DER ZEITZEUGE: Die Nasen der Fans drückten durch das Netz

Colin Muller (53) bestritt von 1986 bis 1999 550 Partien für den EVZ (211 Tore/196 Assists). Von 2003 bis 2008 war er Co-Trainer in Zug. Colin Muller erinnert sich gerne an «eine der schönsten Zeiten» seines Lebens.

Aufgezeichnet von: Raphael Biermayr
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Colin Muller erinnert sich gerne an «eine der schönsten Zeiten» seines Lebens. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone (Zürich, 8. Oktober 2010))

Colin Muller erinnert sich gerne an «eine der schönsten Zeiten» seines Lebens. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone (Zürich, 8. Oktober 2010))

Meinem Bruder Blair und mir gefiel Zug immer, wenn wir mit Basel in der NLB dort spielten. Als uns Trainer Andy Murray wegen eines Wechsels anfragte, sagten wir sofort zu. In der ersten Saison 1986/87 stiegen wir gleich in die NLA auf. Das letzte Spiel gegen den ZSC war unglaublich! Es waren bestimmt 9000 oder 10000 Zuschauer im Hertistadion, die Stimmung war schon zweieinhalb Stunden vor dem Spiel elektrisiert. Zwei Freunde von mir standen hinter dem Tor, wo es damals noch kein Plexiglas hatte, sondern ein Netz. Ihre Nasen drückten durch das Netz – so eng standen die Fans.

Generell muss ich sagen, dass die Stimmung in der alten Halle die beste war, die ich jemals erlebt habe. Die Leute froren zwar am ganzen Körper, doch sie feierten trotzdem. Es war auch deshalb schade, dass wir 1998 den Meistertitel nicht zu Hause geholt haben. Aber der Empfang der Fans nach unserer Rückkehr aus Davos war grossartig. Die ganze Woche nach dem Meistertitel war eine Party – Misko Antisin, Billy McDougall und alle anderen bildeten auch in diesem Zusammenhang eine Riesentruppe. Nachdem es zuvor immer aufwärts gegangen war, spürte ich, dass wir den Titel holen würden. Wir hätten auch drei- oder viermal Meister werden können. Aber wir hatten Pech. Ausserdem gab es mit Kloten und Bern andere gute Teams, gegen die wir ja auch im Final verloren.

Unser Zusammenhalt neben dem Eis war sehr stark, donnerstags waren wir oft mit dem ganzen Team im Ausgang bis in die Morgenstunden. Jeder Trainer wusste, dass die Freitagstrainings nicht die besten waren. Aber am Samstag waren wir bereit zu kämpfen und alles zu geben. Die Bindung zwischen den Spielern war ein Grund für den Erfolg. Auch die Beziehung zu den Fans war damals sehr eng. Wir waren oft mit ihnen unterwegs, ein paar Biere trinken.

In zwölf von dreizehn Jahren in Zug spielte ich eigentlich nur in zwei Linien: anfangs mit Red Laurence und John Fritsche, später mit Ken Yaremchuck und Misko Antisin. Dabei stand ich häufig im Schatten der anderen Spieler, weil ich über keinen besonderen Skill verfügte, sondern ein Arbeiter war. Trotzdem gehöre ich zu den besten Skorern der Vereinsgeschichte, habe über 500 Spiele für den EVZ gemacht, bin in die NLA aufgestiegen und habe den Meistertitel gewonnen – das kann niemand sonst von sich behaupten. 13 Jahre lang habe ich alles für den Verein gegeben und bin ihm treu ge­blieben, auch wenn ich anderswo mehr hätte verdienen können.

Im Team war ich kein Lautsprecher, dafür waren andere zuständig, Chad Silver zum Beispiel, oder Misko Antisin. Misko war auch ohne Zweifel der grösste Womanizer – diesen Augen konnte einfach keine widerstehen ... Wir hatten in meiner letzten Zeit im EVZ unglaublich viel Charakter in der Mannschaft. Chad, Bill McDougall, Andreas Fischer, Stefan Grogg – es waren so viele Riesentypen. Nach jedem Spiel standen ein paar Kisten Bier in der Garderobe, und wir diskutierten ein, zwei Stunden lang. Das waren die schönsten Momente meiner Spielerkarriere. Wenn man jahrelang zusammen ist, geht man sich manchmal auf die Nerven – dann schlägt man sich auch mal im Training. Dabei fällt mir ein: In einem Spiel gegen Ambri prügelte ich mich sogar mit meinem Bruder Blair. Nach dem Spiel haben wir bei einem Bier darüber gelacht.

Fredy Egli hat vermutlich den grössten Anteil an den Erfolgen des Vereins. Er forderte viel von uns und konnte unglaublich ausrufen! Dazu passt die folgende Story: Wir spielten in Zürich und merkten erst dort, dass Wes Walz seine Schlittschuhe auf dem Parkplatz in Zug vergessen hatte. Jemand musste zurückfahren, um sie zu holen, Wes kam deshalb erst später ins Spiel und wir verloren – Fredy stauchte uns in der Garderobe fürchterlich zusammen! Er war ein Mann mit grossem Feuer, der etwas bewegen wollte – der perfekte Präsident für den EVZ damals.

Meine beste Saison hatte ich 1989/90. Mein grösstes Spiel machte ich aber gegen Zürich in der ersten Saison nach dem Aufstieg in die Nationalliga A. Meine Eltern waren extra aus Kanada angereist und sahen mich erstmals live in der Schweiz spielen. Und wie ich spielte: In den ersten 35 Minuten schoss ich fünf Tore!

Ich habe immer noch alle Zeitungsausschnitte und Videos, die mein Nachbar in Baar über die ganzen Jahre beim EVZ für mich gesammelt und zusammengestellt hat. Sie erinnern mich an eine der schönsten Zeiten meines Lebens.

Aufgezeichnet von: Raphael Biermayr