EISHOCKEY: EVZ-CEO Lengwiler: «Meistertitel ist nur eine Frage der Zeit»

Am Freitag startet der EV Zug mit einem Auswärtsspiel in Davos in die neue Saison. CEO Patrick Lengwiler spricht vorher über die Nachwuchsstrategie des EV Zug, die neu entfachte Euphorie und den Neid der Konkurrenz.

Sven Aregger
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EVZ-Stratege: Patrick Lengwiler. (Bild: Christian H. Hildebrand (Zug, 10. August 2017))

EVZ-Stratege: Patrick Lengwiler. (Bild: Christian H. Hildebrand (Zug, 10. August 2017))

Interview: Sven Aregger

sven.aregger@luzernerzeitung.ch

Patrick Lengwiler, Sie haben die B-Matura mit Latein absolviert und greifen auch mal zu einem politischen Buch. So stellt man sich nicht unbedingt den CEO einer Hockeyorganisation vor. Was entspricht denn dem Klischee eines typischen Eishockey-CEO?

Er hat vor allem die Zahlen und die Spielerstatistiken im Kopf. Pflichtlektüre ist nhl.com. Zahlen sind sicher wichtig. Nötig sind auch betriebswirtschaftliches Wissen und Identifikation mit dem Unternehmen. Ausserdem habe ich dank meiner jahrelangen Tätigkeit als EVZ-Sportchef eine grosse Affinität zum Eishockey, die nicht alle Geschäftsführer in der National League mitbringen. Aber klar: Mein Werdegang ist speziell. Ich habe beim EV Zug eine Art Tellerwäscherkarriere gemacht und mein Know-how von der Pike auf erlernt.

Wie ist das passiert?

Nach der Matura hatte ich genug von der Schule, ich wollte auf eigenen Beinen stehen. In einer Zürcher Bank habe ich mit einem Praktikum im IT-Bereich begonnen. Gleichzeitig startete ich als ehrenamtlicher Trainer im EVZ-Nachwuchs und erhielt sehr rasch ein Angebot für eine Festanstellung. Ich habe immer mehr Verantwortung übernommen. Nach der turbulenten Phase Anfang des neuen Jahrtausends, als viele Angestellten den Klub verlassen mussten, war ich plötzlich der Ansprechpartner für die neuen Mitarbeiter. So ergab das eine das andere. 2004 wurde ich Sportchef und habe in dieser Zeit den Bau der Bossard-Arena intensiv begleitet. Damals haben wir gemerkt, dass es eine übergeordnete Funktion braucht, einen CEO, der den Verwaltungsrat und den Präsidenten operativ entlastet.

Seit fünf Jahren sind Sie nun Geschäftsführer. Ihre Bilanz?

Wir haben eine riesige Entwicklung hinter uns. Mein Ziel war es immer, die Organisation breit aufzustellen, also die Einnahmen vom Spielbetrieb unabhängiger zu machen. Im Spitzensport lässt sich ja nicht alles steuern. Wichtig war es daher, mehr Erträge zu generieren, die nichts mit dem Spitzensport zu tun haben – zum Beispiel durch die Gastronomie. Das haben wir geschafft. Der EVZ ist heute ein Unternehmen mit 120 Angestellten und einem Umsatz von knapp 30 Millionen Franken.

Eishockey-Beilage «Bully»

Am Mittwoch erscheint unser Eishockey-Magazin «Bully» als Beilage der Zuger Zeitung. Das Magazin kann am LZ Corner an der Pilatusstrasse in Luzern sowie bei unseren Redaktionen in Zug, Stans, Sarnen und Altdorf gratis bezogen werden. Abonnenten können das «Bully» auch per E-Mail bestellen: redaktion@luzernerzeitung.ch. Das Magazin wird ab Mittwoch auch online verfügbar sein.

Ein Unternehmen, das auch sportlich erfolgreich ist. Im Frühling stand der EVZ erstmals seit 19 Jahren wieder im Playoff-Final, der allerdings gegen Bern verloren ging. Was überwiegt im Nachhinein: die Freude über den Finaleinzug oder die Enttäuschung über die Niederlage?

Mit etwas Abstand kann ich sagen, dass die Freude klar überwiegt. Der Druck war riesig, weil wir in den Vorsaisons einmal die Playoffs verpasst hatten und zweimal in den Viertelfinals ziemlich sang- und klanglos gescheitert waren. Deshalb war die Finalteilnahme eine grosse Genugtuung. Der grösste Lohn ist aber die gewaltige Euphorie, die der Finaleinzug ausgelöst hat.

Eine solche Euphorie hat man in Zug selten gesehen.

Stimmt, die Zuger sind eher ein reserviertes Publikum. Aber wenn das Feuer einmal entfacht ist, dann wird die Bossard-Arena zu einer richtigen Festhütte. Als wir nach einem 0:2-Rückstand in der Finalserie zum 2:2 ausgleichen konnten, feierten das unsere Fans wie einen Meistertitel. Das ist das Schöne am Sport: Er löst Emotionen aus.

