Jesse Zgraggen – der lässige Abräumer

Jesse Zgraggen ist in Ambri zur Teamstütze gereift, gerne hätten sie ihn in der Leventina behalten. Doch in Zug sieht er das richtige Umfeld, um seine Entwicklung voranzutreiben.

Sven Aregger
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Ein Stück Heimat am Urnersee für Jesse Zgraggen. Bild: Roger Grütter (Flüelen, 8. August 2018)

Ein Stück Heimat am Urnersee für Jesse Zgraggen. Bild: Roger Grütter (Flüelen, 8. August 2018)

Ein Mittwoch im August, Jesse Zgraggen sitzt im Bistro an der Schiffstation in Flüelen, sein Blick schweift über den Urnersee. Er trägt ein weisses T-Shirt und eine Pilotenbrille, auf dem rechten Oberarm prangt ein Eulen-Tattoo. Das Baseballcap hat er sich verkehrt herum auf den Kopf gesetzt, es ist so etwas wie sein Markenzeichen. Im Gesicht zeugen zwei neue Narben von einem Unfall im Sommertraining in Kanada. Er war nach einem Check in die Bande geknallt, die Wunden mussten genäht werden. «Halb so wild», sagt er und lacht.

Zgraggen verströmt an diesem Nachmittag am See nordamerikanische Lässigkeit. Wobei das mit Nordamerika so eine Sache ist. Denn der 25-jährige Verteidiger ist schweizerisch-kanadischer Doppelbürger, seine Eltern wanderten vor seiner Geburt vom Kanton Uri nach Kanada aus, wo sie eine Ranch bewirtschafteten. Er wuchs mehrheitlich in der Provinz Alberta auf, aber kurz nach seiner Geburt und dem Unfalltod des Vaters kehrte er mit Mutter Rita und Bruder Michael für einige Jahre zurück in die Schweiz – nach Flüelen. Hier leben noch heute Jesse Zgraggens Grosseltern, er besucht sie regelmässig. Vom Ufer des Urnersees aus kann man das Haus sehen. Flüelen liegt ziemlich genau in der Mitte von Zgraggens altem und seinem neuen Arbeitgeber. Auf diese Saison hat er vom HC Ambri-Piotta mit einem Dreijahres­vertrag zum EV Zug gewechselt. Er sagt: «Ich habe in Ambri viel gelernt, dafür bin ich dem Klub dankbar. Aber jetzt ist es Zeit für den nächsten Schritt.»

Donatoren-Club war Zgraggens Türöffner in Ambri

Dass Zgraggen vor vier Jahren bei Ambri in der National League Fuss fassen konnte, hat er auch dem Donatoren-Club HCAP zu verdanken. Der Deutschschweizer Unterstützungsverein hat Ambri auf Zgraggen aufmerksam gemacht und dem damals 21-Jährigen sozusagen die Tür geöffnet. Die Donatoren fädelten den Transfer des Verteidigers aus der kanadischen Western Hockey League aber nicht nur ein, sie boten auch finanziell Hand. Sie trugen die Kosten für Auto, Wohnung und Versicherung und übernahmen einen Teil des Lohnes. Dafür sammelten sie Spendengelder. Das Engagement der Donatoren war nicht ganz uneigennützig, Zgraggens Verpflichtung sollte die Identifikation der vielen Urner Ambri-Fans mit dem Leventiner Hockeyklub stärken. «Wir waren stolz darauf, dass nach vielen Jahren endlich wieder ein Akteur mit Urner Wurzeln in Ambri spielte», sagt Michael Gisler, Präsident des Donatoren-Clubs.

Nach Anlaufschwierigkeiten in den ersten beiden Saisons entwickelte sich der 93 Kilo schwere und 188 Zentimeter grosse Zgraggen zu einem verlässlichen Abräumer. In der vergangenen Saison reifte er neben seinem Abwehrpartner Nick Plastino endgültig zur Teamstütze, Trainer Luca Cereda schenkte ihm grosses Vertrauen: In der Platzierungsrunde und im Playout-Final gegen Kloten erhielt Zgraggen die meiste Eiszeit aller Leventiner. Ambri legte ihm ein gutes Angebot zur Vertragsverlängerung vor, doch er entschied sich für den Wechsel nach Zug. Das kam bei den Fans nicht nur gut an, zumal die beiden Klubs eine Rivalität verbindet. Gisler versteht aber den Entscheid, «schliesslich ist es seine Karriere. Und ich traue Jesse zu, dass er sich in Zug etablieren kann.» Der Donatoren-Präsident sagt aber auch, dass es Zgraggen womöglich gutgetan hätte, noch einmal in Ambri zu verlängern und sich weiter zu festigen, um dann mit 27 oder 28 im besten Hockey-Alter zu einem finanzstarken Klub zu wechseln. «Jetzt muss er sich neu beweisen, er muss am Ball bleiben.»

Das ist sich Jesse Zgraggen durchaus bewusst. «In dieser Liga gibt es keine schlechten Spieler. Man muss dem Coach immer wieder zeigen, was man kann, sonst geht es schnell abwärts.» Sein grosses Plus ist die Zweikampfstärke, die Robustheit, die Aufopferungsbereitschaft. Er stellt sich in den Dienst der Mannschaft, wirft sich in Schüsse und nimmt Checks in Kauf, damit andere glänzen können.

Sportliche Perspektiven als Lockmittel

Ausschlaggebend für den Wechsel seien primär die sportlichen Perspektiven gewesen. Das Geld habe nicht die wichtigste Rolle gespielt, so Zgraggen. Er schwärmt vom Talent in der Mannschaft, von den Ressourcen mit den Spezialtrainern und der modernen Infrastruktur. Er sieht es als das richtige Umfeld, um seine Entwicklung voranzutreiben. Gelegen kommt ihm natürlich auch, dass Zug nicht allzu weit entfernt ist von Flüelen und von Altdorf, wo sein Grossvater mütterlicherseits lebt. «An einem freien Nachmittag kann ich schnell mal hierherkommen», sagt er und schaut auf den Urnersee. Es ist ein Stück Heimat für ihn.

Dieser Artikel erscheint am Mittwoch, 19. September, in unserem Magazin «Bully» zum Saisonstart des EV Zug. Das Magazin liegt der «Zuger Zeitung» bei und kann zudem am LZ Corner an der Maihofstrasse 76 in Luzern sowie bei unseren Redaktionen in Zug, Stans, Sarnen und Altdorf gratis bezogen werden. Abonnenten können das «Bully» per E-Mail bestellen: redaktion@luzernerzeitung.ch. Das Magazin wird auf unserer Website auch als PDF-Datei abrufbar sein.