seiner Hockeyseele nicht ganz wohl sein, dass sein junger Torhüter das grosse Medienthema ist. Grosse, moderne Trainer wie er reden lieber vom Kollektiv, von der Mannschaft als Ganzes und mögen es nicht, wenn ein Sieg auf einen Hauptdarsteller reduziert wird. Aber er kennt die Gesetzmässigkeiten des Geschäftes: «Das Publikum mag Heldengeschichten. Wir liefern eine…» Wo er recht hat, da hat er recht.