Man kann die Euphorie auch so interpretieren: Klub und Fans haben genug von der Dominanz der finanzstarken Ligagrössen aus Bern, Zürich und Lugano. Ist der erste Meistertitel seit 1998 nur eine Frage der Zeit?

Davon bin ich überzeugt. Die Frage ist nicht, ob wir Meister werden, sondern wann. Die Rahmenbedingungen stimmen. Wir haben in den vergangenen Jahren hart hinter den Kulissen gearbeitet und sind insbesondere im Nachwuchsbereich mittlerweile sehr gut aufgestellt. Seit 1999 gewannen nur Bern, die ZSC Lions, Davos und Lugano den Titel. Das wollen wir ändern.

Der EVZ dürfte nun noch interessanter für potenzielle Sponsoren geworden sein.

Klar, wenn man erfolgreich ist, werden einem manchmal die Türen eingerannt. Aber es kommen auch wieder schlechtere Zeiten. Zudem ist unser Sponsoringpotenzial begrenzt. Wir setzen auf langfristige Partnerschaften. Glücklicherweise dürfen wir seit vielen Jahren auf sehr treue Sponsoren zählen.

Durch den Finaleinzug fand der EVZ schweizweit Beachtung. Wie wird er wahrgenommen?

In der Schweizer Hockeylandschaft sind wir heute ein sehr angesehener Klub, weil wir erfolgreich wirtschaften und gut organisiert sind. Die Konkurrenz blickt gar etwas neidisch auf unsere Nachwuchsabteilung. Diesen Neid muss man sich erst verdienen. Normalerweise liegt der Fokus auf den grossen Klubs in Bern und Zürich. Jetzt standen auch wir im Rampenlicht. Und unsere Fans haben Grösse in der Niederlage gezeigt, weil sie auch nach dem verlorenen Final ihr Team feierten. Das brachte Zug viele Sympathien ein.

Stichwort Nachwuchs: Mit der 2014 gegründeten Hockey Academy wollen Sie den EVZ zum besten Ausbildungsverein in der Schweiz machen. Wie weit ist dieser Prozess?

Wir sind mittendrin. In den vergangenen drei Jahren haben wir viel in die Ausbildung investiert und 2016 auch das NLB-Team EVZ Academy gegründet. Das muss nun dazu führen, dass wir Talente in der ersten Mannschaft einbauen. Das Kader soll in einigen Jahren in der Breite aus eigenen jungen Spielern bestehen und damit günstiger werden, sodass wir weiterhin auch Spitzenspieler verpflichten können.

Die Talente Livio Stadler, Tobias Geisser und Tobias Fohrler stehen nun fix im Kader.

Zum Saisonende haben wir uns von vier etablierten Schweizer Spielern getrennt und nur einen verpflichtet. Damit schaffen wir Platz für Junge, die auf dem Sprung in die National League sind. Diesen Weg wollen wir weitergehen, sonst würden die Investitionen in die Academy keinen Sinn machen. Wir werden aber erst in etwa fünf Jahren sehen, ob diese Strategie erfolgreich gewesen ist.

Dient Ihnen eine Organisation als Vorbild?

Der ZSC war ein Vorbild mit dem Farmteam GCK Lions. Und in Schweden gibt es einige Klubs, die in der Ausbildung sehr gut arbeiten. Frölunda Göteborg etwa stand vor dem Bankrott und entschied sich, konsequent auf die Ausbildung zu setzen. Seither spielt Frölunda Göteborg jedes Jahr um den Titel mit. Wir handelten aber nicht aus der Not heraus, sondern aus Überzeugung. Wir können nicht mit den grossen Klubs mithalten, dazu fehlen uns die Zuschauerkapazitäten und das Mäzenatentum. Wir mussten den Weg für Zug finden – und den haben wir mit der Strategie als Ausbildungsklub definiert.

Auch der EVZ hat mit Präsident Hans-Peter Strebel einen finanzstarken Mann an seiner Seite.

Richtig, er hat den Start der Academy finanziert und uns ermöglicht, das Farmteam zu lancieren. Er investiert aber nicht in den Spitzensport. Das ist seine Überzeugung, die ich voll und ganz teile. Ich möchte nicht in einem Unternehmen arbeiten, in dem es bei Bedarf Geld regnet. Denn so wäre meine Aufgabe nicht mehr wichtig. Es wäre egal, wie ich wirtschafte und die Leute führe.

Zug ist eine Hockeystadt. In Luzern regiert dagegen der Fussball. Wie intensiv verfolgen Sie eigentlich den FCL?

Nicht so intensiv. Meine Leidenschaft gilt dem Hockey. Aber natürlich schaue ich immer über den Tellerrand und beobachte, was die Fussballklubs gut machen und was wir von ihnen lernen können.

Hinweis

Der 38-jährige Patrick Lengwiler ist in Arth aufgewachsen und ist seit 2012 CEO des EV Zug. Er ist verheiratet und Vater zweier Mädchen.