EISHOCKEY: Meister des kalkulierten Risikos

Im dritten Anlauf will der EV Zug heute (19.45 Uhr, Bossard-Arena) vor heimischem Publikum endlich siegen. Coach Harold Kreis schlägt eine Bus-Tour vor.

Drucken
Teilen
Zug-Trainer Harold Kreis beschwört seine Spieler: 13 Gegentreffer in vier Spielen, das ist zu viel. (Bild: Keystone / Jürg Staiger)

Zug-Trainer Harold Kreis beschwört seine Spieler: 13 Gegentreffer in vier Spielen, das ist zu viel. (Bild: Keystone / Jürg Staiger)

Nicola Berger

Es ist Montagmorgen in der Bossard-Arena, 10.30 Uhr, Harold Kreis (56) lädt zur morgendlichen Übungseinheit. Auf der Gegentribüne haben Fans ein Spruchband befestigt; mit blauer Farbe steht auf weissem Grund geschrieben: «Holet de Chübel!» Das Banner ist ein Überbleibsel vom Vortag, als die Zuger Elite-Junioren auf die GCK Lions trafen, im ersten Spiel des Playoff-Finals (1:6).

Aber natürlich gilt der Imperativ auch für das Fanionteam; in Zug ist man des Wartens nach einer Durststrecke von 16 Jahren ohne Titel überdrüssig.

Die Meisterschaft ist weit weg, das Endspiel ebenfalls, zumindest noch. Denn vorerst gilt es für den EVZ ja erst einmal, den HC Davos auszuschalten. Das Unterfangen gestaltet sich als nicht so einfach, vor allem, weil der EV Zug vor heimischem Anhang noch nicht hat gewinnen können. Zweimal ist es dem EVZ bereits gelungen, eine Heimniederlage mit einem Auswärtssieg in der Vaillant-Arena zu kontern. Der samstägliche 4:3-Erfolg hatte die Konsequenz, dass es in der Serie nun eben nicht 1:3, sondern 2:2 steht. Kreis: «Das war ein wichtiger Erfolg, nach einem Sieg im Playoff fällt das Aufstehen am nächsten Tag immer etwas leichter. Die Sonne scheint ein bisschen heller.»

Die Pointe von Harold Kreis

Zweimal hat der EV Zug den Kopf also bereits aus der Schlinge ziehen können, aber ein drittes Mal wollen sie das Glück nicht herausfordern. Verteidiger Tim Ramholt sagt: «Ich hoffe, dass wir die Serie in sechs Spielen beenden können.»

Ein Heimsieg heute Abend wäre die erste Etappe dazu. Wie blendet man aus, dass sich der Heimvorteil in einen Nachteil verwandelt hat, zumindest bisher? Kreis antwortet pointiert, er sagt: «Vielleicht fahren wir vor dem Spiel einfach eine Stunde Bus.»

Und dann, ernster: «Es ist für Nicht-Profis vielleicht schwierig zu verstehen, aber sobald man das Eis betritt, ist es egal, wo man spielt. Es gibt keinen Heimspiel-Bonus mehr.»

Die Zuversicht von Ramholt

Man fragt sich: Was spricht denn für den EV Zug, wenn sich der Heimvorteil schon verflüchtigt hat? Einer, der eine Antwort liefern kann, ist Tim Ramholt (30). Der Routinier steht in seinem zehnten Playoff; seine Reisen quer über den Hockey-Globus haben ihn in die Prärie des Mittleren Westens der USA geführt, zu den Quad City Flames, und unter anderem auch nach Davos. Zwischen 2009 und 2013 hatte er seine Zelte am Fusse des Zauberbergs aufgeschlagen er ist mit den Kniffen von Davos-Trainer Arno del Curto bestens vertraut. Ramholt sagt: «Unser grösster Pluspunkt ist es, dass wir jetzt unser Playoff-Hockey gefunden haben. Wir wissen, wann wir in welcher Situation wie reagieren müssen. Davos ist mit seinen schnellen Gegenstössen extrem gefährlich: Ein falscher Schritt, und sie haben dich ausgespielt. Man darf gegen den HCD nicht zu viele Risiken eingehen.»

Es sind Worte, wie sie Harold Kreis gerne hört. Kreis ist ja so etwas wie der Meister des kalkulierten Risikos, es ist nicht nach seinem Gusto, dass der EVZ in vier Partien schon 13 Treffer kassiert hat und das, obwohl der Torhüter Tobias Stephan in drei von vier Spielen prächtig gehalten hat. Kreis sagt: «Nein, es gefällt mir nicht. Aber man muss Davos Kredit geben. Sie verfügen über sehr viel Qualität im Kader und bestrafen jede Unaufmerksamkeit.»

Repik erneut überzählig

Für das Zuger Kollektiv gilt es also, die Konzentration hochzuhalten, während mindestens 60 Minuten. Kreis vertraut dabei heute im Vergleich zum letzten Duell auf identisches Personal. Das bedeutet: Michal Repik, Yannick Blaser, Nico Dünner, David Stämpfli und Simon Lüthi (ihn zwickt es zudem im Rücken) sind abermals überzählig. Kreis sagt: «Die Entscheide fallen mir nicht leicht. Wir verfügen beispielsweise über fünf exzellente Ausländer.»

Möglich, dass Kreis auch darum auf eine Rochade verzichtet, weil es ihm kein Glück brachte, als er nach dem 1:0-Auswärtssieg in Spiel 2 den schwedischen Abwehrchef Daniel Sondell opferte und damit das ungeschriebene Gesetz brach, wonach man ein siegreiches Team niemals umstellen soll.

Ob das Umdenken des Trainers die Wende bringt? Die Antwort gibt es heute Abend in der voraussichtlich abermals ausverkauften Bossard-Arena. Ein Sieg und über Harold Kreis strahlt die Sonne morgen intensiver denn je.