EISHOCKEY: Ein Begnadeter in Hochform

Wahrscheinlich spielt Robin Grossmann (29) so stark wie noch nie, seit er vor gut zwei Jahren beim EV Zug angeheuert hat. Weil der Verteidiger den Leichtsinn aus seinem Spiel vertrieb.

Andreas Ineichen
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Über seine Qualitäten kann es keine zwei Meinungen geben: Robin Grossmann (vorne) im Spiel gegen Lausanne. (Bild: Keystone)

Über seine Qualitäten kann es keine zwei Meinungen geben: Robin Grossmann (vorne) im Spiel gegen Lausanne. (Bild: Keystone)

Andreas Ineichen

 

andreas.ineichen@luzernerzeitung.ch

Steht Robin Grossmann auf dem Eis, ist das gut für das sportliche Wohl des EV Zug. Was tönen mag wie ein flapsiger Spruch, lässt sich statistisch belegen: Kein anderer EVZ-Spieler war in der laufenden Saison so oft auf dem Eis wie er, wenn bei gleichem Spielerbestand ein Tor für den Dritten der NLA fiel. 32 Tore durfte Grossmann mit seinen Teamkollegen schon bejubeln. Hingegen musste er nur 15-mal – und damit befindet er sich teamintern im breiten Mittelfeld – das Eis mit dem unerfreulichen Gefühl verlassen, einen Gegentreffer kassiert zu haben.

Aus diesem Vergleich ergibt sich in der Sportart, die statistisch wohl so detailliert erfasst wird wie kaum eine zweite, der wichtigste Wert: die Plus-Minus-Bilanz. Grossmann hält bei plus 17. Damit teilt er sich im EVZ Platz 1 mit dem am Spengler-Cup engagierten Kanadier David McIn­tyre. Ist Grossmann in seiner dritten Saison für Zug also so wertvoll wie noch nie? Er überlegt und sagt: «Manchmal springt man von der Bank auch rein ins Spielgeschehen, wenn gleich ein Tor für uns fällt. Schon in den letzten beiden Qualifikationen mit Zug stand ich am Ende bei plus 11 res­pektive plus 13. Und ich hatte im ersten Jahr mehr Punkte als jetzt. Nun stehe ich wohl auch deshalb bei plus 17, weil wir wenig Tore kassieren und oft gewinnen.»

Grossmann stand sich selber im Weg

Während sich der Nationalspieler schwer damit tut, den Wert seiner Leistungen konkret zu veranschlagen, ist für seinen Chef Harold Kreis klar: «Robin spielt im Moment sehr stark und stabil, weil er fast jeden Zweikampf gewinnt. Er agiert nun mehr und steuert damit den Gegenspieler. So gerät er in seinem Spiel kaum mehr unter Druck.» Über das, was Robin Grossmann kann, kann es keine zwei Meinungen geben. Der Offensivverteidiger ist ein Begnadeter, sein weiter und präziser Pass auf Carl Klingberg, der daraufhin das zweite Tor zum jüngsten 3:0-Sieg gegen die SCL Tigers schoss, war schon fast das Eintrittsgeld wert. Er hat die Hände, das Auge, die Spielintelligenz und das Tempo, um die Liga dominieren zu können. Aber so weit ist es noch nicht gekommen, weil er sich mit seinem Leichtsinn und einer daraus resultierenden hohen Fehlerquote bislang selber im Weg stand. Grossmann, zweifacher Schweizer Meister mit Davos, weiss selber: «Es macht einen guten Verteidiger aus, dass er kaum Fehler macht. Weil ich talentierter bin als andere, war ich vielleicht nicht immer zu hundert Prozent bei der Sache.» Mit einem Schmunzeln erinnert sich der Aargauer noch genau daran, wie er zu Beginn seiner Karriere sogar noch Flip-Pässe quer durchs eigene Drittel gespielt habe. Klar, dass seinem damaligen Trainer vor lauter Schreck das eine oder andere graue Haar wuchs.

Seine überwiegend guten und stabilen Leistungen in der laufenden Saison, an der Seite von Routinier Timo Helbling, nähren aber die Hoffnung, dass der Reifeprozess bei Grossmann in die Gänge gekommen ist. Schliesslich befindet er sich mit 29 im besten Alter für einen Verteidiger. Er sagt: «Mit der Zeit lernt man, sorgsamer zu spielen und weniger Fehler zu machen.» Sein Vertrag mit dem EV Zug läuft am Ende der nächsten Saison aus.

Grossmann ist Leistungsträger in einer Mannschaft, die am wenigsten Gegentore in der ganzen Liga zulässt, die das beste Unterzahlspiel hat, die kompakt und aufsässig agiert und fast immer einen Weg zum Erfolg findet, weil alle vier Linien den Unterschied ausmachen können. Sieben Siege hat der EVZ aneinandergereiht vor dem ersten Spiel 2017 morgen zu Hause gegen Genève-Servette (15.45 Uhr). Zwei Tage später duellieren sich die beiden Teams in Genf um den Einzug in den Cup-Final. «Wir müssen unser Überzahlspiel verbessern und unser Spiel wieder über 60 Minuten durchziehen. Zuletzt sind wir jeweils nicht gut in die Partie gekommen», sagt Grossmann und lässt damit erahnen, dass die Genügsamkeit auch in guten Zeiten keinen Zutritt zur EVZ-Garderobe erhalten soll.

«Jetzt fühlt sich jeder wichtig»

Dass die Zuger auf einer Welle des Erfolgs surfen, ist das Produkt harter Arbeit. Trainer Harold Kreis ist es gelungen, der Mannschaft ein System zu verpassen, das ihren Fähigkeiten entspricht. Und jeder Spieler füllt dabei eine Rolle aus, in der er Wertschätzung erfährt. Grossmann sagt: «Die Verantwortung ist besser verteilt als in den beiden Saisons davor. Früher waren praktisch nur die ersten beiden Linien für die Torproduktion zuständig. Jetzt sind es alle vier. Alle Spieler sind eingebunden, jeder Einzelne fühlt sich wichtig. Genau so erlebte ich das Team damals auch in Davos, als wir Erfolg gehabt hatten.»

Natürlich hat der eine oder andere EVZ-Spieler schon mal einen Gedanken daran verschwendet, wie es sich wohl anfühlte, wenn sie dem Verein zum 50-Jahr-Jubiläum (siehe Box) den zweiten Meistertitel nach 1998 schenken könnten. Aber der Weg ist erst recht für ein Team, das 2014 die Playoffs verpasste und in den folgenden Jahren jeweils in den Viertelfinals scheiterte, noch sehr weit und das Wettkampfglück, auch in Bezug auf möglichst wenige Verletzte, ein nicht zu unterschätzender Faktor. «Mit Bestimmtheit wollen wir den nächsten Schritt machen und in die Halbfinals einziehen. Alles Weitere werden wir dann sehen», hält Grossmann mit Blick aufs neue Jahr fest.

Gelingt das, wird es Robin Grossmann bestimmt leichter fallen, die laufende als seine bisher beste Saison mit dem EV Zug zu bezeichnen.