EISHOCKEY: Johann Morant – Dichtung und Wahrheit

Kolumne zu umstrittenen Spielszenen des ehemaligen NLA-Einzelrichters Heinz Steinmann

Reto Steinmann
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Morant (oben im Tor) gegen Genf. (Bild: Urs Flüeler/Key (2. Januar 2017))

Morant (oben im Tor) gegen Genf. (Bild: Urs Flüeler/Key (2. Januar 2017))

Johann Morant, ausgebildeter Boxer, sorgte am Montag im EV-Zug-Spiel gegen les Grenats vom Lac Léman für Aufsehen. Der Franzose, in der Auseinandersetzung jenseits des reglementarisch Festgelegten durchaus erprobt und dieser auch nicht abgeneigt (aber nie mit Stock oder Ellbogen), checkte in der 17. Minute auf der eigenen blauen Linie den Gegner Noah Rod direkt in die Kabine. Ferner soll er in der 34. Minute nach einer tätlichen Auseinandersetzung mit William Petschenig diesen in die Flanke gebissen haben. Der «Blick» sprach von einem «gemeingefährlichen Kniestich», legte als «Beweis» für den Biss ein Bild vor und machte der Liga-Justiz beliebt, Morant «aus dem Verkehr zu ziehen». Doch der Reihe nach.

Die Visionierung der Bilder des Checks von Morant führt zum Ergebnis, dass eindeutig kein Check gegen das Knie vorliegt. Der EVZ-Verteidiger tat in jener Situation, was er tun musste: «aufstehen» an der blauen Linie, um dem Gegner das Eindringen in die Angriffszone zu verunmöglichen. Dabei wurde Rod nicht vom Knie von Morant getroffen, sondern prallte mit seinem Knie in den Oberschenkel von Morant.

Praxisgemäss, wenn ein Spieler verletzt wird, wurde die Szene von den Schiedsrichtern nach dem Spiel angeschaut und an den Referee in Chief weitergeleitet. Ebenfalls praxisgemäss übermittelte der Schiedsrichter-Chef die Szene dem Player Safety Officer (der «Staatsanwalt»). Hätte der Player Safety Officer einen Check gegen das Knie festgestellt, wäre von ihm die Eröffnung eines Verfahrens beim Einzelrichter beantragt worden. Interessant ist auch, dass gemäss den TV-Bildern das rechte Bein von Rod verletzt zu sein scheint, er aber am linken Bein getroffen worden ist. Der betroffene Klub wurde aktiv in dieser Angelegenheit, blitzte aber kostenpflichtig ab beim Player Safety Officer. Wenig erstaunlich ist letztendlich, dass Rod gestern im Cup für Servette spielte.

Ähnlich verhält es sich im «Fall Morant» mit der angeblichen Beissattacke. Wäre sie auf dem Eis festgestellt und geahndet worden, hätte Morant mit einer Matchstrafe belegt werden müssen (Regel 118 IIHF; 2014 neu ins Regelbuch aufgenommen), mit der Folge der Sperre für mindestens ein Spiel und damit einhergehend der automatischen Eröffnung eines Verfahrens. Genève-Servette wurde nicht aktiv bei der Liga, sondern zog es vor, den angeblichen Biss via «Blick» coram publico auszubreiten.

Die Liga wurde hier ebenfalls nicht aktiv, weil sich entsprechende Beweise, Morant habe tatsächlich zugebissen, nicht erbringen liessen. Im Gegenteil: Eine ärztliche Analyse des im «Blick» abgedruckten Bildes – welcher Körperteil von welchem Spieler betroffen ist, vermag das Bild nicht zu zeigen – offenbart, dass die Verletzung nur von einem Biss stammen könnte, wenn der Spieler einen Zahnschutz getragen hat. Johann Morant trägt keinen Zahnschutz. Dem vehement gegen diesen Vorwurf sich zur Wehr setzenden Franzosen wird von gegnerischer Seite, sekundiert vom Dufour-Boulevard-Revier, eine einfache Körperverletzung zur Last gelegt – ein happiger Vorwurf, strafrechtlich als Ehrverletzung zu bezeichnen. Dagegen könnte er sich seinerseits wehren durch juristische Schritte gegen den oder die Urheber.

In der jüngeren Geschichte des Schweizer Eishockeys bekannt ist ein einziger Fall einer Beissattacke. Im Spiel EHC Biel - SC Bern vom 22. Dezember 2012 biss der Bieler Verteidiger Clarence Kparghai den SCB-Forward John Tavares ebenfalls nach einem Infight in die Rippengegend. Der Beschuldigte bestritt den ihm gegenüber erhobenen Vorwurf. Aufgrund der beim Zuger Kantonsarzt in Auftrag gegebenen Analyse liess sich in jenem Fall der Nachweis erbringen, dass die Wunde von einem Biss stammte. Kparghai wurde mit 900 Franken gebüsst. Eine Sperre war nach der damals gültigen Version der IIHF-Spielregeln noch nicht möglich.

Reto Steinmann

sport@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Reto Steinmann war von 2004 bis Ende letzter Saison Einzelrichter für Swiss Ice Hockey und praktiziert als Rechtsanwalt und Notar in Zug.