EISHOCKEY: Lino Martschinis kuriose Statistik

Am Samstag beginnen für den EVZ die Playoff-Viertelfinals gegen Genf (19.45 Uhr). Der Zuger Qualifikations-Topskorer Lino Martschini (24) hat nach den missratenen letzten zwei Kampagnen auch eine persönliche Rechnung offen.

Raphael Biermayr
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Auf den ganz grossen Erfolg mit dem EVZ wartet er noch: Lino Martschini. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Zug, 18. Februar 2017))

Auf den ganz grossen Erfolg mit dem EVZ wartet er noch: Lino Martschini. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Zug, 18. Februar 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

An dem Tag, als Lino Martschini auf die Welt kam, gewann der EVZ in der NLA gegen Schlusslicht Chur mit 2:1 und damit zwei weitere Zähler auf dem Weg zum damaligen Qualifikationspunkte­rekord. Am 21. Januar 1993 war das, wenige Wochen später standen die Zuger als Fünfte fest und scheiterten im Viertelfinal klar an Lugano. Es war das fünfte Ausscheiden in der Startrunde in Folge. Dennoch herrschte im Umfeld keine Ungeduld, sondern Freude und gar Stolz, dass der EVZ zu den besten acht Mannschaften im Land gehört.

Heute, 24 Jahre später, ist die Situation eine andere. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ist klar: Ein Ausscheiden in der Viertelfinalserie gegen Genf ist gleichzusetzen mit einer weiteren enttäuschenden Saison. Ungeachtet der lange ansprechenden Qualifikation, die der EVZ als Dritter abschloss. Seit vier Jahren waren die Zuger nicht mehr im Halbfinal. Nach der desaströsen Saison 2013/14 in den Playouts scheiterten sie in den letzten zwei Jahren unter Trainer Harold Kreis jeweils in der Auftaktrunde – ohne dabei gegen Davos und Lugano auch nur ein Heimspiel zu gewinnen.

«Auch wir waren extrem frustriert»

Lino Martschini ist erstmals Topskorer der Mannschaft nach der Regular Season (23 Tore/26 Assists). Teilt er die Ungeduld des Umfelds, das einen Halbfinaleinzug erwartet? «Ich würde es nicht Ungeduld nennen. Ich spüre den unbedingten Willen, endlich wieder eine Serie zu gewinnen», sagt er. Sein Jungengesicht ist dabei ungewohnt ernst, die blauen Augen sind zusammengekniffen. Er kennt die Vorwürfe der Vergangenheit, die Mannschaft wäre für die Playoffs zu weich – körperlich wie mental. «Vielleicht kam das nicht immer so rüber», sagt Martschini darauf angesprochen, «aber wir waren auch extrem frustriert. Es nagt an jedem Sportler, wenn er nicht gewinnt.»

Wie allgemein angenommen, erwartet auch Martschini eine «sehr physische Serie» gegen Servette. Die Zuger hätten in diesem Bereich einen Schritt nach vorn gemacht. Der Schlüssel zum Erfolg liegt aus der Sicht des filigranen Flügelspielers aber nicht im Körper-, sondern im Laufspiel. «Wir müssen den Puck laufen lassen und Tempo machen, das sind unsere Stärken.»

Der 246. Einsatz in Folge steht bevor

Martschinis Stärke ist das Vollstrecken. In den letzten zwei missratenen Playoff-Kampagnen war er – gleichauf mit Pierre-Marc Bouchard – zwar bester Punktesammler im EVZ. Kurios ist, dass der brillante Schütze über beide Serien gesehen in zehn Matches nur ein Tor erzielte und vor allem als Vorlagengeber in die Statistik einging. Das hat ihn beschäftigt: «Die Mannschaft erwartet meinen Beitrag in Form von Goals. Ich hatte gegen Davos und vor allem gegen Lugano genügend Torchancen. Ich war im Abschluss nicht gut genug, das Ausscheiden lag folglich auch an mir», sagt Martschini offen.

Eine Woche Pause liegt zwischen der letzten Qualifikationspartie und dem ersten Playoffmatch. Die Gretchenfrage an den Luzerner Martschini: Wie hatte er es mit der Fasnacht? «Ich wollte eigentlich an den Fritschi-Umzug, habe ihn dann aber am TV geschaut – die Playoffs stehen schliesslich vor der Tür», stellt er klar. Seine letzte Verkleidung sei ein Eskimokostüm vor einigen Jahren gewesen. Heuer wäre ihm ein Duracell-Häschen-Kostüm besser gestanden: Der unermüdliche Martschini bestritt am vergangenen Samstag seine 245. Begegnung in Folge für den EVZ. Er war also seit über vier Jahren, als er dem Verein wegen der U20-WM fehlte, nie verletzt, nie krank, nie gesperrt. «Ich habe – Holz anlangen – einerseits Glück gehabt und mich andererseits mit der Hilfe unserer Coaches auch immer bestmöglich vorbereitet», erklärt er diese für einen Spieler aussergewöhnliche Serie.

