EISHOCKEY: Die Chronologie des Versagens

Nach menschlichem Ermessen wird der EV Zug das Playoff erstmals seit 2003 verpassen. Das hat seine Gründe. Eine Rekapitulation.

Nicola Berger
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Sie alle sind mitschuldig, dass der EVZ das Playoff verpassen wird: der frühere Erfolgstrainer Doug Shedden (oben), Unruhestifter Josh Holden (links), Sportchef Jakub Horak (Mitte) und Fehleinkauf Brian Boucher. (Bild: Keystone (3)/Roger Grütter (1))

Sie alle sind mitschuldig, dass der EVZ das Playoff verpassen wird: der frühere Erfolgstrainer Doug Shedden (oben), Unruhestifter Josh Holden (links), Sportchef Jakub Horak (Mitte) und Fehleinkauf Brian Boucher. (Bild: Keystone (3)/Roger Grütter (1))

Im EV Zug ist im letzten Kalenderjahr ja so wahnsinnig viel falsch gemacht worden, dass man mühelos eine Sonderbeilage füllen könnte. Und doch ist das Team einigermassen konkurrenzfähig geblieben und hat drei Runden vor Schluss zumindest mathematisch noch eine Chance auf das Playoff. Das zeigt: Das Potenzial wäre vorhanden, es wurde in der laufenden (und glücklicherweise bald endenden) Spielzeit einfach viel zu selten abgerufen. Und so kommt es, dass der EVZ die Qualifikation mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im zehnten Rang beenden wird. Das ist die schlechteste NLA-Klassierung in der Klubhistorie; einzig 2003 schnitten die Zuger identisch schwach ab.

Die indiskutable Kampagne übertüncht, dass sich der Verein in vielen Bereichen in die richtige Richtung bewegt: Im Sommer startet die Nachwuchsakademie, und auf dem Transfermarkt hat sich der EVZ mit Tobias Stephan, Robin Grossmann und Dario Bürgler im Hinblick auf die kommende Saison drei Nationalspieler geangelt.

Es gibt also Licht am Horizont, doch im Sport zählt nun nur das Hier und Jetzt, nicht was gestern war oder morgen sein könnte. Und die Momentaufnahme sieht aus Zuger Optik schon sehr düster aus: Die nicht budgetierten Mehrausgaben für zusätzliche Transfers haben mehr als eine halbe Million Franken gekostet, die Zuschauerzahlen sind massiv rückläufig, die Stimmung rund um den Klub ist gereizt.

Der ungemütliche Ist-Zustand ist die Konsequenz einer Anreihung von Fehlern und Fehleinschätzungen. Eine Auflistung:

29. März 2012: Der frühere Verteidiger Jakub Horak (39) wird als Sportchef verpflichtet, weil Patrick Lengwiler zum CEO aufsteigt. Horak tritt in einige Fettnäpfchen (die Verhandlungen mit den Lockout-Spielern Brunner und Diaz, zum Beispiel), und gleichzeitig halten sich Gerüchte, dass es mit seiner Machtfülle im Klub nicht weit her ist.

2. April 2013: Das seit 2006 im EVZ ausgebildete Goalietalent Sandro Zurkirchen (24) wechselt zu Ambri, weil ihm in Zug die Perspektiven fehlten. Heute ist der Schwyzer einer der Väter des Ambri-Höhenflugs – und statistisch der drittbeste Torhüter der Liga.

26. April: Servette-Boss Chris McSorley spricht ein Machtwort: Der vom EVZ Ende Dezember 2012 unter Vertrag genommene Nationaltorhüter Tobias Stephan (30) kann erst 2014 wechseln. In Zug hatten sie bis zuletzt gehofft, den Transfer um ein Jahr vorziehen zu können. Mit der Absage aus Genf ist klar: Wie seit 2009 immer wird der Zuger Keeper auch 2013/14 das Ausländerkontingent belasten.

3. Mai: Manager Horak versucht, mit Jussi Markkanen (38) zu verlängern. Die langjährige Nummer 1 hatte gerade ein formidables Playoff gespielt und wäre gewillt gewesen, ein weiteres Jahr in Zug anzuhängen. Diese Bereitschaft verflüchtigt sich rasch, als Horak den ungeschickten Vorschlag platziert, den Lohn gleich zu halbieren. Markkanen sagt verärgert ab und wechselt in die Heimat zu SaiPa. Dort kommt er auf eine Abwehrquote von 92,3 Prozent.

17. Mai: Der EVZ zaubert überraschend Rob Schremp (28) aus dem Hut. In Nordamerika scheiterte der Center überall, und zuletzt hatte er sich in der mediokren österreichischen Ebel-Liga verdingt. Trainer Doug Shedden (52) sagt: «Ich glaube nicht, dass wir einen Besseren finden.» Eine Fehleinschätzung – erfahrungsgemäss sind ab Ende Juli etliche Transfertrouvaillen aus Übersee erhältlich. Drei Spiele vor Schluss hat Schremp eine realistische Chance auf den Zuger Topskorertitel, was viel über die Qualität dieser Offensive aussagt. Das Rendement seines Vorgängers Linus Omark erreichte Schremp nie.

