EISHOCKEY: Josh Holden – der Unbelehrbare

EVZ-Stürmer Josh Holden steht nach seinem Foul in Lugano die nächste Sperre bevor. Entscheidend ist, wie der Kanadier auf die abermalige Disziplinierung reagiert.

Nicola Berger
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Josh Holden (rechts) führt die Zweikämpfe wie gewohnt intensiv: so auch hier am Samstag gegen Luganos Lukas Balmelli. (Bild: Keystone/Karl Mathis)

Josh Holden (rechts) führt die Zweikämpfe wie gewohnt intensiv: so auch hier am Samstag gegen Luganos Lukas Balmelli. (Bild: Keystone/Karl Mathis)

Es ist nicht lange her, da titelte diese Zeitung: «Josh Holden, der Alleskönner». Am 28. September war das, als der Kanadier sich beim 2:1-Sieg über Lausanne zur überragenden Figur aufgeschwungen hatte. Knapp zehn Tage sind seither vergangen, aber geändert hat sich eine ganze Menge. Die kurze Periode illustriert, wie schnell sich die Begebenheiten im Profisport verschieben können.

Nach dem Erfolg gegen Lausanne schien der EVZ nach einer atemlosen Startphase mit einer hastigen Personalrochade auf der Goalie-Position langsam wieder zur Ruhe zu finden. Und Holden hatte daran grossen Anteil. Er wirkte fitter denn je, schien auf dem Eis allgegenwärtig. Holden, so sah es aus, war der Schlüssel zur Lösung der Zuger Probleme.

2011 sieht er sich in der Opferrolle

Und jetzt ist er selber das Problem. Einzelrichter-Stellvertreter Oliver Krüger eröffnete gestern ein ordentliches Verfahren wegen Holdens Check gegen den Kopf von Julien Vauclair (34) beim samstäglichen 5:3-Sieg der Zuger in Lugano. Man kann davon ausgehen, dass Holden seinem Team mindestens vier Partien fehlen wird. Aber das ­ ist nicht das Problem. Der EVZ hat mehrfach bewiesen, dass er seinen auffälligsten Einzelspieler zumindest temporär durchaus ersetzen kann.

Vor echten Schwierigkeiten steht Zug erst dann, wenn Holden auf die sich abzeichnende Sperre gleich reagiert, wie er das 2011 tat. Damals hatte der Kanadier für ein Brutalo-Foul an Christian Dubé acht Spiele aussetzen müssen – sich danach aber vor allem selber in der Opferrolle gesehen. Er beklagte, nicht mehr zu wissen, wo die Grenze und was erlaubt sei. Er tauchte ab. Auf dem Eis war er kaum wie­derzuerkennen, agierte gehemmt, und daneben wirkte er introvertiert und manchmal fast abwesend. Holden fürchtete um sein Ansehen, sein Standing im Klub und sah plötzlich auch dort Zweifler und Feinde, wo weit und breit keine waren.

Das ist von aussen schwer nachvollziehbar. Schliesslich ist Holden in Zug der Liebling des Publikums – und auch des Trainers. Mit keinem anderen ­Spieler pflegt Doug Shedden (52) ein ähnlich enges Verhältnis. Er überträgt Holden sehr viel Verantwortung und stützt diesen auch in schwächeren Phasen bedingungslos.

Interne Konsequenzen bleiben aus

Holden hat also wenig zu befürchten, selbst jetzt, nach seinem vierten gravierenden Vergehen im EVZ-Dress, wo einem anderen Verein der Gedulds­faden vielleicht gerissen wäre. Die Verlängerung seines im Frühjahr auslaufenden Vertrages ist weiterhin nicht gefährdet – auch wenn Holden seine Verhandlungsposition nicht gerade verbessert hat. Auf die Frage, ob ihm auch intern Konsequenzen blühen, reagiert Shedden irritiert und mit einer Gegenfrage: «Was soll das bringen?»

Und vielleicht hat Shedden damit sogar Recht. Was soll das bringen? Holden wird im Januar 36 Jahre alt, die Chance, dass das Risiko eines erneuten Aussetzers, einer abermaligen Attacke durch eine Geldbusse sinkt, ist, sagen wir, gering. Er bestreitet derzeit seine achte NLA-Spielzeit. In jedem Jahr wurde er mindestens einmal gesperrt – die einzige Ausnahme stellt die Saison 2012/13 dar.

Holden bewegt sich stets am Limit

Holden kann sich da lange als Unschuldslamm präsentieren und böse Absichten in Abrede stellen – sein Vorstrafenregister beweist das Gegenteil.

Tragisch ist das nicht. Holden bewegt sich stets am Limit. Dass er dieses manchmal überschreitet, kann niemanden überraschen. Erst diese Intensität macht Holden effektiv und zu einem der besten Ausländer der Liga. Shedden sagt: «Ich wünschte mir, ich hätte zwanzig Holdens im Team.»

Ein paar Spielsperren pro Jahr kann der EVZ da verkraften – sofern sich die Absenz auf eine Hand voll Partien beschränkt. Nicht erlauben können sich die Zuger dagegen, dass ihr Nummer-1-Center deswegen seine Stärken vergisst und mit angezogener Handbremse spielt. Wie beim Strafmass müssen sie auch in dieser Beziehung hoffen, dass sich die Geschichte von 2011 nicht wiederholt.

Die lange Sündenliste des Kanadiers

5. Oktober 2013: Holden checkt Lugano-Verteidiger Julien Vauclair gegen den Kopf. Die Liga eröffnet ein Verfahren.

9. September 2011: Fribourg-Angreifer Christian Dubé fällt nach einem üblen Ellbogencheck Holdens mit einer Gehirnerschütterung aus. Holden wird für acht Spiele gesperrt, worauf der EVZ den Finnen Esa Pirnes engagiert.

19. November 2010: Holden checkt Rapperswils Lukas Grauwiler gegen den Kopf und wird für drei Spiele gesperrt.

17. Oktober 2009: Für einen zweihändigen Stockschlag an Rapperswil-Angreifer Thierry Paterlini für zwei Begegnungen aus dem Verkehr gezogen.

4. Oktober 2008: Der Center prügelt sich mit Lakers-Verteidiger Sanny Lindström und fehlt dem EVZ danach im Heimspiel gegen Bern.

21. September 2007: Holden, jetzt für die SCL Tigers aktiv, lässt sich gegen Davos kurz vor Schluss zu einer Tätlichkeit gegen HCD-Verteidiger Marc Gianola hinreissen und erhält eine Matchstrafe. Er fehlt eine Partie, der Einzelrichter sieht jedoch von einer härteren Strafe ab.

15. April 2006: In der Liga-Qualifikation gegen Biel rastet der in Fribourg beschäftigte Holden bei einer 1:3-Heimniederlage kurz vor Ende aus und streckt den heutigen «Le Matin»-Journalisten Cyrill Pasche mit einem Stockstich ins Gesicht nieder: drei Spielsperren.

18. März 2006: Im Playout leistet sich Holden einen üblen Cross-Check an Langnau-Stürmer Marko Tuomainen – und wirft seinen Zahnschutz in Richtung von Schiedsrichter Bertolotti: eine Spielsperre.