EISHOCKEY: Liebe auf den zweiten Blick

Emanuel Peter (31) feierte am Samstag in Davos sein Saisondebüt. Der EVZ-Center ist einer der facettenreichsten Profis der Liga.

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Zieht die Lektüre von Büchern der TV-Berieselung vor: EVZ-Spieler Emanuel Peter. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Zieht die Lektüre von Büchern der TV-Berieselung vor: EVZ-Spieler Emanuel Peter. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Ein paar Minuten nach dem Zuger 3:2-Sieg in Davos steht Emanuel Peter am Samstagabend vor der Gästegarderobe der Vaillant-Arena und sagt: «Es fühlt sich gut an, endlich wieder zum Team zu gehören.» Sieben Wochen war der Center zuletzt ausgefallen, nachdem er sich im Training den Schienbeinkopf am linken Bein gebrochen hatte. Peter empfand die Pause als zermürbend, er sagt, die Sehnsucht nach dem NLA-Debüt für den EV Zug sei mit jeder verpassten Partie grösser geworden.

Der Ruf Jursinows

Man kann die Ungeduld des vom EHC Biel verpflichteten Mittelstürmers verstehen, aber andererseits: Was sind schon ein paar zusätzliche Wochen bei einer Wartezeit von 14 Jahren? Denn Peter lag schon einmal eine EVZ-Offerte vor. 2001 war das, unmittelbar nachdem ihm als Junior Uzwils eine vorzügliche U-18-WM gelungen war: Peter hatte massgeblichen Anteil am überraschenden Schweizer Finaleinzug, und seine Ausbeute von drei Toren und einem Assist übertraf jene von späteren NHL-Profis wie Jussi Jokinen oder Daniel Paille. Die Konsequenz: Peter konnte sich den Arbeitgeber frei aussuchen. Davos, Bern, die ZSC Lions und Zug buhlten um ihn – das Rennen machte indes Kloten, dessen Trainer Wladimir Jursinow er als optimalen Förderer sah.

Die Strategie des Trainers

Im letzten Winter erhielt Zug den Zuschlag nun doch noch, es war quasi Liebe auf den zweiten Blick. Der 16-fache Nationalspieler suchte nach neun Jahren in Biel eine neue Herausforderung, und der EVZ erhoffte sich durch seinen Zuzug eine Aufwertung auf der Mittelachse.

Das Warten auf die NLA-Premiere für den EVZ fand so am Samstag ein Ende. Doch hätte sich der Ostschweizer später zu Hause die Höhepunkte seines Debüts im TV ansehen wollen: Es wäre nicht möglich gewesen. Zum einen, weil es die Glanzpunkte schlicht nicht gab. Der Zweiwegcenter kam auf bloss elf Einsätze und eine Eiszeit von 5:07 Minuten. Es war der teamintern niedrigste Wert, der Trainer Harold Kreis setzte ihn weder in Über- noch in Unterzahl ein. Der Coach sagte: «Emanuel ist ein wertvoller Spieler für uns, und er wird in unserem Boxplay eine wichtige Rolle spielen. Aber er muss erst wieder in den Spielrhythmus kommen – und in Davos wollte ich ihn nicht ins kalte Wasser werfen.»

Das ist die eine Begründung, die sportliche. Aber es gibt auch eine rein praktische: Der Familienvater besitzt keinen Fernseher – und das ganz bewusst. Er sagt: «Ich denke, dass immer mehr Menschen auf einen TV verzichten. Es läuft so viel Schrott. Die guten Sachen kann ich mir auch im Internet ansehen.»

Ohnehin zieht Emanuel Peter jedoch die Lektüre von Büchern vor, zu Hause hat er sich eine stattliche Sammlung aufgebaut.

Die Leidenschaft ist ungewöhnlich in einem Profizirkus, bei dem einige hinter Albert Camus nur darum nicht den neuesten Bachelor-Kandidaten vermuten, weil sie diese Sendung mit religiösem Eifer verfolgen. Und weil Peter seit 2010 Literaturwissenschaften und Geschichte studiert, könnte man zum Schluss kommen: Der Gentleman ist für dieses Geschäft zu intelligent.

Ein Querdenker als Bereicherung

Doch die Einschätzung würde ihm nicht gerecht, es wäre unfair, ihn einzig in diese Schublade zu stecken. Vielmehr sind Querdenker wie er eine Bereicherung. Für die Schweizer Eishockeyszene als Ganzes und auch für den EV Zug. Denn es kann nicht schaden,dass es Typen im Kollektiv gibt, deren Gedankengänge nicht an der nächsten Plexiglasscheibe enden.

Nicola Berger