EISHOCKEY: Harold Kreis: Gentleman und Leader

Heute nimmt der neue Trainer Harold Kreis offiziell seine Arbeit im EV Zug auf. Wer ist der joviale Deutschkanadier? Ein Annäherungsversuch.

Nicola Berger
Drucken
Teilen
Harold Kreis, hier als Trainer der Adler Mannheim im Januar 2012, gilt als gewiefter Redner, der sich aber immer an den Knigge hält. (Bild: Getty/Dennis Grombkowski)

Harold Kreis, hier als Trainer der Adler Mannheim im Januar 2012, gilt als gewiefter Redner, der sich aber immer an den Knigge hält. (Bild: Getty/Dennis Grombkowski)

Ganz egal, mit wem man sich über Harold Kreis (55) unterhält: Das «G-Wort» fällt früher oder später immer. Stellvertretend sagt Marcus Kuhl, der ehemalige Manager der Adler Mannheim: «Harold Kreis ist ein echter Gentleman.» Kuhl muss es wissen, er war in Mannheim bereits als Spieler ein Weggefährte des neuen EVZ-Coachs. Er sagt: «Er ist als Trainer genauso wie einst als Mannschaftscaptain: Er geht als Leader voran.»

Ein Leader und ein Gentleman also, das ist eine ebenso seltene wie verführerische Mischung. Nur, wie äussert sich das? Wofür steht Kreis ein? Hilft er alten Damen über die Strasse? Vielleicht auch.

Gegenentwurf zu Doug Shedden

Im EV Zug steht das Engagement des Eishockeylehrers (Vertrag bis 2016) in erster Linie für einen radikalen Stilbruch. Sein lauter Vorgänger Doug Shedden (wurde vorgestern 53) hat den lange biederen, weil typenarmen Verein in seiner sechsjährigen Amtszeit in eine launige Unterhaltungsfabrik verwandelt. Shedden stand für Hollywood, verbales Gaudi. Aber der im März entlassene Trainer war auch ein Polterer, einer, der sich nicht davor scheute, die Seinen medial an den Pranger zu stellen.

Harold Kreis lässt sich in vielen Bereichen wie ein Gegenentwurf zu Shedden skizzieren – die Kommunikation ist einer davon. Kreis kann sich glänzend verkaufen, er ist ein gewiefter Redner, aber es würde ihm nicht im Traum einfallen, öffentliche Manöverkritik zu betreiben. Das ist nicht sein Stil. Klar, als Gentleman muss man sich an den Knigge halten.

Spieler schätzen das. Es ist möglich, dass in Zug unter Kreis Kräfte aufblühen, die mit der ruppigen Art Sheddens nicht den Rank gefunden hatten. Mathias Seger, die Verteidigerlegende im ZSC, sagt: «Kreis hat ein hervorragendes Gespür für das Team und die Spieler. Er weiss genau, wie er mit jedem Einzelnen umgehen muss.» In Zürich hat das derart goldig funktioniert, dass die Lions unter Kreis 2008 die Meisterschaft holten. Für den Coach war es der zweite Titel innert dreier Jahre: 2006 hatte er schon Lugano ins Paradies geführt.

Der Triumph mit Zürich war so nicht absehbar gewesen – es dauerte, bis sich der Erfolg einstellte. Lange musste der ZSC um den Playoff-Einzug bangen. Die Resultate waren derart unbefriedigend, dass der Verein den auslaufenden Vertrag nicht vorzeitig verlängern wollte. CEO Peter Zahner wurde medial als grosser Gegenspieler von Kreis inszeniert, doch die Reibungen mündeten im Titel. Heute sagt Zahner: «Kreis arbeitet sehr zielstrebig und fokussiert. Zug hat eine sehr gute Wahl getroffen.»

Schmerzhafter Abgang in Mannheim

Man findet viele Beobachter, die für Kreis warme Worte übrighaben. Der Deutsche ist beliebt – vielleicht auch darum, weil er sich selbst nie überhöht. Nach seinem Einfluss auf den ZSC-Titel gefragt, antwortete er einst: «Gute Spieler machen gute Trainer.» In Deutschland, so sieht es aus, war das Spielermaterial zuletzt weniger vortrefflich. Sowohl in Düsseldorf (2010) wie auch in Mannheim (2013) wurde er entlassen. Besonders der letztgenannte Rausschmiss schmerzte ihn. Schliesslich hatte Kreis die Adler wie kein Zweiter geprägt – erst als Spieler und bis zum letzten Silvester als Trainer.

Was wurde ihm in der SAP-Arena zum Verhängnis? Ein Gespräch mit Christian Rotter bietet Aufschluss. Rotter ist Journalist beim «Mannheimer Morgen». Er sagt: «Die Mission von Kreis in Mannheim ist gescheitert.»

Das kam so: Der ehrgeizige Klubboss Daniel Hopp (Sohn des Milliardärs und Hoffenheim-Besitzers Dietmar Hopp) schrieb Kreis für die Saison 2013/14 ins Pflichtenheft, die Adler hätten ab sofort nicht nur erfolgreich, sondern auch attraktiv zu spielen. Jetzt muss man wissen, dass Kreis als Spieler ein überragender Verteidiger war. Als Trainer zehrt er, wen überrascht das, in erster Linie von diesem Erfahrungsschatz – auch wenn er das Trainer-Einmaleins einst in Davos als Assistenztrainer von Arno del Curto erlernte. Auf dem Eis ist Kreis tendenziell kein Freund von Abenteuern, er mag das einfache, strukturierte Spiel. Als sie ihn in Mannheim zu offensivem Spektakel verdonnern wollten, war das der Anfang vom Ende. Der Coach musste Anpassungen vornehmen, die ihm nicht behagten. Die Entwicklung mündete an Silvester in der einzig logischen Konsequenz: der Entlassung.

Kreis präferiert die Absicherung

Was bedeutet das für die Erfolgsaussichten von Kreis im EVZ? Zumal CEO Patrick Lengwiler während der Trainersuche immer wieder betonte, wie wichtig es sei, dass in der Bossard-Arena attraktives Eishockey geboten werde.

Vermutlich nicht viel. Der EVZ hat gerade seine schlechteste Saison seit mehr als einem Jahrzehnt hinter sich, ästhetische Ansprüche dürften im Herbst erst einmal sekundärer Natur sein. Vorgänger Shedden hatte den EVZ ja mit Vorliebe im riskanten 1-3-1-System formiert, Kreis dagegen präferiert die Absicherung im 1-2-2-System. Wird es Momente geben, in kalten Novembertagen vielleicht, in denen man der verlorenen Leichtigkeit der offensiven Flugjahre aus unbeschwerten Tagen der Ära Shedden nachtrauern wird? Möglich. Aber wen interessiert das, wenn sich der Erfolg einstellt?

Die neue Ausrichtung ist für den EVZ jedenfalls auch eine Chance. Denn was eignet sich besser, um eine von einer ganzen Schiffsladung an Niederlagen mental angeschlagene Mannschaft wieder aufzurichten, als ein simples System und ein schnörkelloses Spiel?

Vielleicht ein Mann als Anführer, der gleichzeitig Gentleman und Leader ist.