EISHOCKEY: Harold Kreis will mit dem EV Zug hoch hinaus

Harold Kreis (58) steigt mit dem EV Zug in die vierte Saison. Er gilt im Schweizer Hockey als Gentleman-Coach, der stets die Ruhe bewahrt. Dabei ist sein Lehrmeister ein ganz anderer Typ.

Sven Aregger
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Will mit dem EV Zug wieder hoch hinaus: Trainer Harold Kreis. (Bild: Pius Amrein (Sattel-Hochstuckli, 22. August 2017))

Will mit dem EV Zug wieder hoch hinaus: Trainer Harold Kreis. (Bild: Pius Amrein (Sattel-Hochstuckli, 22. August 2017))

Sven Aregger

sven.aregger@luzernerzeitung.ch

Für das Fotoshooting steht Harold Kreis auf der Hängebrücke Sattel-Hochstuckli. Bei der Aussicht auf Berge und Wälder gerät er ins Schwärmen: «Ich arbeite in einer Region, wo andere Ferien machen.» Kreis, der im nahen Unterägeri wohnt, verbringt seine Freizeit gerne auf ­Hochstuckli – so auch wenige Tage vor dem Meisterschaftsstart gegen Davos. Hier kann er Abstand nehmen vom Eishockey, den Kopf durchlüften. Frische Bergluft statt muffige Garderoben.

Der 58-jährige Deutsch-Kanadier, der seit 2014 beim EV Zug an der Bande steht, fühlt sich wohl in der Zentralschweiz. Auch wenn er zuerst lernen musste, wie die Menschen hier ticken. «Man muss schon etwas auf die Leute zugehen. Aber wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, sind sie sehr offen und herzlich.»

«Herumschreien bringt nichts»

Seit er den EVZ im Frühling in den Playoff-Final geführt hat, kommt er häufiger mit Passanten in Kontakt. Auch in der Gondel der Hochstuckli-Bahn wird er angesprochen. Ein älterer Wanderer erzählt, wie er früher bei einem Plauschspiel selber mal auf dem Eis gestanden habe. Kreis hört aufmerksam zu, fragt nach, zeigt echtes Interesse. So kennt ihn die Hockeyschweiz: als anständigen Hockeylehrer, als Gentleman, der auch nach bitteren Niederlagen die Fassung bewahrt. Als die Klubführung 2016 nach zwei frühen Playoff-Outs entschied, mit ihm erst nach Saisonende über eine Vertragsverlängerung zu verhandeln, trug Kreis die Doktrin klaglos mit – obschon enormer Druck auf ihm lasten musste.

Dabei könnte gerade sein Lehrmeister vom Typ her unterschiedlicher kaum sein. Ein Jahr lang arbeitete Kreis als Assistent des kultigen Davos-Trainers Arno Del Curto (siehe Box), der für ­seine Emotionen bekannt ist und sein Herz stets auf der Zunge trägt. In der Kabine konnte Kreis beobachten, wie die Spieler auf Del Curtos Ansagen reagierten, was gut ankam und was nicht. «Ich habe gesehen, wie viel Einfluss ein Trainer hat. Allein schon seine Mimik und seine Körperhaltung haben grosse Wirkung auf die Spieler», erzählt Kreis. «Ich war mit Arnos Vorgehen nicht immer einverstanden. Aber niemand kann ihm vorwerfen, dass er nicht 100 Prozent bei der Sache ist. Die Spieler spüren seine Leidenschaft.» Kreis seinerseits versucht, die Profis auf sachlicher Ebene abzuholen. Er ist überzeugt: «Wenn ich ihre Aufmerksamkeit will, muss ich ihren Verstand erreichen. Da bringt es nichts, in der Garderobe herumzuschreien. Das heisst aber nicht, dass ich keine Emotionen habe. Ich kontrolliere sie nur.»

Kontrolle ist ihm auch auf dem Eis wichtig. Der EVZ spielt pragmatisches Hockey, das auf einer soliden Defensive beruht. Man kann das konservativ finden und langweilig, aber der erstmalige Finaleinzug des EVZ seit 1998 spricht für die Arbeitsweise von Kreis, der 2006 mit Lugano und 2008 mit dem ZSC Meister wurde. Und ganz auf Innovationen verzichtet er nicht. «Wir schauen uns von erfolgreichen Mannschaften durchaus etwas ab», betont er. «Aber da geht es um subtile Dinge, die nicht so offensichtlich sind wie ein Forechecking.»

Nach dem bitteren Ausscheiden 2016 gegen Lugano hat ­bei der Zuger Klubleitung ein Um­denken stattgefunden. Leistungskultur wird seither auf allen Ebenen grossgeschrieben. Kreis nennt es «Ownership»: Die Identifikation mit dem Klub hat einen hohen Stellenwert. Die Spieler übernehmen Eigenverantwortung, sie müssen ihre Leistungen kritisch hinterfragen. Gleichzeitig erhalten sie Gestaltungsfreiraum, um ihre Kreativität einzubringen. Für die neue Saison hat Kreis eine Leadergruppe bestimmt, die jeweils am Montag nach einer Spielrunde die Entwicklung der Mannschaft reflektiert.

Mehr ein Europäer als ein Nordamerikaner

Kreis war als Spieler selber ein Leader. 19 Saisons – etliche als Captain – bestritt er für Mannheim. Dort geniesst er Legendenstatus, dort hat er noch immer eine Wohnung. Mit 19 kam er von Kanada nach Deutschland, längst fühlt er sich mehr als Europäer denn als Nordamerikaner. Er kann sich vorstellen, in Mannheim seinen Lebensabend zu verbringen. Doch das ist Zukunftsmusik. Kreis sprüht vor Tatendrang. Er spricht davon, Spanisch zu lernen und einen Selbstverteidigungskurs zu machen.

Doch Priorität hat der EVZ. Nach dem Playoff-Erfolg verlängerte er den Vertrag um zwei ­Jahre. Er steigt in seine vierte Saison mit Zug – und er weiss, dass die Messlatte ab sofort höher liegt. Wahrscheinlich ist, dass er dann und wann seinen Kopf wieder durchlüften muss. Wahrscheinlich ist auch, dass man ihn dann auf Hochstuckli antrifft.

National League

1. Runde. Heute, 19.45: Genève-Servette – Lausanne. – Freitag, 19.45: Davos – Zug, Fribourg-Gottéron – Genève-Servette, Kloten – Biel, SCL Tigers – ZSC Lions, Lugano – Ambri-Piotta.