Dem zurückhaltenden und grundhöflichen Martschini ist jede Überhöhung seiner Person fremd. Während der Qualifikation ragte er aber regelmässig aus dem Kollektiv heraus. Ihm gelangen während der letzten Monate das 100. Tor und der 200. Punkt seiner Laufbahn für die Zuger. Aktuell belegt er mit total 233 Punkten aus 269 Partien Rang 19 in der Allzeit-Skorerliste des Vereins. Nur noch ein Punkt trennt ihn vom legendären Oskar Huber. Was Lino Martschini mit erst 24 Jahren bereits für den EVZ geleistet hat, ist bemerkenswert. Im Langzeitgedächtnis haften bleiben aber vor allem jene Spieler, die einem erfolgreichen Team angehört haben. Auf seinen bislang grössten Erfolg mit dem Verein angesprochen, nennt Martschini die starken Playoffs 2012/13 mit dem knapp verpassten Finaleinzug. Dann denkt er nach und ergänzt: «Auf den ganz grossen Erfolg warte ich – noch.» Es klingt wie ein Versprechen für die nächsten Tage und Wochen.

Best of 7. Samstag, 4. März. 19.45: Zug – Genève-Servette. Bern – Biel. – 20.15: ZSC Lions – Lugano. Lausanne – Davos.

Dienstag, 7. März. 19.45: Lugano – ZSC Lions. Davos – Lausanne. 20.15: Genève-Servette – Zug. Biel – Bern.

Weitere Daten: Donnerstag, 9. März; Samstag, 11. März; evtl. Dienstag, 14. März; evtl. Donnerstag, 16. März; evtl. Samstag, 18. März.

 

McSorley fehlen 2 Millionen für den Titel

Genève-Servette Ach, wäre Chris McSorley doch Politiker geworden. Er würde die Welt verändern. Der Kanadier sitzt in seinem kargen Trainerbüro im Bauch der bald 60-jährigen Arena. In wenigen Worten erklärt er, warum sein Servette noch nie Meister geworden ist. Und was es braucht, damit sein Servette Meister wird. Seine Botschaft ist einfach verständlich, holzschnittartige wie politische Propaganda. «Mir fehlen 2 Millionen.» Ist es so einfach? «Ja», sagt Chris McSorley. «Seit ich nach Genf gekommen bin, haben vier Klubs die Meisterschaft gewonnen: Lugano, Zürich, Bern und Davos. Diese vier haben mehr Geld und die ausgeglichenere Mannschaft. Sie sind dazu in der Lage, am Ende der Saison verletzungsbedingte Ausfälle zu kompensieren. Wir können das nicht. Am Ende fehlen uns immer ein oder zwei Spieler. Deshalb haben wir zweimal den Final verloren.» 2008 unterlagen die Genfer den ZSC Lions in sechs, 2010 dem SC Bern in sieben Spielen. Und so hat es bisher nur zu zwei Triumphen beim Spengler-Cup gereicht.

Und doch irritiert die Aussage, dass nur 2 Millionen fehlen. Es müsste doch möglich sein, zwei «Kisten» zusätzlich auszugeben. Das sei durchaus so, sagt der Kanadier, der zwar nicht mehr Mitbesitzer ist (er hat seine Anteile an Präsident Hugh Quennec verkauft), aber nach wie vor alle wichtigen Positionen (Manager, Trainer, Sportchef) besetzt. Und kennt die Lösung: eine neue Arena. Deshalb hat der Bau einer neuen Arena höchste Priorität. Aber diese Pläne sind so alt, als seien sie noch von Johannes Calvin (1509 bis 1564) gezeichnet worden. Frage deshalb: Was wird eher sein: Die Rückkehr von Jesus Christus oder die Eröffnung der neuen Hockey-Arena in Genf? Er ist zuversichtlich, dass es das neue Stadion ist.

Chris McSorley ist ein Mann auf einer Mission, stärker noch als Marc Lüthi in Bern. Warum eigentlich? Warum ist er nicht in Lugano der bestbezahlte Trainer ausserhalb der NHL? Warum ist er nicht längst in Lausanne, wo erstmals ein ernsthafter welscher Rivale heranwächst? Der Bruder von NHL-Legende Marty McSorley erzählt: «Die Anschutz-Gruppe ist 2001 in Genf eingestiegen, hat mich als Trainer verpflichtet und die Rückkehr in die NLA ermöglicht. Aber jedes Jahr gab es gut 4 Millionen Verlust. Als sich abzeichnete, dass es nicht möglich ist, ein Stadion zu bauen, zog sich Anschutz zurück. Das Management war fair zu mir. Sie haben mir im September 2005 gesagt: Ende Saison geben wir den Standort Genf auf. Du kannst den Klub übernehmen.» Und was ist dann passiert? «Ich bin nach Haus gegangen und habe meiner Frau gesagt: Ich übernehme Servette. Entweder ist es der dümmste oder der smarteste Entscheid, den ich je in meinem Leben gefällt habe.» Es sei der smarteste Entscheid gewesen.

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch