EISHOCKEY: Der Meister hat Zug nicht viel voraus

Nur der EV Zug konnte in dem am Samstag zu Ende gegangenen Playoff den Meister aus Davos wirklich herausfordern. Doch was fehlt dem EVZ zum zweiten Titelgewinn nach 1998? Eine Analyse.

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Die Brüder Dino (links) und Marc Wieser feiern im Hallenstadion mit dem zerbrochenen Imitat des Meisterpokals den Triumph der Davoser in der Finalserie gegen die ZSC Lions. (Bild: EQ / Dominik Baur)

Die Brüder Dino (links) und Marc Wieser feiern im Hallenstadion mit dem zerbrochenen Imitat des Meisterpokals den Triumph der Davoser in der Finalserie gegen die ZSC Lions. (Bild: EQ / Dominik Baur)

Klaus Zaugg

Die HCD-Renaissance zwingt die Eishockey-Manager dazu, den Kompass neu auszurichten. Nicht mehr in Richtung Zürich und Bern. Sondern in Richtung Davos. Der ewige Trendsetter Arno Del Curto hat das Eishockey nicht neu erfunden. Er hat nur aufgezeigt, worauf es ankommt: Eishockey als emotionales, dynamisches Lauf- und Tempospiel, befreit aus der taktischen Zwangsjacke des letzten Jahrhunderts, abgesichert durch einen grossen Torhüter.

Hinterher im Wissen, wie es herausgekommen ist, lesen sich die Analysen und Würdigungen als letzte Wahrheit. Als ob diese Meisterschaft nur so und nicht anders enden konnte. Aber ist das so? Nein, so ist es eben nicht. Und deshalb sollten die Eishockey-Manager den Kompass neu nicht nur Richtung Davos ausrichten. Sondern auch Richtung Zug.

So gut wie der Meistergoalie

Keine andere Mannschaft hat den HC Davos in der abgelaufenen Saison so stark gefordert wie der EV Zug. Die Zuger haben drei von vier Partien in der Qualifikation gewonnen. In den Playoffs haben nur die Zuger den HCD zweimal besiegt beide Male in Davos. Und sie verloren das sechste Viertelfinalspiel erst, als Torhüter-Titan Tobias Stephan das Eis blessiert verlassen musste. Als er ging, führten die Zuger in Davos noch 2:1 – und verloren dann erst 3:4.

Vor einem Jahr hatten die Zuger die Playoffs noch verpasst. Jetzt scheiterten sie im Viertelfinal am späteren Meister. Aber sie sind im Frühjahr 2015 dem zweiten Titel seit 1998 näher, als es das frühe Scheitern in der ersten Runde vermuten liesse. Und sie haben alles, um nächste Saison die gefährlichsten Herausforderer des Meisters zu werden.

Torhüter Tobias Stephan kann auf Augenhöhe mit Leonardo Genoni spielen. Daniel Sondell ist einer der meistunterschätzten Spieler der Liga, wahrscheinlich der beste Verteidiger in der NLA. Der alternde Josh Holden bringt die Prise des Bösen ins Spiel, Reto Suri ist ein charismatischer Leitwolf und Lino Martschini der spektakulärste und torgefährlichste Stürmer mit Schweizer Pass. Mit Jarkko Immonen haben die Zuger Finnlands Antwort auf den Reto von Arx der besten Jahre verpflichtet. Der Transfer, der das entscheidende Teilchen zu einem Meisterpuzzle werden kann. Der EV Zug hat all das auch, was der neue Meister hat. Wir sagen: Siehe da die Zuger haben im Laufe dieser Saison ja auch meisterliches Eishockey gespielt, sie waren in der Spielanlage dem neuen Meister ähnlicher als jedes andere Team, und sie sind schliesslich ganz knapp am späteren Meister gescheitert. Knapper als die Titanen SC Bern und ZSC Lions.

Der emotionale Salzstreuer

Die Nordamerikaner bringen den Ist-Zustand auf dem Hockeyplaneten Zug mit einem Satz auf den Punkt: «All the tools but no toolbox.» Was wörtlich übersetzt heisst: Alle Werkzeuge, aber keine Werkzeugkiste. Will heissen: Alles ist da. Aber jetzt geht es noch darum, alles in die Kiste zu verpacken. Alles auf eine Reihe zu bringen.

Diese Aufgabe obliegt dem Cheftrainer. Mit ein bisschen Sinn für Polemik können wir sagen: Es liegt nun an Harold Kreis, ein Meisterteam zu formen. Auf den ersten Blick hat der neutrale Chronist Bedenken. Der wilde, leidenschaftliche Arno Del Curto verkörpert einen ganz anderen Trainertypen als der ruhige Harold Kreis. Der Kampf um die Meisterschaft zwischen Arno Del Curto und Harold Kreis ist fast so wie die Jagd nach dem meisterlichen Schatz zwischen Indiana Jones und dem Chefbeamten des Bundesamtes für Archäologie.

Aber solcher Spott ist bösartig und wird der Sache nicht gerecht. Auch Harold Kreis verfügt über das Herrschaftswissen des Meistermachens. Guy Boucher in Bern und Patrick Fischer in Lugano haben es beispielsweise nicht. Der Deutsch-Kanadier ist der letzte Meistertrainer des HC Lugano (2006), und er hat auch mit den ZSC Lions den Titel errungen (2008). Er weiss also sehr wohl, wie man in der Schweiz eine Meisterschaft gewinnt. Es wäre allerdings hilfreich, wenn er sein Wesen und Wirken mit noch ein bisschen mehr Emotionen würzen würde. So gesehen muss für den nächsten Meistertitel beim EVZ der emotionale Salzstreuer nur noch im Kreis herumgereicht werden.