EISHOCKEY: Millionär wird er so oder so

Sven Andrighetto hat noch nie in der NLA gespielt. Jetzt ist aber der EV Zug am vergessenen «NHL-Desperado» aus Montreal interessiert.

Klaus Zaugg/Montreal
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Kämpft um einen Stammplatz: Montreals Sven Andrighetto. (Bild: François Lacasse/Getty (Montreal, 10. 12. 2016))

Kämpft um einen Stammplatz: Montreals Sven Andrighetto. (Bild: François Lacasse/Getty (Montreal, 10. 12. 2016))

Klaus Zaugg/Montreal

sport@luzernerzeitung.ch

Erst im Laufe der WM im letzten Frühjahr in Moskau hat sich Sven Andrighetto (23) mit sieben Punkten aus sieben Partien richtig ins Bewusstsein der helvetischen Hockeyöffentlichkeit gespielt. Vorher ist er in seiner Karriere weitgehend unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung geflogen. Eine mit Roman Josi, Nino Niederreiter oder Sven Bärtschi vergleichbare mediale Beachtung hatte er zuvor nie – und seit dieser WM ist er wieder weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Das hat seinen Grund: Andrighetto hat noch nie in der NLA gespielt. Er wechselte bereits mit 18 Jahren von der Nachwuchsabteilung der ZSC Lions ins nordamerikanische Juniorenhockey und schaffte von dort als Drittrundendraft direkt den Aufstieg in die NHL.

Der Zürcher mit italienischen Wurzeln – sein Grossvater wandere aus Italien in die Schweiz ein – steht inzwischen im vierten Jahr in der Organisation der Montréal Canadiens unter Vertrag. Aber er ist auch in seiner dritten Saison mit NHL-Einsätzen nach wie vor kein Stammspieler. Runter ins Farmteam, wieder rauf in die NHL und jederzeit ist ein Transfer möglich. Bis heute sind es «nur» 67 NHL-Partien (10 Tore/14 Assists). Am Donnerstag hat er gegen Winnipeg (7:4) das 11. Spiel dieser Saison bestritten und dabei zum ersten Mal getroffen. Die Saison­bilanz steht jetzt bei 1 Tor und 3 Assists.

Andrighetto muss im Hotel wohnen

Andrighetto ist immer noch ein Wanderer zwischen den Hockeywelten, ein «NHL-Desperado». Er muss auf Kosten der Canadiens im Hotel wohnen, damit er jederzeit ins Farmteam geschickt werden kann. Erst einem Stammspieler wird erlaubt, ein Appartement zu beziehen. Finanziell hat das zwar keine Folgen, weil er einen Einwegvertrag hat. Er kassiert so oder so in dieser Saison 650000 Dollar. Davon geht die Hälfte durch Steuern weg. Er könnte in der NLA mehr verdienen, aber das interessiert ihn nicht.

Wäre nicht dieses «Züridütsch», so würde man Andri­ghetto für einen jungen Kanadier halten. Längst ist Nordamerika seine Welt geworden. Er hat hier auch eine Freundin. Die Ungewissheit, ob er morgen noch da ist oder ob er wieder ins Farmteam muss, macht ihm nichts aus. Er hat diese so typische nordamerikanische Einstellung verinnerlicht, auch dann immer das Maximum zu geben und eine positive Einstellung zu bewahren, wenn es nicht so läuft, wie man gerne möchte. «Klar ist es nicht einfach, in der vierten oder der dritten Linie etwas zu bewegen, und natürlich hätte ich gerne regelmässig mehr als zehn Minuten Eiszeit. Aber es ist, wie es ist, und jedes Spiel ist eine neue Chance.» Er sagt es nicht einfach so, weil sich das gehört. Er lebt diese Einstellung. Sein Vertrag läuft im Frühjahr aus. Er kommt in seiner Karriere an einen entscheidenden Punkt. Geht es nächste Saison weiter in der NHL, oder kehrt er in die Schweiz zurück? «Für mich gibt es nur ein Ziel: Ich will in der NHL bleiben, und dafür tue ich alles. Wenn ich mir überlege, wo ich sonst noch spielen könnte, würde ich mich bloss ablenken lassen.»

Diese Konzentration auf das höchste Ziel fällt ihm umso leichter, weil er weiss: Klappt es hier nicht, dann kann er in die Schweiz zurückkehren. Er wäre in der NLA mit Abstand der beste Schweizer Skorer mit dem Potenzial für mehr als 30 Tore. Diesen direkten Zug aufs Tor, diesen Spielinstinkt hat kein NLA-Stürmer mit Schweizer Pass. Er wäre in der NLA die perfekte «Tormaschine» auf der Flügelposition. Er ist zwar für nordamerikanische Verhältnisse relativ klein (178 cm/85 kg), spielt aber so intensiv, dass er auf dem Eis wirkt, als sei er ein paar Zentimeter grösser und ein paar Kilo schwerer.

NLA-Klubs haben ihr Interesse deponiert

Die Frage drängt sich auf: Hat Andrighetto schon Angebote aus der Schweiz für die nächste Saison? Er sagt: «Es gibt Angebote von überall her.» Hoppla. Also auch aus der KHL? «Wie ich sagte: von überall her. Nehmen Sie das einfach so zur Kenntnis.» Nun: Zug, die ZSC Lions, Lausanne und Lugano haben ihr Interesse bei seinem Agenten André Rufener bereits deponiert. Er ist ein Spezialist für die Rettung von NHL-Karrieren, die ins Stocken geraten sind. Nino Niederreiter und Sven Bärtschi hat er aus der Sackgasse heraus zu neuen NHL-Ufern und Dollarmillionen geführt.

Sven Andrighetto weiss, dass er bei «Rufi» in besten Händen ist. Millionär wird er so oder so – entweder bereits mit dem nächsten NHL-Vertrag oder dann halt lange vor seinem 30. Geburtstag in der NLA.