3. Juli: Der EVZ verpflichtet Tim Ramholt (29) mit einem Dreijahresvertrag aus Davos. Die Begeisterung ist gross, in Zug glauben sie, den seit dem Abgang von Rafael Diaz in die NHL schmerzlich vermissten Nummer-1-Verteidiger engagiert zu haben. Die Hoffnung entpuppt sich als Illusion: Nach zwei starken Monaten zu Saisonbeginn taucht Ramholt völlig ab.

13. Juli: Ein schwarzer Tag für den Klub: Die Transfers von Andrew Hutchinson (33) und Brian Boucher (36) sickern durch. Verteidiger Hutchinson ist noch schwächer und fehleranfälliger als sein ja wirklich nicht guter Vorgänger Andrew Wozniewski. Zu Boucher später mehr.

11. September: Der EVZ verpflichtet Sheddens langjährigen Wunschspieler Kyle Wellwood (30) für vorerst einen Monat. Nach neun Spielen und nur drei Skorerpunkten reist die ehemalige NHL-Kraft wegen «Motivationsproblemen» ab – und beendet sogleich die Karriere.

24. September: Nach einem 1:3 in Rapperswil kommt es zum Knall: Boucher wird durch Eero Kilpeläinen (28) ersetzt. Die Rochade wirft kein gutes Licht auf Horak und Shedden, die sich beim Engagement von Boucher massive Versäumnisse geleistet haben. Der Wechsel wird mit Bouchers Stil und mangelnder Fitness begründet. Ersteres hätten die Verantwortlichen aber schon sehr viel früher realisieren müssen – und den Amerikaner nie verpflichten dürfen. Die Fehleinschätzung kostet mindestens 250 000 Franken. Der sportliche Gegenwert tendiert gegen null, Kilpeläinen verkörpert unteren Ligadurchschnitt.

5. Oktober: Ein 5:3-Sieg in Lugano wird vom Check Josh Holdens (36) gegen den Kopf von Julien Vauclair überschattet. Der Kanadier wird für acht Spiele gesperrt, es ist bereits das siebte Mal, dass ein Vergehen des Centers in der Schweiz disziplinarische Konsequenzen nach sich zieht.

31. Oktober: Noch bevor Holden seine letzte Spielsperre abgesessen hat, verlängert der EVZ seinen Vertrag bis 2016, was im Umfeld nicht wenige für das falsche Signal zu einem unmöglichen Zeitpunkt halten.

3. November: Horak versteigt sich zur Analyse, dass die «Ausländer nicht den Unterschied ausmachen müssen». Exakt so spielen Holden, Schremp, Hutchinson und Kilpeläinen auch.

6. November: Der Druck auf das bis 2015 gebundene Coachduo Shedden/Immonen wird grösser. Auch weil eine Entlassung sündhaft teuer wäre, leitet der EVZ weitere Trainerstützungsmassnahmen ein: Von Rapperswil kommt der dort nicht mehr erwünschte Robbie Earl (28). Der US-Stürmer startet mit 6 Toren und 8 Assists aus den ersten 11 Spielen furios, ehe auch er in der allgemeinen Mittelmässigkeit versinkt (17 Spiele, 4 Tore/5 Assists).

7. Dezember: Der EVZ verliert in der Bossard-Arena gegen Aufsteiger Lausanne mit 1:4. Der Tiefpunkt ist erreicht.

9. Dezember: Josh Holden geht in unserer Zeitung auf seine Teamkollegen los. Der Kanadier sagt: «Es gibt Spieler, für die ist der EVZ kein Thema mehr, sobald sie die Halle verlassen, das Training beendet ist. Sie verdienen gut und finden die Situation zwar nicht angenehm, aber auch nicht dramatisch. Schliesslich kassieren sie ihren Lohn ja trotzdem. Jeder sagt, er gebe alles. Aber bei manchen ist das nur Fassade.» Intern kommt das nicht gut an, Holdens Ansehen ist bei Teilen des Teams seither angeschlagen. Dass er die Kritik eine Woche später im Boulevard erneuerte, verbessert sein Standing auch nicht. Die Frage ist, was Holden zu diesem Schritt bewogen hat. Wollte er Shedden stützen, mit dem er privat eng verbunden ist?

15. Januar 2014: Michael Tobler (28) wird von Olten ausgeliehen, nachdem sich Kilpeläinen an der Ferse verletzte. Mit der Verpflichtung des ehemaligen EVZ-Juniors endet die lange Suche Horaks nach einem Schweizer Torhüter, die bisweilen konfus anmutete.

28. Januar: Shedden bestätigt, mit dem SCB-Verteidiger Travis Roche (35) über ein mögliches Engagement für die kommende Saison gesprochen zu haben, wird intern aber zurückgepfiffen. Ein erstes Indiz dafür, dass es für ihn und Horak nach dieser Saison nicht weitergeht? Der Frühling am Zugersee kündigt sich jedenfalls stürmisch an.

Hinweis

Mehr zum EV Zug auf Seite 34.