EISHOCKEY: EV Zug will ihn als Botschafter

«Hoher» Besuch beim EV Zug: Teemu Selänne, der finnische NHL-Star, zeigt sich von der Nachwuchsarbeit beeindruckt. Und er nimmt sich viel Zeit für die Fans.

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Jarkko Immonen und Teemu Selänne. (Bild: Christian Herbert Hildebrand)

Jarkko Immonen und Teemu Selänne. (Bild: Christian Herbert Hildebrand)

René Barmettler

Gestern über Mittag fanden sich gegen 100 Zuschauer in der 10 Grad kühlen Trainingshalle neben der Bossard-Arena in Zug ein. Nicht etwa bloss des Trainings des EV Zug wegen. Der Hauptgrund war die Anwesenheit eines ganz speziellen Gastes. Teemu Selänne, der vor einem Jahr seine grossartige NHL-Karriere beendet hatte (siehe Box ganz rechts), stand auf dem Eis und nahm einen Augenschein, wie sich die Zuger NLA-Profis bei ihren intensiven Trainingsübungen schlugen.

Dann plötzlich bewegten sich sämtliche Schaulustige von den Stehrampen in Richtung Ecke neben den Spielerbänken. Der Finne hatte dort auf einem bereitgestellten Stuhl Platz genommen und begann, Autogramm- und Fotowünsche zu erfüllen. In die lange Schlange stellte sich auch der in Zug wohnhafte Stefan Kuster (37). Dieser ist seit vielen Jahren grosser Fan der NHL und verfolgte auch die lange Karriere Selännes. «Ich bewundere ihn, wie er sich in Amerika solch einen Namen machen konnte. Er ist hinter Jagr nicht nur bester rechter europäischer Flügelstürmer. Auch seine Konstanz während diesen 21 Jahren war aussergewöhnlich.» Was in Zug auch gut ankommt: «Wie er sich für jeden Fan Zeit nimmt. Selänne ist ein Star und trotzdem ein ganz normaler Mensch geblieben.»

Selänne ist ein Freund Immonens

Erst nach mehr als einer halben Stunde waren sämtliche Fan-Anliegen zu aller Zufriedenheit erledigt. Und Selänne hatte während dieser Zeit immer ein Lächeln im Gesicht, nahm sich auch für Small Talk viel Zeit. Das beeindruckte auch einen EVZ-Junior: «Wenn so viele Leute wegen eines Spielers anstehen, dann hat er es wirklich geschafft.» Reto Kläy, Sportchef des EV Zug, sieht das Engagement Selännes als gute Lektion: «Manchmal sieht man einigen der unsrigen Spieler an, wie sie mit mässiger Begeisterung Fan-Wünsche erfüllen. Sie haben nun bei Selänne miterlebt: Für diesen Star ist es überhaupt kein Müssen.»

Später baten Kläy und Selänne zur Pressekonferenz im «Legends Club». Hintergrund dieses «hohen» Besuchs ist nämlich die Absicht, den Weltstar als Botschafter für die Nachwuchs-Academy zu gewinnen. Die Kontakte geknüpft hat Waltteri Immonen, der EVZ-Assistenztrainer. Dieser ist ein Jugendfreund Selännes, sie wuchsen zusammen in Finnland auf, verloren in all den Jahren nie den Kontakt zueinander: «Es gibt in Finnland einige Eishockey-Stars. Aber Selänne ist mit Abstand der grösste.» Der typische Finne ist eher ruhig und zurückhaltend. Nicht so Selänne: Das sonnige Kalifornien hat wohl sein Gemüt geprägt. Der Schalk ist in sein Gesicht geschrieben. Immonen sagt: «Er ist fast für jeden Spass zu haben.»

Die Liebe zum Spiel im hohen Alter

Selänne gab nun bereitwillig Auskunft über seine aussergewöhnliche Karriere. «Diese war möglich dank harter Arbeit, viel Leidenschaft und dem Glaube an die eigenen Fähigkeiten.» Je älter Selänne wurde, desto mehr liebte er dieses Spiel. «Ich war immer noch hungrig, in der Paradelinie und im Überzahlspiel zu spielen.» Mit der finnischen Nationalmannschaft gewann er zwar kein Olympia-Gold. Zu diesem reichte es 2006 in Turin knapp nicht. Weltmeister wurde er ebenfalls nie. Finnland holte sich bisher zweimal Gold (1995 und 2011). Selänne war beide Male nicht Teil des Teams.

Irgendwann, es war im letzten Frühjahr, hatte er dann genug: «Ich geniesse es nun, morgens aufzuwachen und noch keine Pläne zu haben. Ich nehme mir zwei Jahre Zeit, um herauszufinden, was ich künftig tun möchte.»

Er sieht sich im Nachwuchsbereich

Das Trainerbusiness sei nichts für ihn. Schliesslich müsse ein Trainer täglich wie ein Spieler verrückt auf Eishockey sein, und so sehe er sich nicht. «Ich sehe mich eher in Hockeyschulen und als Ausbildner beim Teambuilding.» Sportchef Kläy möchte ihn deshalb ins EVZ-Boot holen. «Teemu zeigte sich sehr interessiert an dem, was wir hier machen. Wir wollen von ihm profitieren. Die Spieler sollen wissen, was es braucht, um auf diesem Niveau zu spielen.» Tipps hätte Selänne mehr als genügend. Die Entwicklung der NHL in den letzten 20 Jahren durfte er schliesslich aus nächster Nähe miterleben. «Damals, als ich nach Winnipeg kam, war ich der Einzige, der austrainiert zur Saisonvorbereitung erschien. Einige Stars erschienen mit bis zu zehn Kilogramm Übergewicht.» So etwas sei heutzutage kein Thema mehr. «Die körperliche Schinderei im Sommer ist absolut notwendig. Ohne diese ist der Rückstand kaum mehr aufzuholen.»

Schinden muss sich Selänne nun nicht mehr: Nach seinem Besuch beim EVZ durfte er den heissen Sommernachmittag geniessen.